Dieses Bild stammt von Maler Hans Werner Sahm und zeigt auf besonders schöne Weise eine Welt zwischen Licht und Schatten, was sehr passend zur Geschichte "Zwischenwelt" ist.

Inhalt

Bild von Hans Werner Sahm. Es heisst "Zwischenwelt"

Lea leidet unter schweren Depressionen und stürtzt sich von einer Brücke. Sie ist jedoch nicht tot, fällt aber ins Koma.

Sie findet sich in einer Zwischenwelt wieder, wo sie seltsame Dinge erlebt und vielen gefährlichen aber auch hilfbereiten Wesen begegnet. Durch die Erfahrungen die sie macht, lernt sie vieles über sich und ihr Leben. Wird sie wieder aus dem Koma erwachen? 

(Es handelt sich hier um eine Fortsetzungsgeschichte, viel Spass dabei!

Zwischenwelt

1.Kapitel

Dunkle Nacht der Seele

Dunkelheit umfing ihre Seele. Sie stand ober auf der Brücke und schaute hinunter, in das tosende Wasser, des von den heftigen Regenfällen, der vergangenen Tage angeschwollenen, Flusses.

Die Strudel der Tiefe unter ihr, welche schon beinahe ganz im nächtlichen Schatten lagen, zogen sie irgendwie magisch an. Sie beugte sich vor und beobachtete die, im spärlichen Abendlicht, eines kühlen Novemberabends, weisslich leuchtende Gischt, der schwarzen Wellen. Wieder regnete es, wie schon so oft die letzte Zeit. Alles lag stets unter einem düsteren, nebligen Schleier verborgen. Kein Sonnenlicht durchbrach die Wolken, welche schwer und kühl über dem Land lagen. In dieser Jahreszeit ging es Lea immer am schlechtesten. Der November war für sie ein unerträglicher, dunkler Monat, ohne jegliche Freude. Schatten ihres Lebens, ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart, ja gar ihrer Zukunft, breiteten sich dann immer wieder bedrohlich über ihr Sein aus und sie glaubte davon verschlungen zu werden. Immer wieder, hatte sie diese schrecklichen Phasen der dunklen Nacht der Seele. Dann war sie voller Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, nichts mehr konnte sie dann noch erfreuen. Nichts, konnte sie mehr aus dieser Düsternis herausholen.

Gerade war es ganz besonders schlimm.  Viele Dinge waren die letzten Tage geschehen. Sie war in einer schwierigen Lebensphase, die sehr viel Trauer, Unruhe und Stress mit sich brachte. Sie schlief schlecht, lag meist bis fast bis zum Morgengrauen wach und dann, war sie für alles zu müde, was der Alltag von ihr verlangte. Sie konnte dann nicht mehr konzentriert arbeiten. Sie stritt mit ihrem Mann Nathaniel und hatte kaum Geduld für ihren 4- jährigen Sohn David. Immer wieder, glaubte sie, dass der Stress all die Arbeit, sie irgendwann gänzlich auffressen würde. Sie verlor in diesen schrecklichen Phasen jeglichen Lebensmut, sehnte sich nach einer andern, eine besseren Welt, einer Welt die nicht so viel Schweres, so viel Leid enthielt. Genau wie jetzt auch wieder. Diese Tiefe unter ihr, dieser tosende Fluss, konnte er ihr vielleicht endgültigen Frieden geben? Flüchtig dachte sie an ihre Familie. Doch, so sehr sie diese auch liebte, in diesem Moment waren alle Gefühle von Liebe und Freude unter einer dunklen, schweren Decke verborgen. Sie hasste sich selbst, sie hasste sich so sehr dafür, dass sie das Leben einfach nicht besser im Griff zu haben schien. Sie kämpfte immer wieder vehement, gegen diese dunklen Gefühle, diese Ohnmacht und Verzweiflung an, doch…es half einfach nichts. Sie kamen immer und immer wieder zurück, diese Tiefs, auch wenn sie manchmal wieder glaubte, sie endlich besiegt zu haben. Sie war sonst, wenn es ihr gut ging eigentlich ein lebensfroher Mensch, mit viel Liebe für andere und einer optimistischen Grundhaltung. Doch auf einmal, war es wieder so weit und die Verzweiflung kehrte zurück, wie ein Blitz aus heiterem Himmel! Es musste nur etwas Kleines passieren, dass sie zu sehr aufregte, oder zu sehr stresste, dann schlug  der Optimismus auf einmal in unerträglichen Pessimismus um. Lea glaubte dann auch, niemand liebe sie wirklich, keiner verstehe sie tatsächlich. Sie wurde sich selbst irgendwie vollkommen fremd.

Auch jetzt, da sie hier oben auf der alten Steinbrücke stand, unter ihr eine Schlucht, durch die der Fluss floss, glaubte sie irgendwie, eine andere Person, nehme ihren Platz ein. Das machte ihr noch mehr Angst und sie steigerte sich richtiggehend in diese Verzweiflung hinein. „Nein!“ dachte sie bei sich „so hat mein Leben keinen Sinn mehr! Ich bringe nur schreckliches Elend über alle, die mit mir zusammen leben müssen. Ich bringe einfach nichts auf die Reihe, ich kann dem allem nicht mehr gerecht werden! Ich kann nicht mehr, ich kann einfach nicht mehr! Ich ertrage diese schwere Welt, keinen Tag länger!“ Sie schwankte. Der Abgrund, schien sie zu rufen, er schien sie zu sich hinab ziehen zu wollen. „Komm her!“ schien er zu flüstern „Komm her und ich werde dir Frieden schenken, ewigen Frieden!“ Irgendwo, tief in ihrem Innern, beinahe unsichtbar, verborgen hinter den dichten Wolken ihrer Depression, begehrte eine leise Stimme auf. „Nein, tu es nicht! Es gibt noch so viel für das es sich lohnt zu leben! Gib nicht auf! Denk an alle die dich lieben!“ Doch der Ruf des Abgrundes war einfach zu stark, Die Sehnsucht danach, endlich Ruhe finden zu können, zu intensiv. Lea dachte, an all die Dinge in ihrem Leben, die schiefgelaufen waren, oder jetzt wieder schief liefen. An all das, dessen sie noch gerecht werden musste und zu dem sie sich einfach ausserstande fühlte, in diesem Augenblick.  All das türmte sich zu einem endlosen Berg vor ihr auf. Ein Berg, bedrohlich, schwarz und unüberwindbar. Er schien sie zu erdrücken, sie konnte kaum mehr atmen. Der Berg wurde zu einem Teil ihrer selbst, tonnenschwer, drückte er auf ihr Herz. Ihr Leben war vorbei, ja es war vorbei! und…sie gab dem Ruf des Abgrundes nach…

Nathaniel, wurde vom schrillen Klingeln des Telefons aus dem Schlaf gerissen. Er fand sich wieder, auf dem Sofa, der Fernseher lief noch immer. Das Frühprogramm hatte noch nicht begonnen, schwarzsilbernes Geriesel huschte über den Bildschirm. Er erschrak. Er musste am Fernseher eingeschlafen sein, als er auf Lea gewartet hatte, welche gesagt hatte, sie müsse etwas an die frische Luft. Es ging ihr nicht sonderlich gut, dieser Tage, doch Nathaniel  machte sich keine ernst zu nehmenden Sorgen um sie. Sie hatte sich immer wieder gefangen, auch wenn sie immer mal wieder depressive Verstimmungen hatte. Doch diese, waren noch nie so weit ausgeartet, dass sie eine Dummheit beging. Ausser damals das eine Mal, als sie, nach der Geburt von David, eine  Wochenbettdepression hatte. Damals war sie so schlimm dran gewesen, dass sie sich mit einem Messer hatte die Pulsadern aufschneiden wollen. Doch sie ging dann in eine Therapie und bekam auch Medikamente, die ihr darüber hinweg halfen. Nach einiger Zeit, setzte sie die Medikamente wieder ab und es kam nie mehr vor, dass sie so etwas Dummes tat.

Nun jedoch, da Nathaniel zum Telefon ging, hatte er auf einmal ein ganz flaues Gefühl in der Magengegend. Es war seltsam, dass Lea den Fernseher nicht ausgemacht hatte, als sie nach Hause kam. Dass sie ihn auf dem Sofa schlafen liess, wenn er vor dem Bildschirm einnickte, war üblich, aber dass sie den Fernseher laufen liess, nicht. Er blickte auf die Uhr, während er zum Telefon ging. Es war drei Uhr Nachts. Als er den Hörer abhob und sich eine unbekannte, männliche Stimme meldete und ihm die schreckliche Botschaft überbrachte, weiteten sich Nathaniels Augen vor Entsetzen. „Ich werde sofort kommen!“ sprach er und legte den Hörer auf. Sein Herz klopfte bis zum Hals, sein Puls raste, Entsetzen kroch durch seinen Körper. Er atmete tief durch, dann nahm er das Telefon erneut zur Hand und wählte die Nummer seiner Eltern.

Die verschlafene Stimme seiner Mutter Lisa, meldete sich am andern Ende. „Mama!“ sprach Nathaniel zutiefst aufgewühlt. „Du musst unbedingt kommen und zu David schauen! Es ist etwas Schreckliches passiert!“

Lea erwacht in einem dunklen Gewölbe. Sie sah sich um. Was war geschehen? War sie jetzt tot? Sie erinnerte sich, wie sie sich hatte in den Abgrund fallen lassen, wie sie immer tiefer und tiefer gestürzt war und schliesslich die tosenden  Fluten des Flusses sie umfingen, wie kalte Totenhände. Es war kein schönes Gefühl gewesen, jedoch hatte sie auch keine Schmerzen gehabt. Sie hatte nur einen Schlag verspürt und dann war es finster um sie herum geworden, ganz finster. Wie in einem seltsamen Traum, hatte sie sich selbst in undurchdringlicher Dunkelheit herum wandeln sehen, losgelöst von ihrem Körper und dennoch, fühlte sie sich von ihm doch nicht wirklich  getrennt. Es war ein eigenartiger Zustand. Eine endlos lange Weile, war sie so herum gewandelt, doch nun…war sie plötzlich hier. Sie wusste nicht, wie sie hergekommen war und sie wusste auch nicht, wo sie eigentlich war. Es gab hier kaum ein Licht. Die spärlichen Lichtquellen, drangen von oben herab zwischen den schwarzen, verfallenen Wänden hindurch. Es war ein Art Domgewölbe, alt und zerfallen. Mit Reliefen und einschüchternden Gestalten und Fratzen geschmückt, die etwas Furchteinflössendes ausstrahlten.

Sie sah sich um, lauscht. Alles war still um sie, nur irgendwo tropfte Wasser herab und manchmal, pfiff der Wind durch die vielen Ritzen und Spalten, der Mauern. Sie ging umher und suchte einen Weg aus dem seltsamen Gewölbe heraus. Schliesslich fand sie einen Durchgang. Dahinter war es jedoch ganz finster. Sie traute der Sache nicht und schaute sich nach einem weiteren Durchgang um, doch es gab keine andere Möglichkeit, das unheimliche Gewölbe zu verlassen. Das spärliche Tageslicht, das zu ihr herab schien, schien sehr weit weg, so weit. Es gab auch keine Möglichkeit hinauf zu klettern. Ein seltsamer Himmel, spannte sich über ihr. Ein Himmel in einem  dunklen petrol, voll schwarzer Wolken, die über das Firmament rasten, angetrieben von einem stürmischen Wind. Manchmal durchzuckten Blitze die Schwärze und dann fragte sich Lea, ob sie eigentlich wirklich da hinauf wollte, oder es hier doch gemütlicher war.  Doch seltsamerweise, spürte sie in sich auf einmal wieder einen Kampfgeist in sich, der sie dazu antrieb, nicht einfach an diesem Ort zu verharren. Was und wo war überhaupt war dieser Ort? Träumte sie, oder…war sie womöglich tot? Sie wusste es nicht. Auch die Erinnerungen daran, was geschehen war, waren sehr verschwommen. Sie spürte, dass sie etwas Schlimmes getan hatte, aber was war es nur. Was, wollte sie bloss hier?

„Hier erwartet dich das Schicksal, dass du verdient hast!“ sprach auf einmal eine unheimliche, düstere Stimme aus der Finsternis. Lea fuhr herum. Die Stimme kam aus Richtung des Durchganges, den sie vorhin entdeckt hatte. Dort erschien auf einmal ein glühendrotes Augenpaar. Voller Entsetzen starrte sie dieses an. „Wer…wer bist du?“ stotterte sie und fühlte auf einmal eine schreckliche Schwäche in sich, eine Ohnmacht die sie lähmte und unfähig machte zu handeln. „Ich…bin der, der Macht über dich hat. Jener, der dein Leben lenkt und dich steuert. Die ganze Zeit, habe ich dich gesteuert.“ „A…aber, das stimmt nicht! Du…“ die Worte blieben Lea im Hals stecken. Sie wich etwas zurück, doch die roten Augen, nagelten sie fest, verfolgten sie, bohrten sich in ihr tiefstes Inneres. Es war wie ein Feuer, das sie von innen heraus zu verbrennen schien. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und rief: „Nein! Bleib mir vom Leib! Ich habe nichts mit dir zu tun!“ Ein schreckliches, hämisches Lachen, war die Antwort. „Du irrst. Alles in deinem Leben, dreht sich nur um mich, deswegen…hast du dich so schwer versündigt, darum kennzeichnet Versagen deinen Weg.  Ich bin schon so lange ein Teil deines Wesens und, ich werde dich verschlingen, für immer und ewig! Du kannst mir niemals entkommen!“ Das rote Augenpaar, kam näher, immer näher. Lea spürte die Präsenz einer dunklen Macht, einer Macht, die in ihr blankes Entsetzen wachrief. Sie wich noch ein paar Schritte zurück, doch…dann spürte sie die Gewölbewand in ihrem Rücken und sie erkannte, dass es hier nicht weiterging. Sie war dem schrecklichen Geschöpf, dass sich nun immer mehr aus der Dunkelheit der vielen Schatten hier, herausschälte, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie wurde von Hoffnungslosigkeit übermannt, Hoffnungslosigkeit, die sie ihr ganzes Leben, immer wieder begleitet hatte. Und das Wesen…bewegte sich stetig auf sie zu…

Nathaniel sass neben dem Bett, in dem seine geliebte Lea lag und Tränen liefen ihm dabei über die Wangen. Was war bloss mit ihr geschehen? Warum war sie von dieser Brücke gesprungen? Es hatte doch den Anschein gemacht, als hätte sie diese Depressionen immer besser gemeistert. Nathaniel war so davon überzeugt gewesen, dass sie es eines Tages schaffen, würde, auch mit seiner Unterstützung, durch die Liebe, die sie verband und ihren wunderbaren, kleinen Sohn, der ihnen so viel Freude brachte. Doch nun…hatte Lea doch aufgegeben. Sie hatte es diesmal nicht geschafft, der Depression stark genug entgegen zu wirken und er Nathaniel, hatte sie in ihrer schlimmsten Stunde allein gelassen. Er hatte sie einfach weggehen lassen, ohne zu erkennen, wie es wirklich um sie stand. Er wusste nicht, ob er sich das jemals verzeihen würde. Das Leben war die letzte Zeit, nicht gerade zimperlich mit Lea umgegangen. Sie hatte ihre Stelle verloren, weil das Geschäft in dem sie arbeitete, Konkurs gemacht hatte. Gleich darauf, war auch noch ihr Vater gestorben, mit dem sie einst im Streit auseinandergegangen war, ohne dass sie mit ihm noch hatte Frieden schliessen können. Dazu war noch eine schlimme Krankheit gekommen, eine Streptokokken Infektion, die ihr Immunsystem so stark schwächte, dass sie immer wieder von neuem krank wurde und sich einfach nicht mehr recht erholen konnte. Sie hatte demzufolge keine richtige Kraft mehr für ihren Sohn aufbringen können, der sie doch noch so sehr brauchte. Nathaniel, konnte sie nur begrenzt unterstützen, weil doch wenigstens er arbeiten musste, wenn Lea schon die Stelle verloren hatte. So musste er David immer häufiger in Fremdbetreuung geben. Doch ständige Fremdbetreuung, war sehr teuer und nicht die optimalste Lösung. Nathaniels Mutter, konnte auch nur begrenzt zu dem Kleinen schauen, weil sie auch noch arbeitete, obwohl sie es sehr gerne tat und ihren Enkel abgöttisch liebte. Von Leas Seite, hatte niemand die Zeit, die Nerven, oder überhaupt das Bedürfnis, zu David zu schauen.

