Dieses Bild stammt von Josephine Wall und zeigt einen Medizinmann in Verbindung mit seinen Totems und seinen Visionen. Das ist sehr passend zu meiner Geschichte Animalrider, die ich nun für Euch hier anfange hochzuladen.

Inhalt Animalrider:

Animalspirit (Quelle unbekannt)

Vor unendlich langer Zeit, noch vor der grossen Flut, welche die Erde neu formte, lebten Tiere und Menschen, als gleichwertige Wesen nebeneinander. Die Tiere waren die Alten, welche den „jungen“ Menschen, den Sternkindern, alles über das Leben beibrachten. Einige dieser Menschen, waren ganz besonders begabt. Sie konnten sich in jegliches Tier verwandeln, in das sie wollten und jeder von diesen Allessehenden-  den Animalridern, wurde von einem ganz besonders weisen Tiermentor unterwiesen.

Die junge Schweizerin Nathalie staunt nicht schlecht, als eines Tages ein alter Indianer, in ihrer Wohnung steht und sich ihr als ihr einstiger Meister vorstellt, den sie schon seit Anbeginn ihres Daseins, durch viele vergangene Leben hindurch, kennt. Er eröffnet ihr, dass sie zu den Allessehenden/ den Animalridern gehört und es ihre Berufung ist, diese Eigenschaften in diesem Leben, neu zu entdecken. Nathalie glaubt zuerst nicht an das, was ihr da offenbart wird. Doch ihr Mentor- Wandernder Bär, nimmt sie mit auf eine einzigartige Reise, auf der sie immer mehr mit ihrem Inneren in Berührung kommt und das was sie lernt, manifestiert sich schliesslich mehr und mehr auch im äusseren Leben.

Zur selben Zeit, wird auch der junge Marc von seinem einstigen Mentor Snakeman besucht und auch dieser berichtet ihm, von der einstigen Vergangenheit, als Animalrider. Marc und Nathalie, welche sich schon kennen, deren Wege sich jedoch immer wieder, durch traurige Umstände trennten, erfahren, dass sie seit ewiger Zeit Seelenverwandte und Liebende sind.Wird das Leben sie vielleicht nochmals auf diese Weise zusammenführen, oder trennen sich ihre Pfade?

Noch ist sowieso ein langer Weg zu gehen, bis sie ihre wahre Berufung finden und damit auch ihren Platz im ewigen Kreislauf des Universums, einnehmen können. Viele innere wie äussere Helfer, begleiten die beiden dabei. Nathalie und Marc machen sich auf, zu ihrem ganz eigenen Visionquest (Visionssuche), vor dem farbenprächtigen Hintergrund, der Mythologie der Indianer Nordamerikas.

 

Animalrider Geschichte

1. Kapitel             

(Es gibt kursiv und normal geschriebene Textteile. Die normal geschriebenen, spielen in der heutigen Zeit, die kursiv geschriebenen, sind Tagebucheintragungen, vor endlos langer Zeit, wo die Tiere noch viel mehr konnten und Lehrmeister der Menschen waren)                                     

Man nennt mich Mato- den Bär. Als Iktome- die Spinne einst ihr Schicksalsnetz wob, schuf sie das allererste Alphabet. Von diesem Alphabet mache ich hier nun Gebrauch, um alles niederzuschreiben, von der Vergangenheit und der Gegenwart…

Gewaltige Umwälzungen suchen unsere Welt heim. Der grosse Geist lässt seit Wochen über uns regnen. Die Strafe für all unsere Verfehlungen, steht unmittelbar vor unseren Türen. Darum will ich hier über all die Geheimnisse meiner Welt berichten, vielleicht findet jemand einst dieses Schriftstück und erinnert sich an die Zeiten, als Menschen und Tiere noch Freunde waren.

Agleska- die Eidechse, die die Zukunft träumt, sagte mir, dass die Zeit der Tiere bald vorbei sein wird. Etwas wird mit uns passieren, etwas wird sich verändern... und nichts wird mehr sein, wie es einst war. Die zweibeinigen Kinder, die von den Sternen kamen, werden uns ablösen.

Was wird uns nach der grossen Flut erwarten? Werden wir noch dieselben sein? Wird es uns überhaupt noch geben? Ich fürchte mich vor der Zukunft, niemals bisher habe ich solche Furcht empfunden. Darum muss ich die Gelegenheit nutzen zu berichten, was sich alles in unserer Welt zuträgt, damit es nicht für ewig verloren gehen möge.

Natürlich haben wir Vorkehrungen getroffen für die grosse Flut. Wir bauen Boote und legen darin Vorräte für lange Zeit an.