Das alles hatte sehr an Lea gezerrt, das wusste Nathaniel. Sie neigte sowieso dazu, mit sich selbst äusserst hart ins Gericht zu gehen und natürlich hatte sie schreckliche Schuldgefühle, vor allem ihrem Sohn gegenüber. Nathaniel schaute auf seine Frau herab und wieder zog ihm der Schmerz das Herz zusammen. Warum nur, hatte es so weit kommen müssen? Warum, war das Leben mit einigen Menschen so mild, mit andern so hart? Er konnte Lea verstehen, er konnte sich in ihr Leid hinein fühlen, das hatte er immer gut gekonnt. Er wusste um ihren grossen Gefühlreichtum, er wusste um ihr Leid und er liebte sie, bedingungslos und aufrichtig, wie sie auch ihn. Doch das war es, was in ihm irgendwie auch ein Gefühl der Wut weckte. Er war hin und her gerissen, zwischen dieser Wut und dem Mitgefühl für Lea. Die Wut kam daher, weil er einfach nicht recht begreifen konnte, warum sie nun doch hatte aufgeben wollen, da es doch so viel Liebe in ihrem Leben gab, so Vieles, wofür es sich lohnte zu leben, trotz all der Widrigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten.

Nathaniel kannte keine solchen gefühlsmässigen Tiefs, wie Lea sie kannte. Er war zwar manchmal auch niedergeschlagen, bekümmert oder traurig, aber er blieb immer gut geerdet und er war stets zuversichtlich, dass alles nur wieder besser werden konnte. Doch sie…hatte aufgegeben, ihn aufgegeben und auch ihren Sohn… Sofort, korrigierte er sich aber wieder, als ihm diese Gedanken kamen. Sie war einfach anders gestrickt, sie hatte eine ganz andere Hintergrundgeschichte als er. Er war in einer Familie aufgewachsen, die ihn sehr geliebt und unterstützt hatte, im Gegensatz zu ihr. Ausserdem, besass er die Gabe, alles etwas lockerer und sachlicher zu sehen als Lea, welche noch sehr oft von Emotionen hin und her geworfen wurde. Er durfte ihr nicht böse sein und doch… „Ach Gott Lea“, flüsterte er und legte seinen Kopf an ihren. „Warum nur musste das alles passieren? Bitte gib nicht auf! Bleib bei uns! Stirb nicht, bitte stirb nicht!“

Das dunkle Wesen, bewegte sich unaufhaltsam auf Lea zu. Es war schrecklich anzusehen. Ein schwarzes, schattenhaftes Etwas, mit Tentakeln, die nun gierig nach ihr tasteten. Ein Tentakel erwischte sie am Bein und hinterliess einen ätzenden, höllisch schmerzenden Striemen. Die junge Frau war verzweifelt, empfand blankes Entsetzen, Furch und Schwere. Sie glaubte, der Boden unter ihr tue sich auf und  sie versinke in einer Welt ewiger Dunkelheit, in der dieses Wesen der Herrscher war. Sie atmete schwer und starrte wie gelähmt auf dieses Ding, das immer näher kam. Sie war machtlos dagegen, sie konnte gegen dieses Monstrum  nicht bestehen! Die Tentakel griffe nach ihr, wollten sie umschlinge, verschlingen, einverleiben. Wenn dem Wesen das gelang… dann starb Lea, dann war sie für immer und ewig verloren…

Doch plötzlich, kam ihr ein Gedanke, ein Hoffnungsschimmer, der sie wunderbar warm berührte. Sie wusste nicht woher dieser Hoffnungsschimmer kam. Doch wie ein leuchtender Lichtstrahl, drang er aus der endlosen Finsternis zu ihrem Herzen vor. „Das hier ist nicht das Ende. Ausserdem…vielleicht bist du sowieso schon gestorben und es liegt jetzt an dir, dich diesem Monster zu stellen, wo immer es auch herkommen mag. Der ewige Tod, ist nicht dein Los und schon gar nicht durch dieses Monster!“

„Nein! Ich gebe nicht auf!“ schrie sie, von neuer Kraft erfüllt. Sie richtete sich zu ihrer vollen Grösse auf, ihre Schultern strafften sich und auf einmal, erschien ein leuchtender, langer Stab in ihrer Hand, an dessen Spitze sich ein weisser Kristall befand. Sie hatte sich auch sonst verändert. Sie trug nun ein zartrosa Gewand mit goldenen Zierstreifen an den Säumen, das zusammengehalten wurde, von einem ebenfalls goldenen Stoffgürtel. Ihr von dunkelblonden, halblangen Locken umgebenes Haupt, war mit einem glitzernden, in die Spitze laufenden, Diamantdiadem geschmückt. Sie wirkte wie eine Priesterin, aus einer Welt, jenseits der Wirklichkeit. Und nun stellte sie sich dem Monster entgegen! Sie durchtrennte und versengte dessen Fangarme mit der magischen Kraft ihres Stabes und war selbst erstaunt, dass sie dazu in der Lage war. Wo nur, war sie hier gelandet? Was hatte das alles für einen Sinn? Doch sie hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn  das schreckliche Monster, liess ihr keine Ruhepause. Sie schlug immer und immer wieder auf es ein, doch es schien nie wirklich Schaden zu nehmen. Verzweiflung machte sich erneut in ihr breit, als sie spürte, dass sie ihre Kräfte langsam verliessen und sie der Kreatur, bald nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Würde sie nun für immer und ewig verdammt sein?

Gerade, als Lea endgültig aufgeben wollte, weil sie schlichtweg nicht mehr konnte, passierte erneut etwas Unerwartetes! Zwischen ihr und dem Monster, schlug auf einmal ein seltsamer, goldener Blitz ein. Eine Gestalt schälte sich aus ihm heraus. Es war eine wunderschöne Frau, eine Inderin mit herrlichen, orientalischen Gewändern in Weiss und Gold. Sie war reich mit Goldketten und sonstigem Schmuck behängt und trug einen zweiendigen Speer in der Hand, mit dem sie sich jetzt dem Monster entgegenstellte. Einen Augenblick, erfüllte Lea tiefe Erleichterung und Dankbarkeit, doch als die Augen der Prinzessin und ihre, sich kurz begegneten, erschrak sie über die Kälte und Härte, welche von dieser Frau ausging. Sie mochte sie eigentlich gar nicht. Sie hasste sie und zugleich, liebte sie sie, denn sie war es, die Lea etwas Erholung verschaffte.

Das Schattenwesen, wurde ein wenig zurückgedrängt und die Prinzessin zischte ihr unwirsch zu: „Verschwinde hier endlich! Wieder muss ich dir das Leben retten. Als ob ich das nicht schon genug getan hätte“ Lea starrte die Frau etwas entgeistert an. Irgendwie machte sie diese schrecklich zornig. „Ich komme schon klar, “ sprach sie trotzig „Ich brauche dich nicht!“ „Das glaubst du wohl selbst nicht!“ gab die Prinzessin noch arroganter zurück. „Na los, hau ab! Du musst nicht unbedingt als breiige, verätzte Masse enden!“ „Du wirst mich niemals los!“ brüllte nun das Monster. „Ihr könnt machen mit mir, was ihr wollt, ich komme immer ans Ziel!“ Als Lea diese Drohung hörte, wurde sie doch etwas unsicher. Und sie überlegte sich, ob sie sich den Rat der Prinzessin, doch zu Herzen nehmen sollte und von hier verschwinden. Doch wie, war die Frage?

Lea blickte sich erneut in dem Gewölbe um, dessen gruseligen Verzierungen, sich auf einmal zu bewegen schienen. Sie entwickelten ein Eigenleben, vermutlich durch die magischen Kräfte, die hier aufeinander trafen. Das Monster, wie die Prinzessin, besassen ein starkes Od, dass bewirkte, dass immer mehr der bisher noch zu Stein erstarrten Statuen, zum Leben erwachten und nun Lea auch noch bedrängten. Sie versuchte sich diese mit ihrem Stab vom Leib zu halten, doch sie liessen nicht locker. „Lass dir doch endlich Flügel wachsen!“ hörte sie nochmals die Stimme der Prinzessin. Die Steinkreaturen, kamen immer näher zu Lea heran, immer näher. Sie fühlte sich bedroht und befahl den Steinkreaturen, sie in Frieden zu lassen, doch diese dachten nicht daran.

Schliesslich befolgte Lea den Rat der ungeliebten Prinzessin, sie wünschte sich Flügel und tatsächlich… aus ihrem Rücken wuchsen plötzlich goldbraune Flügel! Sie bewegte sie erst zaghaft auf und ab, dann immer schneller. Die mächtigen Schwingen erzeugten eine heftigen Windstoss und verscheuchten die Steinkreaturen, wenigstens etwas. Immer weiter flatterte Lea mit den Flügeln und schliesslich dann, erhob sie sich in die Lüfte. Sie konnte es kaum glauben! Sie flog höher, immer höher hinauf, unter sich noch immer die wild  Kämpfenden und die Steinkreaturen, die versuchten sie zu erreichen. Doch Lea, fühlte sich auf einmal ganz leicht und war von tiefem Glück und neuem Mut erfüllt. Sie hatte es geschafft.

„Das war nicht unser letzes Zusammentreffen“, vernahm sie die Stimme des Monsters. „Ich werde dich überall finden und eines Tages, werde ich dich ganz vernichten. Ich werde dich in eine Dunkelheit führen, aus der du nie mehr entkommen kannst!“ „Dass du dich da nur mal nicht täuscht“, erwiderte Lea, nun wieder von neuer Zuversicht erfüllt. „Ich bin schon über alle Berge, bis dich die orientalische Prinzessin vom Haken lässt.“ „Freu du dich nicht zu früh! Ich kann an vielen Orten gleichzeitig sein.“  „Du machst mir keine Angst mehr, du wirst mich nicht mehr so einfach in die Enge treiben, jetzt da ich weiss, wie viele Möglichkeiten ich habe dir zu entkommen. Ich kann sogar fliegen und ich werde innert kürzester Zeit weit, weit weg von dir sein!“ Das Monster antwortete nicht mehr und Lea wollte auch keinen Gedanken mehr an es verschwenden. Im Augenblick, war sie einfach nur glücklich und genoss das Fliegen. Es war so wunderbar, so herrlich und sie fühlte sich in diesem Moment wahrlich frei. 

 

2. Kapitel

Der Sternblumengarten

Noch eine ganze Weile flog Lea, das dunkle Gewölbe, in dem sie solchen Schrecken erlebt hatte, lag nun bereits weit hinter ihr. Das Land jedoch, veränderte sich kaum. Noch immer leuchtete über ihr der petrolfarbene Himmel, mit den dunklen Wolken. Doch letztere, wurden nun nicht mehr so wild darüber hinweg getrieben, wie am Anfang. Es schien, als habe das Gewitter sich etwas gelegt, als sie das dunkle Gewölbe verlassen hatte. Das fand sie interessant. Unter ihr glitt ein eher karges Grasland dahin, welches irgendwie die Farbe des Himmels wiederspiegelte. Es war in dunklen Tönen gehalten, bestand aus Schattierungen von mattem blaugrün, dunkelgrau und schwarz. Bäume und Sträucher, streckten da und dort ihre kargen Äste empor. Sie sahen aus wie unheimliche Totenfinger. Es war eine seltsame Welt und Lea dachte erneut darüber nach, wie sie hergekommen war und ob dies wohl das Jenseits war. Wenn ja, dann war sie an einem eher unwirtlichen Ort gelandet. Sie wollte hier auch nicht bleiben, etwas trieb sie stetig vorwärts. Das vorhin Erlebte, war nun schon nicht mehr so präsent, als ob es sich in ihr tiefstes Unterbewusstsein, zurückgezogen hätte.

Das Ziel, war ihr nun vor allem wichtig. Ein Ziel, von dem sie aber noch nicht genau wusste, wo es eigentlich lag. Sie war auch noch unfähig, in dieser Hinsicht einen klaren Gedanken zu fassen. Sie konnte noch nicht verstehen, was sie hier sollte, aber dass sie vorwärts gehen musste, wusste sie. Sie musterte sich selbst, während sie einfach so dahinflog. Ihre goldbraunen Flügel, rauschten leise. Sie glänzten irgendwie seltsam im grünlichen Zwielicht und sie fragte sich, wie sie wohl aussahen, wenn helles Sonnenlicht darauf fiel. Ja Sonnenlicht, das hatte sie schon lange nicht mehr gesehen! Das hier, war eine Welt der Schatten und der stetigen Dämmerung. Es gab keinerlei Hinweise auf helles Tageslicht, das begann langsam etwas an ihrem Gemüt zu zerren. Sie hielt nach irgendeinem Anhaltspunkt Ausschau, doch vor ihr und hinter ihr, schien sich nur endlose Weiten, ohne sichtbare Veränderungen auszudehnen.

Dann auf einmal jedoch, hielt sie inne! Da war doch etwas! Weit, weit hinten, tauchte eine dunkle Bergkette auf! Am Fusse dieser Bergkette, leuchtete etwas! Es war ein phosphoreszierender, blauer Schein. Lea verschnellerte ihren Flug und… dann entdeckte sie auf einmal ein schwarzes, einsames Haus, mit einem seltsamen Garten darum herum. Es war ein Garten, der nur aus kleinen, sternförmigen Blumen bestand. Diese Blumen erzeugten diesen phosphoreszierenden Schein. Es war wundervoll anzusehen und die junge Frau beschloss, dort zu landen. Sie sah sich um. Die Sternblüten glitzerten wie wundervollste Kleinode.

Lea setzte zur Landung an, die Flügel verschwanden nun auf einmal und sie trug plötzlich ein dunkelviolettes Kleid mit einem schwarzen Gürtel und einem, ebenfalls violetten, aus reicher Spitze bestehenden, hohen Stehkragen. Der Ausschnitt des Kleides war etwas tiefer und legte ihr Dekolleté frei. Leas Körper war eher kurvig, nicht schlank, aber auch nicht dick. Ihr Haar, war dunkelblond und ziemlich stark naturgelockt. Ihre Augen leuchteten blau, ihre Lippen waren voll und ihr Gesicht symmetrisch, mit ausgeprägtem Profil. Nun jedoch, veränderte sie sich plötzlich! Ihr Haar, wurde schwarz und etwas länger. Sie glaubte auch etwas jünger und straffer auszusehen. Die ständigen Verwandlungen, zu denen sie in dieser Welt imstande war, erstaunten sie. Es war, als würde ihre momentane Stimmung und auch etwas ihre Umgebung, eine Auswirkung darauf haben. Sie fand das ein sehr interessantes Phänomen.

Sie ging etwas näher an eine der Sternblumen heran und bewunderte ihre filigrane Schönheit. Das erste Mal, nach so ewig scheinender Zeit, sorgten diese Blumen für etwas Abwechslung in dieser kargen Welt. Die Blütenstempel waren lang und an der Spitze mit einem leuchtenden, etwas breiteren Ende versehen, das noch heller strahlte, als der Rest der Blume. Sie beugte sich über sie und roch daran. Ihr Duft war geheimnisvoll und verführerisch. Ihr phosphoreszierender Schein, spiegelte sich in Leas Gesicht wieder, dessen Haut nun glatt und ohne jeglichen Falten war. Sie sah aus wie damals mit 18, 20 Jahren.

„Gefallen dir meine Blumen?“ fragte auf einmal eine dunkle, angenehme Stimme hinter ihr. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Vor ihr stand ein geheimnisvoll aussehender Mann, mit sehr schönen, edlen Gesichtszügen. Seine Augen waren von tiefem Dunkelbraun, dass sich in diesem Licht hier noch verstärkte. Sein Haar, war ebenfalls dunkel, mit dichten, langen Locken. Er hatte ziemlich lange Wimpern, seine Augenbrauen waren ausgeprägt und seine Lippen sinnlich. Etwas ging von ihm aus, etwas seltsam magisches, Geheimnisvolles, so…wie bei den Sternblüten. Er passte wahrlich zu diesen Blüten! Als sich sein und ihr Blick begegnete, spürte Lea auf einmal eine seltsame Erregung in sich, sie fühlte sich auf eigenartige Weise sehr von diesem Mann angezogen, doch gleichzeitig machte er ihr auch etwas Angst, denn sie wusste nicht, was wirklich hinter seinem Äusseren verborgen lag. Er war schwer zu erfassen, doch gerade das zog sie an ihm so an. Sie wollte mehr von ihm erfahren.

„Ja, sprach sie „diese Blumen sind wirklich wunderschön, vor allem, weil sie an so einem kargen Ort wachsen. Es ist kaum zu glauben, dass die Erde dieser Welt hier, sowas hervorbringen kann.“ „Es ist nicht die Erde, die die Sternblumen zum Wachsen bringt, “ sprach der Mann und musterte sie mit einem intensiven Blick, der seltsame Schauer durch ihren Körper rieseln liess. Er war irgendwie magnetisch, in seinem ganzen Wesen, seinem ganzen Gebaren. „Was…ist es denn sonst noch?“ fragte sie und bemühte sich  nicht zu stottern. Sie versuchte ihre Unsicherheit mit einem Scherz zu überspielen „am vielen Sonnenlicht,  kann es wohl kaum liegen.“ „Nein, Sonnenlicht, brauchen die Sternblüten wahrlich nicht! Es würde sie vernichten.“ „Aber…was ist es dann?“ Sie schaute ihn gespannt an. Er jedoch, liess sich mit der Antwort Zeit, nahm die nächstgelegene Blüte in seine Hand und streichelte sanft und liebevoll darüber, als wäre sie keine Blume, sondern eine Geliebte. „Mein Geist, meine Liebe, lässt sie wachsen“, sprach er dann leise und musterte Lea dann erneut mit einem intensiven Blick. „Diese Blumen sind meine Schätze, in ihnen liegt alles, was mir wichtig ist. Ich brauche nur sie, um glücklich zu sein. Nichts weiter. Sie…sind mein Leben.“

Lea schaute sich um und dachte darüber nach, ob das Leben, das dieser Mann führte, ihr auch gefallen hätte. Doch so schön, filigran und einzigartig diese Sternblumen auch waren, sie hätten nie ihr Lebensinhalt werden können. Etwas fehlte hier, es war zu karg, zu eintönig. Sie vermisste die Farben, das Licht. Es gab hier kein wirkliches Licht, nur das Licht der Sternblüten, doch das reichte bei weitem nicht aus.

Der Fremde, der ihr doch so seltsam vertraut schien, trat nun noch näher an sie heran, seine Augen nagelten die ihren unverwandt fest. Schliesslich war sein Gesicht so nahe bei dem ihrem, dass sie seinen Atem auf der Haut fühlte. Ihr Herz begann heftig zu klopfen. Sie konnte sich der Faszination dieses Mannes kaum entziehen. Einen Moment lang, wollte sie sich einfach hingeben und sich in seine Arme sinken lassen.

„Wenn du willst…“ sprach er plötzlich mit einem seltsamen Ton in der Stimme „kannst du auch eine meiner Sternblüten werden. Bleib einfach hier bei mir!“ Lea zuckte zusammen und schüttelte die seltsame Schwäche, die sie gerade übermannt hatte ab. Was sollte sie nun von diesem Angebot halten? Ihre Gefühle waren eine Mischung aus Schrecken und sich geschmeichelt fühlen. Dieses Angebot, war sicher ein grosses Kompliment, wenn man bedachte, was die Sternblumen diesem Mann bedeuteten. Aber…der Gedanke, dass sie ihr Dasein immer hier fristen sollte, gefiel ihr gar nicht. Sie glaubte auch nicht, dass es das Richtige gewesen wäre. Sie sehnte sich nach etwas anderem als diesem hier, auch wenn…die Gegenwart des geheimnisvollen Fremden ihr sehr gefiel und sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Er konnte ihr jedoch niemals das geben, was sie suchte.

Sie erinnerte sich in diesem Augenblick kaum mehr an das Leben, dass sie vor dem Eintauchen in diese Welt geführt hatte, doch tief in sich fühlte sie, dass sie weitergehen musste. „Ich fühle mich geschmeichelt durch dein Angebot“, sprach sie deshalb „aber… das ist nicht mein Weg. Ich kann an diesem Ort nicht leben. Ich muss…weiterziehen, ich muss Antworten finden, über so vieles.“ „Du suchst nach dem Sonnenlicht und den bunten Blumen, nicht wahr?“ sprach er und seine Augen blickten etwas betrübt, jedoch seltsam verständnisvoll. „J…ja, so ist es wohl, “ erwiderte sie. „Ich könnte hier niemals glücklich werden. Es gibt zu wenig Licht  und zu viele Schatten.“

„Die Schatten sind es, in denen ich mich am wohlsten fühle“, sagt er. „Sie geben mir Ruhe und Frieden und zugleich, erschliessen sie mir die tiefsten Tiefen, meines Daseins. Durch sie, bin ich am besten verbunden, mit dem grossen, dunklen Geheimnis, in dem alle Weisheit verborgen liegt. Doch nicht alle finden ihre Weisheit am selben Ort. Du bist ein Sonnenkind, ich ein Schattenkind.“ Er erhob seine Arme und die Ärmel seines dunklen, eher einfachen Mantels flatterten im Wind. „Licht wie Schatten, sind in unserem Wesen verborgen, doch nicht für jeden haben diese Kräfte, dieselbe Bedeutung. Schatten sind für dich etwas Bedrohliches, etwas, vor dem du dich fürchtest. Ich aber tauche ein in den Schatten, werde eins mit ihm. So verliert der Schatten an Bedrohlichkeit, weil man ihn in- und auswendig kennt und weiss wo sein Ursprung liegt, was seine Funktion ist. Vielleicht wäre es gut für dich, auch mal in die Schatten einzutauchen, um das selbst begreifen zu können. Der Schatten ist ein intensiver Teil deines Lebens.  In ihm, liegt der Schlüssel zur Transformation, denke immer daran! Ich könnte dir helfen, mit dem ewigen, dunklen Jenseits in Verbindung zu treten. Es könnte dir Heilung bringen.“ Doch Lea hatte dazu gerade kein Bedürfnis. Sie verstand wohl in groben Zügen, was der Fremde ihr begreiflich machen wollte, doch noch, hielt sie sich nicht für stark genug, sich den Schatten erneut zu stellen.

Das war ja schon bei diesem schrecklichen Monster, das ihr als erstes begegnet war der Fall gewesen. Sie hatte nun erst mal die Nase voll, von allen Arten von Schatten. Sie wollte dieser Welt endlich entfliehen. Das sagte sie dem Mann auch.

„Es wird nicht einfach sein. Hier, in dieser Welt, wirst du kein Sonnenlicht und keine bunten Blumen finden. Aber…ich würde dir empfehlen mal die „Grotte der heiligen Wasser“ aufzusuchen. Dort, so munkelt man, gibt es einen Weg in eine fremde Welt, die anders ist als diese. Dort findest du vielleicht Antworten.“ Lea nickte und sprach: „Ich danke dir für diesen Ratschlag!“. „Gern geschehen“, erwiderte der Fremde mit seiner dunklen, angenehmen Stimme. Ihre Augen begegneten sich erneut und wieder kam es Lea einen Moment lang vor, als ob die Luft zwischen ihnen beiden seltsam vibrieren würde. Sie verspürte auf einmal den Drang ihn zu küssen, doch wieder hielt sie etwas davon ab. Er war ihr zu unergründlich zu unheimlich und seine Zuwendung zu den Schatten, beunruhigte sie. Ja, sie war wirklich ein Sonnenkind! Dennoch, was war es, das zwischen ihm und ihr lag? Es war doch etwas so Vertrautes und sie wusste auch, dass das was er ihr über die Transformation gesagt hatte, vermutlich stimmte.

Er lächelte, als ob er ihre Gedanken lesen könnte und fasste in die Tasche seiner schlichten schwarzen Tunika. Er zog ein Glasamulett hervor und darin glitzerte eine der wundervollen Sternblumen. „Das hier, möchte ich dir noch mit auf deinen Weg geben. Die Sternblume soll dir durch alle Schatten hindurch leuchten, die du noch durchqueren musst. Sie ist erfüllt von einer besonderen Magie und sie wird dich schützen, wenn du glaubst verloren zu gehen.“ Lea nahm das wunderschöne Medaillon tief berührt entgegen und fragte: „Warum gibst du mir so ein wertvolles Geschenk?“ „Weil ich glaube, dass diese Blumen in deinen Händen noch eine viel umfassender Macht erhalten wird. Du hast etwas was ich nicht besitze und ich wünsche dir, dass du dein Glück und deinen Frieden einst finden magst!“ „Das…ist wirklich sehr freundlich von dir!“ erwiderte die junge Frau beinahe zu Tränen gerührt. Der Mann neigte seinen Kopf, um ihr seine Ehrerbietung zu bekunden dann… war er auf einmal verschwunden...

Nathaniel, verbrachte die ganze Nacht und den kommenden Tag am Bett seiner Frau. Einen Augenblick lang, hatte er sich wirklich grosse Sorgen, um sie gemacht. Ihre Werte waren auf einmal sehr schlecht geworden und die Ärzte mussten einschreiten, um sie zu reanimieren. Aber schliesslich gelang es ihnen sie zu retten und nun, war Leas Zustand wieder stabil. Nathaniel dankte dem Himmel dafür. Er konnte einfach nicht glauben, dass für seine Frau schon die Zeit gekommen sein sollte, sonst hätte sie doch nicht auf so wunderbare Weise überlebt.

Ein Spaziergänger, der mit seinem Hund am Fluss unterwegs gewesen war bei Abenddämmerung, hatte gesehen, wie sie sich von der Brücke gestürzt hatte. Er konnte es nicht mehr verhindern, aber als sie im, zum Glück durch die vielen Regenfälle recht tiefen Wasser, gelandet war, hatte der Fussgänger sofort Hilfe alarmiert. Lea, war noch ein Stück den Fluss hinab getrieben worden, dann konnte man sie herausfischen und sofort ins Spital fliegen. Sie war zwar schwer verletzt und deshalb auch ins Koma gefallen, aber sie lebte noch, sie war nicht tot und Nathaniel war unendlich dankbar dafür.

Seine Eltern, waren ihm eine sehr grosse Hilfe. Sie halfen ihm, alles mit David und der Arbeit zu regeln und standen ihm zur Seite, wo immer sie konnten. Sie waren auch schon selbst im Spital gewesen, allerdings noch ohne David. Heute aber, wollten sie kommen und dem Kleinen erklären warum Mami zurzeit nicht mehr nach Hause kommen konnte.