Die wenigen Sternenkinder müssen gerettet werden. Die Zukunft... sie liegt in ihren Händen.Wir sind nicht so wichtig, auch wenn das einige Tiere anders sehen. Sie mögen die Sternenkinder nicht, sie sahen in ihnen schon von Anbeginn einen Feind. Tatsächlich bestätigten ihre Befürchtungen sich teilweise, denn es gibt tatsächlich schon Zweibeiner, die sich über uns Tiere erheben wollten. Doch gibt es auch die Getreuen, die stets unsere Freund geblieben sind.

Immerhin waren wir es, die ihnen beibrachten wie man in der Wildnis überlebt, welche Früche von Mutter Erde man essen kann. Es gab sogar Tiere, die sich ihnen als Nahrung darboten, damit sie nicht des Hungers oder der Kälte wegen sterben mussten. Schwester Antilope- Tatokala z.B. Sie bot den Sternkindern an, dass sie sie in der Not töten, ihr Fleisch essen und ihr Fell als Kleidung verwenden dürfen. Sie sah das als Dienst und als Teil ihrer Weiterentwicklung. Möge der Grosse Geist ihr ihre Güte lohnen!

Leider gibt es unter den Zweibeinern mitlerweile auch solche, die mehr töten als sie eigentlich zum Leben bräuchten,die es lieben, sich mit besonders vielen Fellen zu schmücken, welche nur noch Fleisch essen wollen, auch wenn die Grosse Mutter doch so viel mehr an Nahrung zu bieten hätte. Ich finde z.B. frischen Honig besonders köstlich... doch davon will ich hier nicht zuviel berichten. Es geht um Wichtigeres. 

Eine kleine Gruppe von den Sternenkindern sind für uns besonders wertvoll. Man nennt sie „Die Allessehenden“. Sie sind Wanderer, die sich ganz natürlich zwischen der Welt der Tiere und der ihren bewegen können. Ihnen gehört alle Weisheit, über Leben und Tod. Auf sie setze ich meine grosse Hoffnung.

 Einer der Allessehenden steht meinem Herzen besonders nahe. Sie war meine fleissigste Schülerin und wie eine Tochter für mich. Ihr Name ist Sunkmanitutanka- die Wölfin.

Sie lebt bei der Sippe meiner Freunde, den Wölfen. Einst fanden sie sie nackt und einsam in der Weite der Steppe. Sie brachten dem Mädchen alles bei, was sie wussten und gaben sie dann in meine Obhut, damit ich ihr auch mein Wissen weitegeben konnte. Sie hat sich wunderbar entwickelt. Sie fand sogar einen jungen Mann, den sie von Herzen liebt. Wir nennen ihn „Kangi- den Raben“ denn er weiss um die tiefe Magie des Daseins. Er lernte vom Clan der Raben Einblick in das „Grosse Geheimnis“ zu erhalten. Er hat die Kraft des Heilens. Auch er, ist für mich wie ein Sohn. Die beiden sind ein schönes Paar, mit Augen wie Regenbogenobsidian und langem, gewellte Haar das an glänzende Kohle erinnert. Sie sind beide von kräftiger eher sehniger Statur. Sie erreichten bereits den höchsten Grad ihrer Ausbildung, können sie sich nun in jegliches Tier verwandeln, das auf Erden wandelt.

Schwester Eidechse offenbarte mir, dass man sie einst „Animal Rider“ nennen wird, was auch immer das bedeuten mag.

Es war ein regnerischer, kühler Tag in der ostschweizerischen Stadt St.Gallen. Die Wolken hingen tief zwischen den Hügeln und verliehen allem ein tristes, graues Aussehen. Doch davon merkte Nathalie Egghalder wenig. Sie arbeitete sowieso fast immer am Sonntag und zwar im Völkerkunde- Museum der kulturbegeisterten Stadt.

Gerade gab es eine neue Indianerausstellung, die sehr viele Gäste anzog. Die Kultur der Ureinwohner Nordamerikas, war im Augenblick sehr im Aufwind. Es gab immer mehr Workshops und Meditations Gruppen, die sich mit dem indianischen Weisheitsweg und der Lebensweise selbiger intensiv auseinandersetzten.

Nathalie war ebenfalls sehr fasziniert von allem was sich um die Indianer drehte. Immer nach Feierabend durchquerte sie deshalb nochmals die Aussellung und bewunderte die wunderschönen Federschmücke, Gewänder, Waffen, Zeremonienutensilien und anderen  Gegenstände des besagten Volkes, in aller Ruhe.

So auch heute. Die meisten Lampen hatte sie schon gelöscht, nur noch die Vitrinen waren beleuchtet.