Die Tür ging auf und Lisa trat mit ihrem Mann Markus und dem kleinen David ein. Der Junge, glich seinem Vater von Körperbau und auch Gesichtsform her sehr. Seine Augen und auch Mundpartie, hatte er eher von Lea geerbt. Sein kurzgeschnittenes Haar, war goldblond, wie das seines Vaters und seine Lippen ebenfalls voll. Er war ein sehr schönes Kind, mit einer wunderbaren Ausstrahlung. Als er nun seine Mami, so daliegen sah, rannte er zu ihr hin und umschlang sie mit seinen Ärmchen. „Mami!“ rief er „Was ist mit dir?“ Nathaniel nahm David auf den Schoss und sprach mit trauriger Stimme: „Mami, ist zur Zeit sehr krank. Sie liegt in einem tiefen, tiefen Schlaf, von dem wir noch nicht wissen, wann sie wieder daraus aufwacht.“ Dass es auch sein konnte, dass sie nie mehr aufwachte verschwieg er, um seinen Sohn zu schonen. „Dann hört sie uns nicht?“ fragte der Kleine und in seinen tiefblauen Augen lag Trauer und tiefe Besorgnis. „Das kann ich nicht genau sagen. Vielleicht hört sie schon einige Dinge, die wir zu ihr sagen, aber sie kann im Augenblick nicht darauf reagieren. „Dann müssen wir viel mit ihr sprechen, ihr schöne Lieder vorsingen und vielleicht schöne Geschichten erzählen, dann wacht sie sicher bald wieder auf.“ Nathaniel und seine Eltern, nickten berührt. Alle hatten glänzende Augen, als sie ein 4- jähriges Kind solch einfühlsame Worte sprechen hörten. Nathaniel nickte und konnte sich kaum mehr beherrschen. Er drücke David eng an sich und begann zu schluchzen. „Ja, mein Schatz, das werden wir tun. Wir werden so viel wir können bei Mami sein, ihr schöne Geschichten vorlesen und schöne Lieder vorsingen. Wir werden auch zum lieben Gott und seine Engeln beten, dass sie sie bald zu uns zurückbringen mögen.“ Der Junge nickte eifrig. „Ja und dann wird Mami wieder aufwachen.“ Er streichelte Nathaniel tröstend über das verweinte Gesicht und umarmte ihn nochmals von sich aus. „Nicht traurig sein Papi, das wird schon wieder gut.“ Nathaniel lachte unter Tränen. Das ausgerechnet sein kleiner Sohn, ihm das mit solcher Überzeugung versicherte. Dabei, hätte doch er sich eigentlich stark und zuversichtlich zeigen sollen. Lisa, trat nun ebenfalls zu ihrem Sohn und umarmte ihn tröstend. „Das wird schon wieder. Kinder, haben manchmal noch viel mehr Wissen als wir und wenn David so davon überzeugt ist, dann dürfen wir auch Hoffnung haben.“ „Ja, das stimmt“, bestätigte Markus, umarmte seinen Sohn ebenfalls und klopfte ihm ermutigend auf die Schultern. „Ich danke euch, für eure Hilfe, “ sprach Nathaniel „wenn ich euch nicht hätte!“ „Das ist doch selbstverständlich. Wir sind immer für euch da.“

3. Kapitel

Der goldene Ritter

Lea ging über das dunkle, petrolblaue Gras, welches sich angenehm weich unter ihren, nun nackten Fusssohlen anfühlte. Sie fühlte sich irgendwie seltsam beschwingt, seit sie ungefähr wusste, wo ihr Ziel lag. Als sie schliesslich ganz bei den dunklen Bergen ankam, welche wie die Zacken eines gewaltigen Drachenrückens in die Höhe ragten, hielt sie inne. Sie schaute den schwarzen Steilhängen entlang nach oben, suchte nach einem Durchgang, wie sie es damals in dem unheimlichen Gewölbe getan hatte, wo sie dem schrecklichen Monster begegnet war. Die Berge wiesen seltsame, bizarre Formationen auf, die sie irgendwie flüchtig an die Steinskulpturen in jenem Gewölbe erinnerten.  Doch zum Glück waren diese Erinnerungen schon etwas verschwommen.

Das Erlebnis mit dem Mann und seinen Sternblüten, war jedoch noch sehr präsent und sie hoffte, dass dies so bleiben würde, da er ihr doch eine tiefe Weisheit mit auf den Weg gegeben hatte. Sie berührte liebevoll das Medaillon mit der glitzernden Sternblüte, dessen Licht auf der weichen Haut ihres Dekolletés, reflektierte. Sie sah nun wieder aus wie sie ursprünglich ausgesehen hatte, jedoch trug sie nun ein bequemes Leinengewand, mit weiten Ärmeln, das mit einer hellblauen Kordel zusammengehalten wurde, die zu der Sternblüte passte. Auf dem Kopf trug sie einen hellblauen Reif, mit einem gleichfarbigen Schleier daran.

Sie war ziemlich ratlos im Augenblick. Sie hätte den Mann genauer nach dem Weg fragen sollen. Sie wusste gar nicht, wo sie sich hinwenden sollte, ob nach rechts oder links, oder gar nach oben. Etwas ärgerlich, setze sie sich auf einen dunklen Felsbrocken, der mal von den Bergen herabgestürzt war, stütze ihr Kinn in ihre Hände und schaute sich weiter um. Auf einmal zuckte sie zusammen. Hatte sich dort hinter diesen Büschen nicht etwas bewegt?“ Sie erhob sich und liess zur Sicherheit ein Schwert in ihrer Hand entstehen. Mit diesem ging sie auf die Büsche zu, hinter denen es geraschelt hatte, Plötzlich sah sie ein goldenes Glitzern hinter den dunklen Stämmen. Sie ging noch näher heran. Etwas bewegte sich dort, etwas ziemlich Grosses. „Wer seid ihr!“ rief sie aus. „Zeigt euch! Ich will sehen mit wem ich es zu tun habe!“ Keine Antwort, nur ein leises Schnauben, drang an ihr Ohr. Es klang nach einem Pferd. In diesem Augenblick, ertönte ein schrilles Wiehern und  etwas wie ein goldener Torpedo, schoss über ihren Kopf hinweg. Sie blickte dem seltsamen Ding nach und sah, dass es sich dabei um einen wundervollen, goldenen Ritter in edler Rüstung handelte.  Er sass auf einem ebenfalls sehr edlen und für die Schlacht ausgerüsteten, Pferd. Er landete ein paar Meter vor ihr und ihre Blicke begegneten sich. Diesmal jedoch, war das Gefühl dass sie dabei empfand noch viel intensiver, viel vertrauter, als sie es beim Mann mit den Sternblumen, erlebt hatte. Der goldene Ritter, hatte sein Visier hochgeklappt und sie sah seine tiefblauen, wie Lapislazuli, leuchtenden Augen, die eine Offenheit, Sanftheit und Vertrautheit ausstrahlten, welche sie sehr berührte. Sie starrten sich lange nur unverwandt an. Lea wollte zu dem Ritter hinlaufen, aber sie wagte es doch nicht so recht.

Eine Ewigkeit, schienen sich die beiden nur anzuschauen und zu mustern. Der Ritter lächelte ihr dann  schliesslich ermunternd zu. „Du bist auf dem richtigen Weg.“ „Auf dem richtigen Weg. Woher weisst du, dass ich auf dem richtigen Weg bin? „Weil ich das hier alles schon erkundet habe für dich. Die Grotte mit den heiligen Wassern, liegt nicht weit von hier. Du musst dich einfach immer nach links halten, dann kommst du dort an. Es ist ein grosses Eichentor, dass du öffnen musst, mit schweren Beschlägen und vielen Schlössern, denn die heilige Quelle darf nicht von Unwürdigen betreten werden.“ „Bin ich denn überhaupt würdig?“ „Natürlich, bist du würdig! Es ist dein Schicksal, zu dir selbst zu finden und die Dunkelheit hinter dir zu lassen.“ „Ich weiss nicht, ob das so einfach ist“, sprach Lea, während sie den Ritter mit der goldenen Rüstung musterte. Woher war er bloss gekommen, was machte er hier? Er erinnerte sie an jemand den sie mal gekannt hatte. Doch…So weit schien ihr das Leben, welches sie vor ihrer Zeit hier gelebt hatte, entfernt. Es gab nur einige ganz vage Erinnerungen. Der Ritter, dessen tiefblaue Augen sie musterten, wurde auf einmal traurig. „Ich hoffe“, so sprach er: „Du wirst dich eines Tages wieder erinnern.“

Die junge Frau, ging langsam dahin, das fuchsbraune Pferd, trottete neben ihr her. Sie schaute gedankenverloren auf den Boden, suchte nach Schattierungen auf der petrolfarbenen Fläche, doch irgendwie war das Gras hier sehr eintönig, mit sehr wenigen Schattierungen. „Ich weiss, gar nicht, ob ich mich erinnern will. Vielleicht, wenn ich mich wieder richtig erinnern würde, dann müsste ich hier womöglich weg. Doch hier kann ich alles tun, was mein Herz begehrt. Ich kann mir Flügel wachsen lassen und hinauf zum Himmel steigen, ich kann mein Aussehen je nach Stimmung und Belieben ändern…, ich kann hier so vieles und eigentlich, gefällt mir das. Ich habe einfach so das Gefühl, das könnte ich nicht mehr, wenn ich in mein altes Leben zurückkehre. Es muss irgendwie recht schwer gewesen sein.“ „Aber es gab auch viel Schönheit und Licht in jenem Leben“, gab der Ritter etwas betrübt zurück. „Ja…Licht“, meinte Lea sinnierend, „das fehlt hier in der Tat etwas. Aber…ich glaube, wenn ich Einlass in diese Höhle mit den heiligen Wassern finden würde, dann käme ich in eine etwas lichtvollere Welt. Nur etwas lichtvoller, würde mir schon gefallen und dann, kann ich mich vielleicht irgendwo niederlassen, irgendwo wo es ruhig und beschaulich ist.“ „Wenn es denn deine Berufung ist, das zu tun“, meinte der Ritter in ernstem Tone. Lea seufzte. „Wenn ich ehrlich bin, weiss ich eigentlich gerade gar nicht, was meine Berufung ist, habe ich überhaupt eine Berufung? Es liegt noch so vieles im Dunkeln. Vielleicht, bin ich ja schon lange tot und dann, kehre ich sowieso nicht in mein altes Leben zurück. Ich will gerade auch gar nicht.“

„Du bist nicht tot, so vieles kann ich dir schon mal sagen“, sprach der Ritter. Lea blieb stehen und schaute ihn erstaunt an. „Woher weiss du das?“ „Ich weiss es einfach. Bei dir liegt es, was du nun aus dieser Erkenntnis machst.“ „Ich bin also nicht tot, aber…wo bin ich dann?“ „Das kannst du dir nur selbst beantworten.“ Lea dachte nach. Doch sie war seltsam verwirrt, als befinde sie sich in einem losgelösten Zustand, einem Art Traum, aus dem sie jedoch gerade nicht erwachen wollte. Sie schaute den goldenen Ritter an, auf dessen Rüstung sich das petrolfarbene Licht des Himmels und der Wiesen hier spiegelte. Das Gold selbiger, wurde etwas mattiert und doch, glänzte es dadurch besonders magisch. Irgendwie überlegte sie sich plötzlich, ob dies vielleicht eine symbolische Bedeutung hatte. Sie war, auch wenn es ihr Augenblicklich etwas schwer fiel das zu begreifen, auf der Suche nach der Wahrheit. Doch diese schien sich auf seltsame Weise, vor ihr zu verhüllen. Wie das matte Licht, das auch den Schein der goldenen Rüstung etwas zu verhüllen schien und doch, durch all die Dunkelheit hindurch glänzte, wie dieser geheimnisvolle Ritter, mit dem sie sich so verbunden fühlte. Sie hatte auf einmal das Verlangen, sich in seine Arme zu werfen und sich ganz tief hineinzukuscheln. Er strahlte so viel Liebe und Ruhe aus und eben etwas so Vertrautes. Sie glaubte ihn schon ewig zu kennen.

Er war nun von seinem Pferd herabgestiegen und ging neben ihr her. Seine erstaunlich leichte Rüstung und das Kettenhemd aus glänzenden, kunstvoll zusammengefügten Gliedern, klirrten leise dabei. Ihre Blicke begegneten sich und er schien etwas ganz Ähnliches zu empfinden. „Es ist seltsam“, sprach sie. „Es ist, als würden wir und schon sehr lange kennen. Ich habe schon vorher einen Mann getroffen, in einem Garten mit wunderschönen Sternblüten, wie diese… hier.“ Sie zeigte dem Ritter das Medaillon. Und auf einmal verwandelte sie sich erneut. Sie trug nun nicht mehr das schlichte Gewand, sondern eine wunderschöne Robe aus Goldstoff, deren Schleppe, über das weiche Gras glitt. Sie passte perfekt zur Rüstung des Ritters und war  mit einigen glitzernden Fäden bestickt, welche aussahen, wie die Sternblumen. Ihr Haar war lang und goldblond und mit wunderschönen, goldenen Spangen hochgesteckt, die ebenfalls mit Edelsteinen besetzt waren, die in phosphoreszierendem Blau funkelten. Sie hatte einen ziemlich tiefen Ausschnitt, in dem nun das Medaillon mit der Sternblume, besonders zur Geltung kam. Der obere Teil ihrer doch recht grossen Brüste, wurde freilegte, wie bei einem Dirndlkleid. Die Schnürung, die das Gewand oberhalb, des reich bestickten Gürtels, zusammenhielt bestand aus goldenen, Samtbändern. Sie schaute erstaunt an sich herunter und auch der Ritter schien von ihrem edlen Anblick beeindruckt. „Siehst du!“ rief Lea aus. „Das ist es eben! Ich kann mich hier ganz nach meiner Stimmung und der um mich herrschenden, Atmosphäre verändern! Das ist etwas Wunderbares! Darum…weiss ich wirklich nicht, ob ich von hier noch weg will.“

Wieder huschte ein Schatten über das ebenmässige, von goldenem Haar umgebene Antlitz des Ritters, mit den sinnlichen Lippen. Er glich Lea irgendwie sehr, besonders jetzt, da auch sie blond war. Sie hatten dieselben Gesichtszüge. Das erstaunte sie schon ziemlich. Doch der Mann wechselte nun das Thema und fragte: „Du wolltest mir doch etwas erzählen, das du gerade erlebt hast. Was war mit dem Mann im Sternblumengarten?“ „Ach ja, “ nahm sie den Faden wieder auf: „Er kam mir irgendwie auch so vertraut vor, also ob ich ihn schon lange kennen würde, aber er hat mir irgendwie auch Angst gemacht. Er lebt nur für seinen Garten, in dem diese Blumen blühen. Alles darum herum ist karg und kalt. Doch er fragte mich, ob ich bei ihm bleiben wolle, als eine seiner wertvollen Blumen. Das wollte ich keinesfalls. Ich gehöre, trotz aller Vorteile die ich hier geniesse, nicht an diesen Ort. Ich glaube, es gibt noch einen andern, einen schöneren Ort. Der Mann sagte mir dann auch, dass ich die Quellen des heiligen Wassers aufsuchen soll, um weitergehen zu können.“ „Du willst also doch  nicht hierbleiben?“ stellte der Ritter die Frage. Lea war auf einmal wieder durcheinander. Wollte sie nun hierbleiben, oder wollte sie nicht? Warum nur war sie immer so verwirrt?“ „Nun ja…“ sie überlegte: „Ich will schon hierbleiben, aber doch nicht ganz hier. Diese Welt ist mir zu dunkel, du eintönig, aber ich würde gerne in eine andere Welt, die ähnlich ist wie diese, aber noch etwas gemütlicher. Zurück in meine alte Welt, möchte ich nicht.“ „Aber, wenn dort jemand auf dich wartet, der dich schrecklich vermisst?“ „Wer…soll das schon sein?“ gab Lea erneut etwas verwirr zur Antwort. In ihr erwachten vage Erinnerungen, aber sie wollten einfach nicht richtig Gestalt annehmen.

 Ihr Inneres war ein Wirrwarr von Gefühlen, die sie einfach noch nicht zu ordnen imstande war. „Vielleicht, wirst du dich immer mehr erinnern, denn du allein musst schlussendlich entscheiden ob zu zurückkehren willst.“ „Lass uns nicht mehr darüber reden!“ setzte Lea dem Gespräch ein Ende. „Es ist jetzt vor allem wichtig, dass wir die Quellen des heiligen Wassers finden!“ Der Ritter wandte etwas resigniert den Kopf ab und schaute sich um. „Dort hinter jenen Findlingen, sollte das Tor sein!“  sprach er „Oh, das ist ja wunderbar!“ rief Lea aus und ihr Herz klopfte auf einmal heftig und sie verschnellerte ihren Schritt. Sie trug nun wieder ein anderes Gewand, eine bequeme, fuchsbraunen Lederrüstung, welche zum Pferde des Ritters passte. Es war aus einzelnen, mit Fäden zusammengehaltenen Lederschuppen, gefertigt. Damit war sie viel beweglicher und kam besser vorwärts, als mit der langen Schleppe.

Der Ritter lächelte, als er ihre Verwandlung beobachtete. „Du bist wirklich eine interessante, vielseitige Frau. Ich glaube kaum, dass sich jemand anderer so oft verwandeln würde, wie du.“ Dabei sah er sie mit einem warmen, liebevollen Blick an, der sie tief berührte. Ihr Herz klopfte auf einmal heftig und sie blieb stehen. Einen Moment lang, standen sie sich gegenüber und schauten sich an. Die Luft zwischen ihnen schien wie elektrisiert. Etwas hatten seine Wort in ihr zum Klingen gebracht. Sie trat etwas näher an den Ritter heran, der sich nun auf einmal auch verwandelte. Er trug nun eine lange Tunika aus dunkelblauem Stoff. Die Tunika wurde mit einem Gürtel an seiner Taille zusammengehalten, doch nur lose, so dass seine nackte Brust freigelegt wurde. Er war kräftig und sehr männlich gebaut. Auch Lea verwandelte sich erneut. Sie trug nun wieder ein leichtes Gewand aus glänzenden, nachtblauen Stoff, das ebenfalls nur mit einem Gürtel zusammengehalten wurde. Schmale, goldblaue Brokatränder, umrahmten es.

Die beiden traten noch näher zueinander heran und dann umarmten und küssten sie sich auf einmal leidenschaftlich! Sie befanden sich nun schon im Windschatten der grossen Findlinge, nahe des Eingang zur Quelle der Ewigkeit und liessen sich nun auf die Knie sinken, während sie sich immer weiter küssten. Ihre Zungen suchten einander und sie stöhnten leise auf, als sie sich fanden und sanft umspielten. Der Ritter löste ihren Gürtel und sie tat bei ihm dasselbe. Er schob ihr Gewand über die Schultern hinab und küsste sie überall zärtlich und doch voller Leidenschaft. Lea wusste nicht, warum sie sich diesem Mann einfach so hingab, aber jede seiner Berührungen, jagte wohlige Schauer durch ihren Körper. Es war so wundervoll und so vertraut. Auch sie öffnete nun seine Tunika, den Gürtel warf sie weit weg und sie begann ihn ebenfalls zu streicheln und zu küssen. Er seufzte unter ihrer Berührung und den leidenschaftlichen Küssen leise auf. Sie legte sich ins weiche Gras. Beide waren nun nackt. Das alles war Lea so seltsam vertraut und sie spürte eine innige, von tiefer Zuneigung erfüllte Verbindung, mit ihm. Es war irgendwie ein grosser heiliger Akt, als er sich mit ihr auch körperlich verband, da doch ihre seelische Verbindung so aussergewöhnlich war. Sie schrie leise auf und gab sich ihm ganz hin, küsste und streichelte ihn immer wieder. Er tat dasselbe bei ihr, liebkoste ihren ganzen Körper. Er begehrte sie zutiefst und sie ihn auch. „Ach Lea, du bist so wunderbar!“ flüsterte er. Ich möchte dass du immer bei mir bleibst!“ „Ja, ja, auch ich will immer bei dir sein!“ seufzte sie, ohne sich der wirklichen Bedeutung dieser Worte so richtig bewusst zu sein, denn sie lebte nun ganz im Augenblick. Es war einfach unbeschreiblich schön und schliesslich durchloderte das Feuer der orgasmischen Kraft ihre beiden Körper und mit einem leisen Schrei, wurden sie auf den höchsten Gipfel der Lust hinauf getragen! 

Nathaniel erwachte schweissgebadet an Leas Bett. Sein Glied war durch die Kraft des Traumes, den er gerade gehabt hatte angeschwollen und hatte sich nun einfach entladen, ohne, dass er es hatte verhindern können. Er stand auf und schaute ärgerlich auf seine feuchte Hose. Zum Glück hatte er noch eine bequeme Ersatzhose dabei, die er jeweils trug, wenn er nachts an Leas Bett wachte. Er hatte sich vorerst zwei Wochen frei genommen, um möglichst oft bei ihr zu sein. Doch es zerrte langsam an seinen Kräften. Er war sehr müde und darum war er wohl eingeschlafen. Er hatte von ihr geträumt, er hatte geträumt, wie sie sich liebten und noch immer wurde er von Erregung erfasst, wenn er daran zurück dachte. Es war so real gewesen, so wunderbar, wie es immer war, wenn sie sich liebten. Er vermisste sie so schrecklich! Tränen stiegen erneut in seine Augen, als er sie da so liegen sah, so reglos, so ohne Leben, nur mit flachem Atem und weit entrückt. Wo war sie wohl? Was erlebte sie? War sie einfach nur tief am Schlafen, träumte sie oder war sie schon in einer Zwischenwelt, nahe daran, sich von ihm und ihrem geliebten Sohn ganz zu entfernen? Letzteres wollte und konnte er nicht glauben. Er hatte den ganzen Tag schon an ihrem Bett verbracht. Er war ein spiritueller Mensch und hatte viel gebetet und einfach mit ihr geredet.  Er hatte ihr gesagt wie sehr er sie liebe, er hatte sie teilweise angefleht, doch endlich wieder zu ihnen zurück zu kommen. Doch noch war keine Veränderung in Sicht.(Noch eine Anmerkung, falls es noch jemandem nicht ganz klar ist: Nathaniel und der Ritter sind EINE Person, nur zur Sicherheit)

Seine Eltern, kamen auch oft vorbei, sogar einige von Leas Familie, z.B. ihre Adoptivmutter, ihre Brüder und auch ihre Tante, zu welcher sie immer schon eine enge Beziehung gehabt hatte, und natürlich kam auch David beinahe jeden Tag. Die beiden Familien waren zusammengeschweisst worden, im Angesicht des grossen Leidens. Sie halfen einander nun gegenseitig aus, wo sie konnten. Das war wenigstens ein positiver Nebeneffekt, den sich Lea schon immer sehnlichst gewünscht hatte. So sehr sehnte sie sich nach Anerkennung durch ihre Familie, nach Zuspruch und einer innigeren Verbindung. Doch es waren keine guten Umstände, welche nun zu dieser höheren Aufmerksamkeit geführt hatten. Es gab schon mal den einen oder andern Spruch zu hören, der Leas Tat verurteilte und ihr Schwäche und Labilität, ja gar Verantwortungslosigkeit, unterstellten. Das schmerzte ihn sehr, denn er wusste wie es manchmal um Leas Psyche bestellt war und er wusste auch, wie sehr sie immer gegen diese Depressionen angekämpft hatte, schon so lange.

Natürlich, auch er empfand manchmal Wut und Enttäuschung, doch seine Loyalität, seine Hingabe an seine geliebte Frau, half ihm darüber hinweg. Er hoffte einfach die ganze Zeit, dass sie zurückkehren möge, damit ihr Leben nicht ein solches Ende nahm und er spürte manchmal, wie sehr ihn die Geister des Lichts stärkten und leiteten. Vielleicht hatten sie ihm auch diesen Traum geschenkt, in dem er ihr so nahe sein durfte, in dem er sie wieder spüren durfte, wie damals…als noch alles, in Ordnung gewesen war…

Lea war das erste Mal, seit langem wieder richtig glücklich und zufrieden. Sie lag neben dem Ritter im weichen Gras, dass nun auf einmal irgendwie etwas grüner aussah als bisher. Sie drehte sich auf ihren nackten Bauch und schaute erstaunt auf den Boden. Die warmen, weichen Hände der Ritters, streichelten ihr zärtlich über ihren Rücken, fuhren die Konturen ihres Körpers entlang und seine weichen Lippen küssten sie sanft. Sie schaute ihn lächelnd an, doch irgendwie lenkte sie etwas anderes ab. Es war eine Veränderung mit der ganzen Umgebung vorgegangen. Alles wirkte auf einmal farbiger. Auf einmal sah sie nicht weit von ihnen entfernt etwas Einzigartiges: Eine helle orangerote Blüte wuchs dort. Sie leuchtete wie die Sonne, wenn diese jeweils am Abend unterging. „Mein Gott!“ rief Lea und sprang auf. „Eine Blume, eine richtige, farbige Blume, ich glaubs nicht!“ ...

Sie sah sich um und immer mehr Blüten erschienen, sie bildeten mit der Zeit einen richtigen Teppich aus  rot- orangem Leuchten. Sie sahen den Sternblüteen ähnlich, nur waren diese  hier Sonnenblüten! „Sonnenblüten…“  flüsterte Lea und beobachtete erstaunt, wie das Licht der Blumen, auf das petrolblaue Gras fielen und dieses immer mehr in ein saftiges grünes Gras verwandelten.

 

Es war als würde alles um sie heller und lebendiger werden. Da war sogar auf einmal ein Schmetterling, ein wundervoller Schmetterling, dessen Flügel in allen Regenbogenfarben schillerten! Lea konnte es kaum fassen. Sie lachte hell wie ein kleines Kind und lief dem Schmetterling hinterher, welcher von Blüte zu Blüte gaukelte und mit seinem langen Rüssel den Blütenstaub aufsaugte. Die Frau konnte ihr Glück kaum fassen, sie sprang herum wie ein junges Zicklein, ohne sich darum zu kümmern, dass sie noch immer splitternackt war. Der Ritter lachte und gesellte sich zu ihr. Zusammen liefen sie Hand in Hand über die neu erblühte Wiese. Überall wo ihre nackten Füsse auf selbige trafen, erblühten neue Blumen, neue Pflanzen und mit den Pflanzen kamen auch die Tiere: Schmetterlinge, Bienen, Hummeln, Marienkäfer. Sogar Grillen und Heupferdchen, begannen zu zirpen. „Das ist einfach nur unglaublich! Wie ist das möglich?“ rief Lea aus „Es sieht ganz so aus, als würdest du wieder mehr den Anschluss ans Leben finden Liebste, “ sprach der Ritter. Lea hielt inne und schaute ihm tief in die Augen: „Das habe ich dir zu verdanken, du hast das bewirkt.“ „Nein, wir beide haben das bewirkt unsere Liebe hat das bewirkt. Unsere Liebe war immer schon stark.“

„Unsere Liebe…“ auf einmal hielt Lea inne und schaute den Ritter an. „Wer… bist du…ich kann mich einfach nicht recht erinnern… ich…“

Auf einmal veränderte sich die Umgebung erneut. Finstere Wolken zogen am Horizont auf und breiten sich über den schon etwas blauer gewordenen Himmel aus. Und… wo die dunklen, teilweise mit Blitzen durchzuckten Wolken ihn berührten, wurde er schwarz wie die Nacht. „Nein…!“ flüsterte Lea „nein!“ Ihr Flüstern wurde zu einem entsetzen Schrei, der weit übers Land klang, schrill und voller Verzweiflung. Nebelschwaden zogen auf, hüllten alles ein. Kühle Finger, wie von verwesenden Toten, schienen sie zu berühren und der wundervolle Ritter verschwand auf einmal. „Lea!“ hörte sie ihn noch schreien „Lea! Gib nicht auf! Gib nicht auf…!“ Sie streckte ihre Hand nach ihm aus, wollte ihn festhalten, doch er entglitt wie ein Geist, ihren klammen Fingern. Ihr Körper erschauderte, ihr Herz, ihr ganzes Denken, schien zu Eis zu erstarren. Und dann vernahm sie ein schreckliches, hämisches Lachen, ganz nahe bei ihr… Sie starrte voller Entsetzen in die Richtung aus der das Lachen kam und… auf einmal schälten sich aus dem Nebel vor ihr wieder diese schrecklichen, rotglühenden Augen und die fürchterliche  Silhouette des Monsters, vor dem sie schon mal geflohen war. „Ich sagte doch, ich finde dich wieder, egal wo du bist!“ „Nein!“ Lea glaubte dem Wahnsinn anheim zu fallen. „Lass mich in Ruhe!“ Die Stimme des Monsters erwiderte: „So einfach ist das nicht, ich bin ein Teil von dir, schon vergessen?“ „Nein! Das kann nicht sein! Ich akzeptiere das nicht! Verschwinde! Warum lässt du mich nicht endlich in Ruhe!? Und was hast du mit dem Ritter gemacht, was hast du ihm angetan?“ „Ich habe ihm gar nichts angetan. Das warst du ganz allein. Du bist Schuld daran, dass er weg ist, du bist an einfach allem Schuld. Er hat sich von dir abgewandt, wie alle es irgendwann tun werden.“ Leas Herz klopfte zum Zerspringen und das Atmen fiel ihr immer schwerer…

„Schnell! Wir müssen sie reanimieren!“ schrie der Arzt und lief zu Leas Bett. Nathaniel sah wie in Zeitlupe, wie die Türe aufgerissen wurde und mehrere Schwestern und ein weiterer Arzt hereineilten. Er trat taumelnd vom Bett zurück. Eiskalte Furcht und ein unbeschreiblicher Schrecken erfasste ihn und er versuchte hinter all den Beinen und Rücken der vielen Helfer, Lea zu sehen. Sein Blick fiel auf den Monitor, welcher den Puls und den Herzschlag seiner Frau anzeigte, keine Kurven mehr nur noch ein gerader Strich. „Nein!“ schrie er „Nein! Lea! Gibt nicht auf, gibt nicht auf!“ schrie er verzweifelt. „Sie müssen zurücktreten!“ sprach eine Schwester, während sie Lea irgendeine Flüssigkeit injizierte. „Aber… ich kann sie nicht allein lassen! Lea!“ Nein, sie darf nicht sterben! Bitte, sie darf nicht sterben!“ In diesem Moment ging die Türe erneut auf!