Immer zu dieser Zeit erfüllte das 25- jährige Mädchen eine seltsame Sehnsucht, fast eine Schwermut. Sie glaubte dann auf einmal durch ein Fenster schauen zu können und die Vergangenheit zu erblicken. Meist waren diese Erlebnisse so intensiv, dass es ihr vorkam, als könnte sie die Indianer bei der Arbeit, bei der Jagd oder bei einer ihrer besonderen Zeremonien selbst erleben. Sie glaubte gar Gerüche zu riechen, Stimmen zu hören.

Meist schüttelte sie dann den Kopf, um wieder aus ihrem tranceähnlichen Zustand zu erwachen, der sie irgendwie beunruhigte. Meist schob sie ihre Erlebnisse dann auf eine zu lebhafte Phantasie ihrerseits.

Langsam, fast meditativ ging sie von Vitrine zu Vitrine. Vor einem besonders schönen mit Adlerfedern, Perlen und Lederbändern verziertem Kalumet (Friedespfeife) blieb sie stehen.

Und ...auf einmal wich der Vorhang der Gegenwart zurück! Sie sah vor sich die weite Prärie. Ein heller Lichtball erschien am Horizont und näherte sich. Nathalie sah sich selbst auf dieses Licht zugehen. Und dann erblickte sie ihn! Einen schneeweissen Büffel der aus dem Licht trat!

Nathalie taumelte zurück. Das Bild verschwand und sie sah wieder nur die Vitrine mit dem Kalumet vor sich. „Was um alles in der Welt ist mit mir los?“ sprach sie laut in das Halbdunkel des Museums hinein, als wolle sie die seltsamen Bilder verscheuchen. Sie wandte sich apprupt ab und verliess den Raum.

Pflichtbewusst wie immer, aber ihre Gedanken weit entrückt, löschte sie alle Lichter und schloss die Tür des Museums hinter sich zu.

Es war Spätherbst und der Wind blies eiskalt. Nathalie schlug den Kragen ihrer schwarzen Leder- Jacke hoch und ging schnellen Schrittes die regennasse Strasse entlang. Ihr Wagen befand sich einige Meter vom Museum entfernt. Sie bestieg den bereits ziemlich alten Renault clio, dessen weisser Lack auch schon bessere Tage gesehen hatte und fuhr los.

Sie wohnte etwas ausserhalb des Stadtzentrums in in einem alten Mehrfamilienhaus.Dieses besass schwiedeeisernen Balkone und grosse Fenster, die jeweils von ausgebleichten, grauen Läden flankiert wurden. Drei grosse Ahorn- Bäume umsäumten es und Efeu überwucherte den nördlichen Teil der Fassade.

Das Mädchen stellte ihr Auto auf den dafür vorgesehenen Platz, einige Meter vom Haus entfernt und wollte sich schnellstmöglich in die Wärme flüchten, als sie auf einmal inne hielt!

Sie glaubte ein Geräusch hinter sich zu vernehmen. War da nicht ein Schatten hinter jenen Büschen? Sie umfasste den Pfefferspray, den sie immer in der Tasche trug fester. Doch da sah sie den vermeintlichen Verursacher des Geräusches auch schon. Es war ein Marder der hinter ihr über die nächtliche Strasse huschte, oder war es womöglich ein „Wiesel“ gewesen?...

Das Wiesel kam vor ein paar Wochen in Tränen aufgelöst zu mir. Es berichtete mir dass die Flüsse im Westen über die Ufer getreten seien und die Wasserdrachen bereits viele unserer Tier- und Menschenbrüder verschlungen hätten. Die Seen in den östlichen Waldreichen, seien ebenfall stark angeschwollen und überschwemmten grosse Teile des Landes.Von den fernen Küsten hörte man wie die Meeresgeister die Fluten des grossen Wassers aufpeitschten, was ebenfalls viel Opfer forderte.

 Es waren schreckliche Nachrichten die der „Kundschafter“ brachte, doch es würde noch schlimmer werden. Bis die Flut auch unser Land überschwemmte, würde es noch etwas länger dauern, doch der Tod kam sicher, wenn auch schleichend. So berief ich den Rat der „Weisen“ (zu dem ich in aller Bescheidenheit auch gehöre) ein, um zu besprechen, was weiter zu tun sei.

Ich schickte den Falken aus, um alle Ratsmitglieder zusammen zu rufen.