Mit einem entsetzten Seitenblick stellte Nathaniel fest, dass sein kleiner Sohn David und die Grossmutter Lisa im Eingang standen. Ihre Augen waren ebenfalls vor Entsetzen geweitet. „David!“ schrie Nathaniel und wollte seinen Sohn sogleich wieder nach draussen bringen. Doch der Kleine riss sich los und rannte zum Bett. „Mami! Mami! Was ist mit dir? Mami bitte du darfst nicht sterben!“ Er schlang seine kleinen Ärmchen um seine Mutter, doch die Ärzte und Schwestern zerrten ihn weg. Sie wirkten ziemlich überfordert mit der Situation. „Geh zurück! Wir wollen deiner Mami doch helfen. Aber dazu brauchen wir Platz!“ sprach der eine Arzt und schob den Kleinen unwirsch, fast grob zur Seite. Nathaniel legte seine Arme um den Kleinen und trug ihn weg. Doch David zappelte „Nein! Ich will zu Mami! Wenn ich ihr rufe, kommt sie bestimmt zurück! Mami! Mami! Ich bin hier! Mami!“…

… „Mami… Mami!“ Die Stimme klang von endlos fern an Leas Ohren. Und auf einmal durchzuckte sie ein Blitz der Erinnerung. „David? David… bist du das? „Mami, Mami… ich bin hier!“ hörte sie erneut die ferne Stimme. Das Monster schien die Stimme auch zu hören, denn es wirkte auf einmal verunsichert. Das erstaunte die Frau irgendwie und plötzlich wich die Furcht ein wenig von ihr und sie wandte sich dem Monster zu. „Das ist David, David ist mein Sohn, ja jetzt erinnere ich mich, ich hatte einen Sohn. Er ruft mich. Ich muss… zu ihm.“ Sie schaute sich verwirrt um. „Das ist nur die Fantasie, welche dir einen Streich spielt!“ sprach das Monster. „Du weisst das selbst gut genug. Es wird für dich weder eine Zukunft noch eine Vergangenheit geben, nur noch ein Dasein voller Einsamkeit und Dunkelheit. Du weisst das selbst.“ Lea hörte die Worte des Monsters und plötzlich legte sich wieder ein Schleier des Vergessens über ihr Gemüt. Sie wusste auf einmal nicht mehr was sie tun sollte. Eine seltsame Ohnmacht bemächtige sich ihrer und sie merkte wie sie immer mehr hinunterglitt in eine Art tiefe Resignation. „Ich… muss hier bleiben… Ich habe das selbst gewählt… ja vermutlich hast du recht. Ich…“

„Gib dich mir hin Lea, gibt dich mir hin und aller Schmerz kann vergehen. Alle Unsicherheit und das Kämpfen nimmt ein Ende, “ meinte nun das Monster mit einer erstaunlich sanften Stimme, einer Stimme die Lea irgendwie seltsam einlullte. Keine Schmerzen mehr, keine Kämpfen mehr… eigentlich klingt das ganz gut…“ flüsterte sie. Doch dann hörte sie es wieder: „Mami! Mami! Ich bin hier! Wach auf! Wach auf!“ Ein harter Schlag traf ihre Brust und es wurde finster um sie herum.

4. Kapitel

Der weisse Tiger

Plötzlich fühlte sie sich ganz anders,  seltsam schwer und ihr ganzer Körper schmerzte schrecklich. Sie vernahm ganz deutlich irgendwelche fremde Stimmen. „Sie ist überm Berg, Gott sein Dank!“ „Ja, gute Arbeit Doktor!“ Und dann zwei bekannte Stimmen, Stimmen die in ihr ein tiefes Gefühl von Liebe und Geborgenheit auslösten. „Lea! Gott sei Dank, wir haben sie wieder!“ „Mami! Mami! Wir sind bei dir!“

Sie wollte wirklich hierbleiben,  doch… schon glitt sie erneut hinunter in eine weitere Dunkelheit und fand sich wieder auf einem seltsamen, schwankenden Etwas. Das Etwas war weissschwarz gestreift. Sie hob ihren Kopf und blickte sich staunend um. Die nun wieder petrolfarbene Welt glitt an ihr vorbei seltsam schnell, verschwamm beinah vor ihren müden Augen. Obwohl sie diese am liebsten sogleich wieder schliessen wollte, riss sie sich zusammen und versuchte herauszufinden, wo sie sich befand und wer sie da so liebevoll trug. Sie blickte etwas weiter nach vorn und dann erkannte sie, dass es sich bei ihrem Reittier um einen wunderschönen, weissen Tiger handelte. In elegantem Trab, jedoch so dass sie nicht zu sehr herumgeschüttelt wurde, lief er der Bergkette entlang. Sie schaute sich voller Angst nach dem Monster um, doch dieses war nicht mehr zu sehen. Wo war es bloss?

Sie erinnerte sich daran, wie sie diese seltsame Ohnmacht ergriffen hatte, doch dann war da wieder dies kindliche Stimme, welche nach ihr rief. Sie hatte diese Stimme gerade ganz klar gehört und noch eine andere, ich zutiefst vertraute Stimme. Und dann erinnerte sie sich! Es waren die Stimmen von ihrem Sohn David und ihrem Mann Nathaniel gewesen. Aber… wie war sie bloss hergekommen?“ „Wer bist du?“ fragte sie an den Tiger gewandt. Warum trägst du mich?“ Der Tiger verlangsamte nun seinen Trab, ging in Schritt über und blieb schliesslich stehen. Lea kletterte von seinem Rücken und sah dem wundervollen Tier direkt in seine eisblauen Augen. „Ich bin ein guter Freund. Ich wollte nicht zulassen, dass dich das Monster noch weiter in die Finsternis herabreisst. Ich habe dich gerettet.“ „Wo ist das Monster jetzt?“ Lea schaute sich erneut gehetzt um.  „Weit weg, doch es wird wiederkommen, das ist dir schon klar, oder? Irgendwann wirst du etwas gegen dieses Monster machen müssen, es lässt dich sonst nie in Ruhe.“ „Das klingt aber nicht sehr ermutigend.“ „Ich spreche nur dass aus, was du eigentlich schon lange selbst weisst. Ich bin ein Teil von dir.“ „Ein Teil von mir, das sagte das Monster vorhin schon. Aber ich will nicht, dass es Teil von mir ist. Es ist so schrecklich und es will meine Seele zerstören.“ „Nur wenn du dies auch zulässt Lea“, sprach der Tiger. Seltsamerweise war die Frau gar nicht erstaunt, dass der Tiger sprechen konnte, hier in dieser Welt war vieles möglich. Sie erwiderter: „Irgendwie habe ich das ungute Gefühl, dass ich da wohl irgendwann keine Wahl mehr haben werde. Das Monster ist einfach zu stark. Ich habe… solche Angst lieber Tiger, solch schreckliche Angst. Ich fühle mich so ohnmächtig.“

„Du bist zu weit mehr fähig als du denkst Lea“, erwiderte der Tiger freundlich. „Ich bin das beste Beispiel dafür. Ich bin nur gekommen, weil du es zugelassen hast. Du hast gekämpft trotz deiner Hilflosigkeit, deiner Angst, deiner Ohnmacht. Du hast nicht aufgegeben.“ „Doch…“ erwiderter Lea traurig „Ich habe schon aufgegeben, sonst wäre ich nicht hier.“ „Hättest du ganz aufgegeben, wärst du nicht hier. Dann wärst du an einem andern Ort.“ „Du meinst in der Hölle oder sowas? Selbstmörder kommen doch in die Hölle, sagte man früher jedenfalls.“ „Glaubst du das denn wirklich?“ „Nein eigentlich nicht, aber diese Welt hier ist auch nicht gerade gemütlich. Es ist irgendwie kalt geworden und nichts lebt an diesem Ort wirklich. Dabei hat es vor kurzer Zeit noch ausgesehen, als ob sich etwas verändern könnte. Als ich… mit dem goldenen Ritter zusammen war, da… blühten hier auf einmal Blumen, und Schmetterlinge und andere Insekten begannen aufzutauchen. Dann aber kamen diese dunklen Wolken wieder und… ich vergass fast alles, was ich an Schönem hier erlebt habe. Alles verschwand und das Monster kehrte zurück. „Ja, es ist, wie ich sagte ein Teil von dir, so ungern du das auch annehmen willst.“ „Aber wie kann ich diese schreckliche Kreatur jemals als Teil meiner selbst annehmen? Das ist schlichtweg unmöglich. Es reisst mich immer von Neuem in den Abgrund. Es ist manchmal… als würde ich am Rand eines brodelnden Vulkankraters balancieren und jeden Moment hineinstürzen. Das ist kein Leben. So geht das nicht! Darum, kann ich niemals zurückkehren in meine alte Welt. Auch wenn ich mich nun an so vieles wieder erinnern kann und mich sehne nach meinem Kind, meinem Mann, all meinen Liebsten, die ich wohl nie mehr sehen werde.“

„Willst du sie denn wiedersehen?“ fragte der Tiger mit einem wissenden Ausdruck in seinen Augen. „Ja, ich glaube schon. Ich hatte vorhin auf einmal so einen klaren Moment, da konnte ich sie hören, ganz deutlich und da waren auch noch irgendwelche andere Menschen, vielleicht ein Arzt und eine Krankenschwester. Ich glaubte ganz nahe daran zu sein, meine Liebsten wieder zu sehen, doch dann war es wieder vorbei. Ich konnte nichts dagegen machen. Was nur soll ich tun?“ Auf einmal brannte heisse Tränen in ihren Augen. „Ich bin verloren, ich werde hier niemals wegkommen. Wie  das Monster sagte, ich habe das selbst gewählt.“ „Alle wählen ihr Schicksal selbst Lea, sei es gut oder schlecht. Du kannst es schaffen wenn du glaubst, wenn du vertraust.“ In was denn vertrauen, in göttlichen Beistand, in mich selbst? Also ich weiss nicht. Ich kann vor allem mir selbst schon lange nicht mehr vertrauen.“

„Vertraue auf die Liebe, vertraue auf das Licht. Es ist nicht verschwunden, du kannst es gerade nur nicht sehen, aber wenn du deine Augen aufmachst, wirst du es sehen. Mach deine Augen auf Lea! Du bist stärker als du denkst, doch musst du auch daran glauben.“ Diese Worte berührten die Frau tief und auf einmal fühlte  sie sich auf wundersame Weise getröstet. Sie schaute sich um und plötzlich glaube sie erneut eine Veränderung in ihrer Umgebung wahr zu nehmen…

Die Wolken am Himmel rissen auf und tatsächlich, tauchte dort eine helle Sonne auf, welche alles mit ihrem warmen Licht übergoss. Alles wurde erneut farbiger und lebendiger. Voller Freude und Ehrfurcht, schaute die Frau nach oben. Das Sonnenlicht wärmte sie wunderbar, die ganze Klammheit und  Kälte wich aus ihrem Körper und sie sank tief bewegt und voller Dankbarkeit in die Knie. Ihre Freudentränen fingen das Licht der magischen Sonne ein und liessen sie wie Diamanten aufleuchten. „Es scheint… man hat mich doch nicht ganz vergessen, “ sprach sie mit erstickter Stimme an den Tiger gewandt. „Nein, du wirst niemals vergessen! Alles ist da Lea, aber du selbst darfst dich auch selbst nicht vergessen! All das hier, du hast es bewirkt, du hast das Licht wieder in dein Herz gelassen und das ist der beste Schritt dazu, die Grotte der Heiligen Wasser zu betreten. Wir sollten uns auf den Weg machen, so schnell als möglich. Es ist nicht mehr weit, komm!“

Lea nickte und stieg wieder auf den Rücken des mächtigen Tigers. Er setzte sich elegant in Bewegung. Die Frau staunte über seine Anmut und seine Kraft und spürte wie seine Muskeln sich unter dem glänzenden, schwarzweissen Fell bewegten. Bei dem Tiger fühlte sie sich wahrlich sicher.

Es dauerte nicht lange und sie erreichten eine mächtige Schlucht, welche sich tief in das dunkle Gebirge eingrub. „Wir sind gleich da“, sprach der Tiger und tauchte in das Halbdunkel der Schlucht ein. Sein Fell war ein Wechselspiel aus Licht und Schatten. Hoch über sich, sah Lea den oberen  zerklüfteten Rand der Schlucht, nur wenig Licht drang zu ihnen vor, doch immer wieder erblickte sie die goldene Sonne und diese leuchtete weiterhin tröstend auf sie herab. Es war schön hier, sehr still und friedlich. Sie drehte sich um und legte sich auf den Rücken. Veträumt schaute sie nach oben, während der Rücken des Tigers unter ihr sanft hin und her wippte. Sie betrachtete die Konturen der Felsen, ihre verschiedenen Formationen. Eigentlich fühlte sie sich im diesem Augenblick sehr wohl und in sich ruhend.

Doch dann kam ihr auf einmal wieder das Erlebnis mit der Grotte in den Sinn, wo sie anfangs gelandet war. Dort hatte das Monster auf sie gelauert und die Steinstatuen hatten sich angefangen zu bewegen und sie ebenfalls bedroht. Auf einmal zog wieder Schrecken in ihr Herz ein. Doch sie kämpfte mit aller Macht dagegen an. Sie drehte sich wieder um und klammerte sich an den Tiger, wie ein kleines Kind an seine Mutter. Sie hatte auf einmal Angst, das edle Tier würde auch noch verschwinden, wie der wundervolle, goldene Ritter den sie so sehr liebte. Als würde das Tier ihre Gefühle erahnen sprach er: „So einfach lasse ich dich nicht allein Lea. Meine Funktion ist klar und ich werde dich zur Grotte der heiligen Wasser führen, koste es was es wolle. Wir werden es schaffen, verlier nicht den Mut! Du bist der Herrscher deiner eigenen Welt, niemand kann dir die Macht darüber entreissen, du bist die Königin hier, denk daran!“ Schon wieder brannten Tränen der Verzweiflung in Leas Augen. Doch als der Tiger das mit der Königin sagte, bekam sie wieder neuen Mut und seltsame Kraft zog in ihr Inneres ein. Sie wischte ihre Tränen voller Entschlossenheit von der Wange. Ja, sie wollte zur Grotte des Heiligen Wassers… koste es was es wolle!

Kurz darauf erreichten die beiden das Ende der Schlucht. Vor ihnen ragte eine weitere mächtige Felswand  aus graurotem Gestein empor und in diese Wand, war ein riesiges, schmiedeeisernes Tor eingefügt, mit vielen Schlössern. So wie es der goldene Ritter gesagt hatte.

Lea wollte schon wieder der Mut sinken, als sie vor dem Tor stand, sie fühlte sich klein und hilflos im Angesicht dieses mächtigen Hindernisses. Sie rüttelte an dem Tor, doch es bewegte sich keinen Zentimeter. Na toll! Was sollte sie tun? Vermutlich war sie doch nicht würdig die Grotte der heiligen Wasser zu betreten. „War ja klar!“ rief sie resigniert. „Wir kommen hier niemals rein. Das alles ist doch Schwachsinn. Hat eh keine Zweck!“ Dunkelheit senkte sich schon wieder auf ihr Gemüt nieder und ein fernes Donnergrollen war zu vernehmen. Sie blickte hinauf in den Himmel, die Sonne wurde auf einmal von einer weiteren Wolke bedeckt. Lang legten sich die Schatten über die Schlucht und das dunkle Tor. Und wieder war da dieses bedrohliche Lachen irgendwo ganz in der Nähe. Lea klammerte sich an den Tiger, welcher fast so gross war wie ein Pferd und sie war fest entschlossen ihn nicht loszulassen. Er musste hierbleiben, er durfte nicht verschwinden, auf keinen Fall. Der Tiger blieb still stehen, wie ein Fels in der Brandung, er strahlte Kraft und Ruhe aus, wie eine Sphinx, die nicht daran dachte, auch nur einen Schritt zu weichen. Die Finsternis nahm zu, doch nahm sie zum Glück nicht dasselbe Ausmass an, wie zuvor beim goldenen Ritter. Lea sah dennoch sehr wenig, denn die Felswände schirmten sowieso schon einen grossen Teil des Lichtes ab und aus der Dunkelheit lösten sich nun wieder die roten Augen und schleimige, schwarzgrüne Tentakel bewegten sich bedrohlich auf Lea zu…

Der Tiger knurrte und stellte sich dem dunklen Wesen entgegen. Das Wesen lachte verschlagen: Glaubst du wirklich dein Schosstier wird dir helfen können Lea? Dass du dich da nur nicht irrst!“  mit einer lässigen Bewegung schwang das Monster einen seiner Tentakel und verätzte dem Tiger die eine Pfote. Dieser jaulte auf, wich jedoch trotz allem nicht von der Stelle. Auf einmal spürte die Frau eine neue Kraft in sich, wütend stellte sie sich vor den Tiger: „Lass ihn, er ist mein Freund und du wirst ihm nichts mehr antun!“ Sie richtete sich zur vollen Grösse auf und wieder war sie die Priesterin mit dem Stab. Diesen Stab hielt sie schützend von den Tiger. „Ach wirklich, ausgerechnet du willst mich daran hindern, die schon immer Wachs in meinen Händen- pardon Tentakeln war!“ spottete das Monster. „Ja, mach dich nur lustig aber ich werde es auf keinen Fall zulassen, dass dies so weiter geht. Ich werde mich dir stellen, du bist ein Teil von mir, ja ich anerkenne das, aber… ich bin die Herrscherin in meiner Welt und du, hast keine Macht mehr über mich.“ Das Monster wurde auf  einmal seltsam nervös und seine Tentakel zuckten unruhig um seinen unförmigen, hässlichen Körper herum. Doch es fasste sich sogleich wieder und zischte bedrohlich: „So einfach ist das nicht meine Liebe, so einfach kriegst du mich nicht los, wie du richtig bemerkt hast, bin ich ein Teil von dir, ein Schatten von dir, wenn nicht der dunkelste Schatten überhaupt.“

„Das ist mir egal! Ich werde mich nicht mehr von dir unterjochen lassen. Du hast keine wirkliche Macht, du  hast nur so viel Macht, wie ich dir gebe. Und ich werde dich nicht mehr weiter nähren. Lass uns doch einfach endlich in Ruhe!“ Sie wandte sich um, irgendwie fühlte sie sich auf einmal ganz selbstsicher und voller Kraft. „Dreh mir nicht  den Rücken zu!“ fauchte das Monster und schlug mit den Tentakel nach ihr und dem Tiger, doch es war, als ob eine unsichtbare Barriere um die beiden errichtet worden wäre, denn die schrecklichen Säuretentakel schlugen ins Leere. Lea lachte in sich hinein, sie war wirklich stolz auf sich und der Tiger meinte: „Gut gemacht!“

Voller Entschlossenheit streckte Lea nun nochmals die Hand nach der mächtigen Pforte aus und drückte instinktiv dagegen und… das Tor schwan tatsächlich zurück. „Nein!“ hörte sie noch das Monster wie durch einen Nebel hindurch schreien: „Ihr bleibt hier! Ihr geht da nicht rein!“ „Und ob wir das werden!“ sprach Lea voller Entschlossenheit und mit einem verächtlichen Blick auf das nun beinahe zahm wirkende Monster. „Dort drin warten Antworten und du wirst mich nicht daran hindern sie zu finden. Verschwinde!

Sie trat mit dem Tiger in den noch finsteren Raum hinter dem Tor und schlug dem Monster dieses vor der Nase zu. „Das hast du sehr gut gemacht!“ lachte der Tiger, „siehst du, geht doch!“ Lea strahlte voller Erleichterung und unbändigem Stolz und durch ihre Glücksgefühle, begann der weisse Kristall am Ende ihres Stabes zu leuchten und zu strahlen und erhellte ihnen den Weg. Sie schauten sich um, ein steinerner Gang lag vor ihnen und entlang dieses Ganges, lag eine ganze Menge von Türen. „Was sind das für Türen?“ „Das sind Türen die alle zu einem Teil deines Bewusstseins führen Lea“, erklärte ihr der Tiger. „Du wirst im Laufe deines Lebens eine nach der andern öffnen und dadurch weiter und weiter wachsen können. Wir aber müssen zur Grotte der Heiligen Wasser, sie liegt am Ende dieses Ganges, hinter einer weiteren, grösseren Pforte.“ „Du sagst also wir befinden uns hier in meinem Bewusstseinslabyrinth?“ „Das könnte man so sagen, ja.“ Klar, jetzt begreife ich langsam immer mehr. Das Monster will mich davon abhalten zu wachsen, darum wollte es nicht dass wir hier reingehen!“ „Ich gewisser Weise mag das stimmen Lea, doch bedenke, das Monster folgt nur einem uralten Instinkt, den du dir selbst einst angeeignet hast. Du hast es geschaffen und all die Jahre hindurch genährt.“ „Das werde ich jetzt nicht mehr tun!“ erwiderte die Angesprochene voller Entschlossenheit. „Ein guter Entschluss!“ meinte der Tiger, wirkte dabei jedoch seltsam ernst. Warum wohl?...

 

5. Kapitel

Die Grotte der heiligen Wasser

Sie gingen weiter und weiter und je  näher sie dem noch im Dunklen liegenden Tor zur Grotte der heiligen Wasser,  umso unsicherere wurde  Lea. Was würde sie dort erwarten? Würde sie endlich die Antworten finden die sie suchte, oder würde sie enttäuscht werden. Auf einmal empfand sie Furcht. Sie konnte nicht wissen, was in dieser Grotte genau auf sie wartete. Vielleicht etwas, dass sie gar nicht sehen wollte, etwas aus ihrem Bewusstsein, dass sie bisher erfolgreich verdrängt hatte und dass sie nun heimsuchen würde. Vielleicht fällte man auch das Urteil über sie, weil sie einfach aufgegeben hatte. All diese Ängste begleiteten sie, während sie einen Fuss vor den andern setzte. Der Tiger ging lautlos und ruhig neben ihr. Seine weichen, mächtigen Tatzen machten kein einziges Geräusch, behände setzte er eine Pfote vor die andere und erneut staunte Lea über die Eleganz des mächtigen Tieres und fragte sich, was seine Bedeutung für ihr Leben war und womit sie so einen wundervollen Begleiter verdient hatte. Und… eher sie sich versah, standen sie vor einem weiteren Tor, diesmal einem massiven Eichentor jedoch nur mit einem Riegel. Lea blieb einen Augenblick stehen und atmete tief ein. Sollte sie es wagen. Sie zögerte noch immer. Was sie überhaupt schon bereit diese Tor zu durchschreiten? Wieder zogen dunkle Zweifel durch ihr Bewusstsein und ihr Herz klopfte heftig gegen ihren Brustkorb. Sie hörte ihren Puls in ihren Ohren rauschen und ihre Hand begann zu zitternd. „Hab keine Furcht!“ ermutigte sie der Tiger „Alles wird gut.“ „Meinst du? Also ich weiss nicht so recht. Soll ich wirklich da rein. Was bringt es mir schlussendlich?“ „Diese Frage kannst du dir nur selbst beantworten.“ Lea überlegten noch einen Moment, doch dann meinte sie: „Ich versuch‘s einfach mal!“ „Das ist die richtige Einstellung!“ freute sich der Tiger. Lea nickte und machte sich am Riegel zu schaffen.

Ohne grosse Probleme liess er sich zurückschieben und dann… traten sie in eine wundervolle, einzigartige Grotte! Die Wände der Grotte bestanden auch Wasserfällen und diese Wasserfälle ergossen sich alle in eine wundervolles weisses, mit herrlichen Reliefen verziertes Becken. Wundervolles türkisblaues Licht lag über allem und Lea schaute ungläubig auf die Herrlichkeit vor ihr. Als sie näher trat, sah sie, dass sich in dem Becken eine wunderschöne Kugel befand, welche sich angetrieben von der Wasserkraft ständig drehte. Sie bestand aus mattem Kristall, bunte Blitze zuckten über sie hinweg und sie wechselte immer wieder ihre Farbe. Ein wunderschöner Anblick. „Wow!“ So schlimm ist es hier gar nicht, steht es doch noch nicht so übel um mein Bewusstsein?“ Der Tiger liess sowas wie ein Lachen hören und sprach: „Nein, so schlimm sieht es hier wahrlich nicht aus, das hättest du wohl nicht geglaubt, was?“ „Was ist das für eine Kugel?“ „Das ist die Kugel der Weiterentwicklung, sie dreht sich stetig. All das kommt einem manchmal sehr langsam vor und doch verändert sich immer etwas. Sie gräbt sich tiefer und tiefer und wenn du am Grunde angekommen bist, liegt dort das Gold. Genauso ist es mit deinem Leben. Du musst immer Geduld haben, denn du kommst irgendwann ans Ziel. Auch wenn es dir manchmal sehr lange vorkommt. Darum Lea, verliere nie die Hoffnung. Es kann nicht alles auf einmal passieren, kannst du das verstehen?“ „Ich denke schon ja…“

Leas Aufmerksamkeit wurde auf einmal von etwas anderem in Anspruch genommen. In einem der schattigeren Winkel der Grotte, erblickte sie auf einmal eine Gestalt, die dort kniete. „Wer ist das?“ fragte sie erstaunt und ging mit einer Mischung aus Angst und Neugier näher an die Gestalt heran und dann erkannte sie, dass es sich dabei um ein kleines Kind von etwa 6 Jahren handelte. Es sah sehr ähnlich aus wie Lea als kleines Kind, doch auch irgendwie wie Leas Sohn David. Als sie näher trat, erschrak sie, denn das Kind weinte und schaute sie mit traurigen, grossen, blauen Augen an.

„Wer bist du, was machst du hier?“ fragte sie und kniete sich neben dem Kind nieder. Seine Trauer und sein Schmerz berührte sie tief und sie legte sanft den Arm um es. „Was ist mit dir?“ Das Kind erwiderte mit trauriger Stimme: „Ich bin schon so lange hier und ich kann einfach nicht raus. Ich fühle mich so allein. Werdet ihr mir helfen, hier heraus zu kommen?“ Lea war tief betroffen und musste beinahe selbst weinen. Mit erstickter Stimme sprach sie: „Ja, natürlich werden wir dir helfen. Komm mit uns!“ Sie nahm das Kind an der Hand und dieses erhob sich und folgte ihr und dem Tiger.

 6. Kapitel

 Sich den Schatten stellen

Sie gingen erneut den Gang entlang, an den vielen Türen vorbei und Lea hatte das sichere Gefühl, dass sie diesen Ort nicht zum letzten Mal gesehen hatte. Er würde für sie noch eine wichtige Bedeutung in ihrem Leben haben. Allerdings würde sie das nächste Mal sicher unter anderen Umständen hierherkommen. Davon war sie felsenfest überzeugt.

Sie schaute auf das Kind das neben ihr ging und ein tiefes Gefühl von Zuneigung, stieg in ihr hoch. Dieses Kind erinnerte sie nicht nur an ihren eigenen kleinen Sohn, sondern auch an ihre eigene Kindheit. Damals mit 6/7 Jahren, war alles noch so sorglos gewesen, ihre Welt war noch in Ordnung und sie hatte damals eine sehr gute Freundin, mit welcher sie sehr schöne, abenteuerliche Dinge erlebte. Doch als ihre Eltern sich dann trennten und ihre Mutter mit ihr und ihren beiden Brüdern wegzog, war diese sorglose Welt irgendwie durch dunkle Schatten getrübt worden. Die darauffolgenden Jahre, waren sehr prägend für sie gewesen und auf einmal stand sie ganz allein da, ohne Freunde, ohne wundervolle Abenteuer und ohne ihre Eltern schlussendlich, denn diese waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie kaum mehr Zeit für Lea hatten Irgendwie lebten sie sich mehr und mehr auseinander und Lea musste schneller erwachsen werden, als ihr lieb war. All die Trauer, all die Einsamkeit, all die Orientierungslosigkeit und Angst spiegelte sich in den Augen dieses Kindes, das langsam und unsicher neben ihr ging. Sie wollte es beschützen, wollte ihm Freude schenken, wollte für es da sein. Doch… als sie zur Eingangspforte kamen, fanden sie diese verschlossen vor.

„Oh nein!“ rief Lea verzweifelt „Das kann doch nun wirklich nicht wahr sein!“ Sie rüttelte an der Tür, doch diese bewegte sich keinen Zentimeter. Und… damit nicht genug… auf einmal erlosch das Licht ihres Stabes und tiefste Dunkelheit umfing sie. Lea erschauderte und sie spürte die kleinen Finger des Kindes, die sich vor Angst in ihre Hand krallten. „Was ist das?“ hörte sie seine zitternde, leise Stimme neben sich. „Ich weiss auch nicht!“ Sie suchte mit ihrer Hand instinktiv nach dem Tiger. Gottseidank, er war noch da! Sie klammerte sich an die mächtige Vordertatze des Tieres, so wie sich das Kind an sie klammerte. Der Tiger knurrte und machte sich zum Angriff bereit.