Es dauerte nicht lange, bis sie einer nach dem andern eintrafen. Es gab einen Vertreter jedes Tierklans, auch ein paar der „Allessehenden“ waren anwesend. Darunter auch meine beiden liebsten Schüler: Sunkmanitutanka- und ihr Gefährte Kangi. Ich habe meine eigenen Namen für die beiden. Sie nenne ich „Suna“ und ihn nenne ich „Kai“. Mein Herz ist voller Wärme für die zwei und ich staune, wie gut sie doch zusammenpassen. Sie sehen aus wie Zwillinge und doch sind sie verschieden in ihrem Wesen. Suna ist die Gesellige, stets offen und freundlich in ihrer Art. Allerdings gewinnt man ihr Herz nicht so einfach. Sie besitzt ein gesundes Misstrauen. Wenn man aber mal ihr Vertrauen erlangt hat, ist sie die allerbeste Freundin, die man sich vorstellen kann. Sie würde für ihre Lieben durch das Feuer der Unterwelt gehen, würde gegen gefährliche Drachen kämpfen, oder sich bösen Dämonen entgegenstellen, wenn es sein müsste. Sie ist eine sehr gewandte Kämpferin. Ihr Hikory-Bogen, verstärkt mit den Sehnen von Bruder Bison und geschmückt mit dem heiligen Fell der Bisam Ratte, trägt sie stets bei sich. Die Pfeile dazu wurden aus dem Holz des heiligen Baumes Psehtin- der Esche geschnitzt, welchen man auch „Baum der Himmel und Erde verbindet“ nennt. Die Schäfte sind befidert mit Adlerschwingen. Diese Federn waren einst ein Geschenk des Ratsmitgliedes „Weiser Adler“ an Suna. Man erzählt sich, dieser sei direkt vom Himmel gekommen, um uns die geistige Erkenntnis zu vermitteln, die alles am Leben hält. „Weiser Adler“ ist uralt und sein Gefider ist schon fast weiss. Es war eine Ehre für meine Schülerin, von ihm diese Federn zu erhalten. Ihr Bogen ist deshalb auch besonders geheiligt und verfehlt kaum mal sein Ziel. Kai ist in seinem Wesen eher still und in sich gekehrt. Er birgt grosses Wissen in seinem Innern, dass er nur wenigen preis gibt. So ist er nicht immer einfach einzuschätzen. Sein ganzes Gebahren ist geprägt von einer ruhigen Besonnenheit. Seine liebste Waffe ist der Tomahawk. Auch dieser ist geschmückt mit den Federn von „Weiser Adler“, doch auch noch mit den Federn des „Präriehuhns“, welches der Wächter der „Heiligen Spirale des Aufstiegs“ ist. Dies ist ebenfalls eine besonders hohe Auszeichnung für meinen Schüler. Es zeigt an, dass er im Geiste in die höchsten Sphären der unsichtbaren Welten aufsteigen gelernt hat. Kai aber zeigt selten etwas von seinem Können. Er ist still und bescheiden, doch in ihm brennt ein Feuer, dass ich noch bei wenigen sah. Er und Suna sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Sie ergänzen sich in allen Bereichen des Lebens wunderbar und das macht ihre Beziehung aus.

 Doch habe ich wieder zu weit ausgeholt. Ich wollte doch über die Ratsitzung berichten. Alle kamen also: „Grauer Wolf“- mein besonderer Freund, der Adler, Bruder Bison, Mutter Schildkröte, die Eule, der Hirsch, Vater Krähe, Alter Kojote, Schwester Schlange, das Reh und der Rabe . Fast alle von ihnen hatten eins der Sternkinder an ihrer Seite, die bei den verschiedenen Klans aufgewachsen waren. Bei Bruder Rabe, war es eben Kai, bei „Grauer Wolf“ Suna. 

Ich war Vositzender des Rates, darum hatte ich kein besonderes Menschenkind an meiner Seite. Die meisten der verschiedenen Klans aber waren schon mal bei mir in der Lehre gewesen.

Eigentlich weiss ich noch heute nicht womit ich die Ehre des Vositzenden verdient habe... Doch kommen wir zum Wesentlichen!

Wie üblich ergriff bei den Ratsversammlungen der Vorsitzende zuerst das Wort, das war demzufolge ich (was ich eigentlich nicht sehr liebe): „Wie ihr alle wisst,“ begann ich, „hören wir Hiobsbotschaften aus allen Teilen unserer Welt. Die grosse Flut wird kommen, das hat uns „Agleska“, (dabei blickte ich zur Eidechse hinüber) prophezeit. Es wird höchste Zeit...