Es wurde dunkler und dunkler, kühler Wind zog auf und strich um sie herum, wie ein schlangengleiches Wesen. Es war eine finstere böse Präsenz, die Lea auf einmal fühlte. Ein Wesen aus reinem Schatten. Sie versuchte etwas zu erkennen, aber es war als bestünde die Umgebung nur noch aus lichtlosem Raum. Das einzige Licht, dass sie noch sah, war das Leuchten ihres Sternblumenmedaillons. Sie wollte sich bewegen, doch sie konnte es nicht. Sie war wie erstarrt und auch der Tiger wusste nicht, wie er diese dunkle Präsenz einordnen sollte. Sie war anders als das Monster, dass sie vorhin daran hatte hindern wollen, hier herein zu kommen. Noch böser, noch dunkler, noch unfassbarer. Leas Herz klopfte erneut bis zum Hals. Wie nur konnte sie diese Macht überwinden? Sie spürte wie das Kind an ihrer Hand zitterte wie Espenlaub und leise zu weinen begonnen hatte. „Es wird uns niemals hier rauslassen!“ schluchzte es. „Es hat mich bisher nicht rausgelassen und wird es auch diesmal nicht tun. Ich habe Angst Lea, so schreckliche Angst!“

Auch Lea fühlte wie das Grauen in ihre Knochen kroch, alles wurde kalt in ihr drin, das Blut schien auf einmal nur noch zähflüssig zu pulsieren, ihre Kehle war wie zugeschnürt und sie musste sich übermenschlich anstrengen, nicht selbst zu zittern wie das Kind. Der Tiger war auch verunsichert, aber er hielt stand und stiess ab und zu ein Knurren aus. Leises hämisches Gelächter von hunderten von Stimmen drang an ihre Ohren und Lea nahm die ganze Kraft zusammen und fragte: „Was wollt ihr von uns? Verschwindet, wir wollen hier endlich raus!“ „Nein… nein… nein!“ erklang das Echo tausender Stimmen und kühle Schwaden streiften Lea und das Kind. „Nein!“ schrie der kleine Junge und begann noch lauter zu weinen „Lasst mich!“ Doch die dunkle Energie dachte nicht daran, sie machte sich vielmehr einen Spass daraus, Lea und ihre Begleiter, in noch mehr Angst und Schrecken zu versetzen. Auf einmal spürte Lea Zorn in sich aufsteigen. Wie konnten diese dunklen Schatten das arme Kind so quälen? Schützend stellte sie sich ganz nahe neben den Jungen und umfing ihn mit ihren Armen. „Es reicht!“ schrie sie bestimmt. „Ihr werdet das arme Kind nicht weiterhin so quälen! Ich habe genug von euch. Verschwindet, wer auch immer ihr seid! Ihr habt keine Macht über uns! Auf einmal kamen ihr die Worte des Tigers wieder in den Sinn: „Vertraue auf die Liebe, vertraue auf das Licht…!“ Sie schloss ihre Augen und besann sich darauf, wie Licht und Liebe ihr ganzes Sein durchfloss. Sie dachte an all ihre Lieben, an all das Schöne das es in ihrem Leben eigentlich gab und sie besann sich auf ihr Herz, dass doch so viel an Gutem und Schönem zu geben hatte.

Und… auf einmal begann der Raum um ihr Herz herum zu leuchten! Ein weissgoldener Wirbel entstand, dieser wurde heller und heller und es war als würde sich eine Pforte in ihrem Inneren öffnen, eine Pforte aus Licht und unbändiger Kraft. Ein Strahl entstand  im Zentrum dieses Wirbels und aus diesem bildete sich ganz plötzlich ein wundervolles Wesen! Es sah aus wie ein Greif, mit mächtigen Schwingen, einem Adlerkopf und Löwenpranken. Eine gewaltige Präsenz ging von ihm aus. Er zog ein paar Kreise um Lea, das Kind und den Tiger; goldener Sternenstaub regnete auf sie hernieder und erhellte die Dunkelheit. Der Greif wandte seinen edlen Kopf, mit dem scharfen Schnabel der Frau zu und schien ihr ein wortloses Versprechen zu geben. Dann flog er auf die dunklen Schatten los, die die Tür blockierten und schlug mit seiner gewaltigen Vorderpranke gegen das Holz. Lea konnte es kaum glauben! Das Tor zersplitterte  in tausend Stücke und die schrecklichen Schatten verflüchtigten sich, so wie sie gekommen waren! Die Frau atmete tief die frische Luft ein, die nun von draussen hereinströmte und  sie sah das helle Sonnenlicht, welches sich seinen Weg zwischen den Felsen hindurch gebahnt hatte und nun alles erhellte.

Lea konnte ihr Glück kaum fassen und das Kind lachte fröhlich und lief hinaus in die schon so lange ersehnte, Freiheit. Es jubelte und sprang wie ein kleines Fohlen herum. Lea und der Tiger schauten ihm lächelnd zu. „Das hast du sehr gut gemacht Lea“, sprach die grosse Raubkatze respektvoll. „Siehst du, du hast viel mehr Kraft in dir als du denkst.“ „Meinst du wirklich?“ „Ja, sonst hätte aus deinem Herz doch nicht so ein mächtiges Wesen entstehen können. Es ist Sinnbild für deine Herzenskraft und diese ist wahrlich stark, vergiss das nicht!“ „Ich weiss nicht so recht…“ Lea wurde plötzlich wieder unsicher „Ich glaube irgendwie noch nicht so ganz, dass ich solche Stärke in mir haben soll. Sonst hätte ich mich doch nicht umbringen wollen. Ich wäre jetzt noch bei meinem Mann und meinem Kind. Doch nun… bin ich hier…“ Sie wurde auf einmal wieder traurig und schwermütig. Wie sollte es nur weitergehen? Würde sie jemals zurückkehren können und wenn, wie würde sie gewappnet sein für dass, was sie in ihrer alten Welt erwarten würde? Sie glaubte einfach, sie war noch nicht so weit, schon wieder heimzukehren. Hier war alles anders, irgendwie einfacher. Sie konnte sich auf ihre innere Kraft besinnen und diese manifestierte sich sogleich. Das war in ihrer alten Welt nicht möglich gewesen. Sie konnte hier sein, wer sie wollte, sie war irgendwie frei, so frei… wie das Kind, dass nun übermütige herumsprang und unter dessen kleinen Füssen auf einmal wundervolle Blumen zu spriessen begannen.

Sie sehnte sich so sehr danach, es ihm gleich zu tun, aber… sie konnte es nicht, ich Herz war auf einmal wieder schwer. Nun hatte sie das Kind hier rausgeholt, doch wie jetzt weiter? Irgendwie überkam sie plötzlich wieder Angst und sogleich verdunkelte sich die Umgebung und von fern erklang ein ihr mittlerweile nur zu bekanntes Gelächter. Nun hatte sie diese finsteren Schatten besiegt, doch… dieses Monster, dass sie schon so lange verfolgte, würde sie nicht so einfach los kriegen. Das Kind hielt nun auf einmal in seinem ausgelassenen Spiel inne und blickte erschrocken zwischen die Schatten der Schlucht, woher Lea vorhin mit dem Tiger gekommen war. Lea erschrak zu Tode und schrie laut. „Nein! Geh dort nicht lang, da ist…“ In diesem Augenblick tauchten wieder die roten Augen auf und das Monster mit den Säuretentakeln schälte sich aus den Schatten. Lea wurde von Panik ergriffen und lief zu dem Kind. Sie zog es zur Seite und stellte sich vor es. In diesem Augenblick war ihr egal was mit ihr passieren würde. Doch das Monster hatte es seltsamerweise gar nicht auf das Kind abgesehen. Es wandte sich Lea zu und sprach: „Da sind wir nun also wieder. Ich muss sagen, du hast mehr geschafft, als ich dir zugetraut hätte. Dennoch, ich werde dich trotzdem niemals ruhen lassen und irgendwann werde ich dich ganz verschlingen.“ Ja, dieses Gefühl hatte die Frau auch und sie merkte schon wieder, wie das Grauen von ihr Besitz ergreifen wollte. Sie war wie gelähmt und starrte das Monster einfach nur an. Sie wusste nicht mehr,  was sie dagegen tun konnte, sie war so ohnmächtig und hilflos.

Doch dann geschah etwas, dass sie niemals für möglich gehalten hätte. Das Kind ging ganz ohne Furcht auf das Monster zu und sprach:„Du wirst nicht mehr lange diese Art von Nahrung erhalten! Die Nahrung die du erhältst, wird anders sein, sie wird dich verwandeln und dich lehren, das Leben wieder mehr zu schätzen und zu würdigen. Es wird dir wieder mehr Freude geben.“ Und das Kind…ging einfach zu dem schrecklichen Monster und… streichelte es!! „Ach du meine Güte!“ rief Lea aus „Nicht zu nahe ran!“ Das Kind lächelte und sagte: „Eigentlich ist dieses Wesen doch ganz lieb. Es ist nur verletzt und verbittert und es ist darum so böse geworden.“ Das Monster, zuckte unter der Berührung des Kindes zurück, doch es tat ihm nichts. Es war erstaunlich! „Streichle es doch auch mal!“ meint das Kind zu Lea. Diese schaut entsetzt und voller Abscheu drein. „Nein…nein, das kann ich nicht tun! Seit Ewigkeiten, sind ich und dieses Monster die ärgsten Feinde und es quält  mich schon viel zu lange.“ „Gerade darum, solltest du es tun! Es macht schon nichts. Ihr müsst Frieden machen!“ „Aber… das geht nicht, das… es wird mich in den Abgrund reissen, es hat mir das angedroht und jetzt soll ich es streicheln? Nein, das ist einfach unmöglich. Ich…“ Auf einmal fiel Leas Blick auf das Sternblumenmedaillon an ihrem Hals, dass ihr dieser geheimnisvolle Mann einst geschenkt hatte. Was hatte er nochmals gesagt? „Schatten sind für dich etwas Bedrohliches, etwas vor dem du dich fürchtest. Ich aber tauche ein in den Schatten, werde eins mit ihm. So verliert der Schatten an Bedrohlichkeit, weil man ihn in- und auswendig kennt und weiss wo sein Ursprung liegt, was seine Funktion ist. Vielleicht wäre es gut für dich, auch mal in die Schatten einzutauchen, um das selbst begreifen zu können. Der Schatten ist ein intensiver Teil deines Lebens. In ihm, liegt der Schlüssel zur Transformation, denke immer daran…!“

Lea blickte mit einer Mischung aus Abscheu, Angst und Neugier auf das Monster und seltsamerweise erwiderte dieses ihren Blick. Seine Augen waren jedoch auf einmal nicht mehr so rot und bedrohlich, eher etwas dunkler, aber irgendwie lebendiger. Es wirkte gar nicht mehr so böse in diesem Augenblick. Das verwunderte sie. Sie sah das Monster an und glaubte auf einmal, hinter es sehen zu können! Hinter seiner schrecklichen Fassade, den schrecklichen Gebaren, die ihr immer wieder so zusetzten, befand sich eine höchst verwundete Seele. In ihm spiegelten sich alle Verletzungen, welche Lea im Laufe ihres Lebens schon erfahren hatte. Endlich konnte sie sich all ihren Schmerz eingestehen, begriff wieviel Leid sie sich immer wieder selbst zugefügt hatte, durch ihren oftmaligen Selbsthass, durch ihre oftmalige Selbstkasteiung und den geringen Glauben an sich selbst und an ihre innere Kraft. Nur mit einer Geste hatte ihr dieses wundervolle Kind bewusst gemacht, was wirklich zählte! Die Schwäche- der Schatten, war ein Teil jedes Menschen, doch nicht jeder, ging mit seinen Schwächen auf die gleiche Weise um. Einige stellten sich diesen Schwächen, einige verdrängen sie, andere prügelten sie mit aller Gewalt nieder. Letztere beiden, wollte sie in Zukunft nicht mehr tun. Die Augen des Monsters, welche jetzt viel sanfter blickten und ihre begegneten sich und sie ging zu ihm hin und berührte ganz zaghaft die grünschwarze Haut. In diesem Augenblick, verwandelte sich das Monster in einem Wirbel aus Licht Und… aus diesem Licht, schälte sich in ein wundervolles, geflügeltes Einhorn! Da fröhlich wiehernd in den Himmel emporstieg. „Mein Gott…! flüsterte Lea tief bewegt „mein Gott!“ Dann wurde sie von einem unheimlichen Sog davongezogen…

 

7. Kapitel

Rückkehr

Nathaniel war eingeschlafen, sein Kopf lag neben dem seiner Frau. Er spürte ihren warmen Atem und erwachte plötzlich. Irrte er sich, oder hatte Lea gerade einen tiefen Atemzug genommen? Er rieb sich die Augen und schaute auf ihr Gesicht. Doch noch schien sich nicht viel verändert zu haben. Sein Blick fiel auf den Monitor, welcher ihre Werte aufzeichnete. Tatsächlich war da eine höhere Kurve in der sonst recht regelmässigen Zickzacklinie. Also doch ein tieferer Atemzug? Er schaute sie erneut an und nahm ihre Hand instinktiv in seine. „Lea?“ flüsterte er „Lea?“ Nichts weiter geschah und er wollte sich schon enttäuscht nach hinten lehnen, als auf einmal ihre Hand sich bewegte und seine leicht drückte. Nathaniel konnte es kaum glauben. „Lea! Lea!“ rief er, als hoffe er sie aus der Tiefe der Welt empor holen zu können, in der sie sich nun schon so lange befand. Er hielt ihre Hand ganz fest, in der Hoffnung, sie würde seinen nochmals drücken und tatsächlich, sie bewegte sich erneut!

Sein Herz klopfte wie rasend und er legte seinen Kopf erneut ganz nahe an ihren. Tränen liefen über seine Wangen, Tränen des Glücks. „Lea!“ flüsterte er ihr ins Ohr, „Bitte komm zu uns zurück, wir brauchen dich so sehr. Du bist stärker als du denkst. Komm zurück!“ Und… dann auf einmal, zuckten die Lieder seiner Frau und sie öffnete endlich ihre Augen! Ein seliges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie ihn sah und sie hob ihre Hand und streichelte seine Wange, sanft und voller Liebe. „Du bist hier… du warst immer da, du warst… mein goldener Ritter…“ Nathaniel wusste nicht genau was sie damit meinte, aber er begriff dass diese Worte eine tiefe Bedeutung hatten. „Ich war immer an deiner Seite Lea und werde es auch weiterhin sein.“ „Das weiss ich mein Liebling und ich werde jetzt auch nicht mehr weggehen, denn ich bleibe hier…“ 

 

Ende