 Entgegen der Gebräuche, begannen nun alle durcheinander zu sprechen: „Was tun wir? Unsere Brüder und Schwestern sterben! Bauen wir Boote? Die Hälfte meines Klans ist bereits gestorben! Es muss etwas getan werden! Aber was? Meint ihr wirklich das dies die grosse Flut ist? Hat Agleska sich womöglich geirrt?“ Dies waren Fragen die ich unter anderem heraushörte. Ich griff nach dem sogennanten Sprechstab, der laut der Legende aus den Wurzeln des Weltenbaumes gefertigt war und hob ihn in die Höhe. Er verlieh dem der in trug, die Macht allein zu sprechen. Sogleich verstummten die vielen Rufe und es wurde totenstill. „Ich verstehe dass ihr alle sehr durcheinander seid Brüder und Schwestern. Doch wir wollen jedem einzelnen die Möglichkeit geben zu sprechen. Wenn ihr alle zusammen sprecht wird das nichts.“ Ich reichte den Stab weiter an „Grauer Wolf“ dessen Fell wie Kohle und Asche aussah. Auch er war sehr alt und weise. Seine Stimme klang besonnen als er sprach: „ Ich glaube nicht das Agleska sich geirrt hat. Sie irrt sich niemals. So wird  die grosse Flut kommen und unsere ganze Welt verschlingen. Es ist entsetzlich und doch kann es ein neuer Anfang für uns alle sein. Der Grosse Geist weiss was er tut. Wenn wir ehrlich sind, haben wir Tiere uns das eigentlich selbst zuzuschreiben. So viele von uns haben ihre ursprüngliche Herkunft, ihre Aufgabe vergessen. Sie stehen der Evolution im Wege, die die Sternkinder als zukünftige Wächter der Welt bestimmt hat. Nicht umsonst fiel einst das erste Sternenkind durch das Loch des entwurzelten Himmelsbaumes, hinunter auf unsere Welt. Alle Tiere einigten sich darauf diesem Sternkind und ihren Nachkommen einen guten lebenswerten Platz zu schaffen. Dies ist unsere geliebte „Mutter Erde“. Sie ist gütig und freudlich aller Kreatur gegenüber. Doch so manche von uns, leben in Feindschaft mit den Menschenkindern. Das sieht der Grosse Geist nicht gern, darum wird er diese Welt umgestalten. Es kann gut sein, dass wir dadurch unser Position als die Alten verlieren, oder nicht mehr wahrnehmen können. Doch liegt das alles bei uns. Ich finde es wichtig, dass wir uns unserer Verfehlungen bewusst werden, vielleicht wird es dann doch noch eine gemeinsame Zukunft von Menschen und Tieren geben. Darum lasst uns Boote bauen um der grossen Flut zu trozten so gut es geht...“ Er reichte den Stab weiter an die elfenbeinfarbene Schlange neben ihm, ihre Augen funkelten wie das Gold von Bernstein. Diese sprach mit zischender Stimme: „Was du da sagst Bruder Grauwolf mag in manchem stimmen. Doch, ist deine Sichtweise nicht etwas gar einseitig? Nicht nur wir sind schuldig geworden was die Sternkinder betrifft. Auch sie sind uns teilweise feindlich gesinnt. Besonder wir Schlangen haben oft darunter zu leiden. Sie verstehen unser Wesen nicht, einige zertreten uns einfach unter ihren Füssen, oder nehmen unsere Haut um ihre Waffen zu schmücken. Dafür töten sie viele von uns. So manche meines Volkes hassen sie deswegen und haben schon oft ihre Giftzähne gebraucht um sie ihrerseits zu töten. Ich heisse solche Verhaltensweisen nicht gut, habe ich doch selbst schon viele Sternkinder in meiner Obhut gehabt, die ich sehr liebe und denen ich alles anvertauen würde, sogar mein  Leben.“ Dabei blickte sie wohlwollend zu ihrem Schüler herüber, ein kleiner schmaler Junge mit leuchtenden Augen und halblangem, schwarzen Haar. Er trug ein Oberteil aus dem schwarzbraunen Leder einer verstorbenen Kobra und ein ebensolcher Lendenschurz. Verlegen lächelte er, als sich alle Blicke auf ihn richteten.

Zuze'ca - die Schlange, fuhr fort: „Dennoch gibt es schon sehr Viele meines Volkes die anders denken und ihre Zahl wächst täglich. „Schwarzer Zahn“, mein bisher engster Vertrauter, ist den Sternkindern feindlich gesinnt. Er drängte mich vor dem Rat den Unwillen des Schlangenvolkes kund zu tun. Doch ich bin nach wie vor ein Freund der Menschen, und ich weiss welche Verpflichtungen wir gegenüber ihnen eingegangen sind. Trotzdem will ich ehrlich zu euch sein. Es gibt Feinde unter den Schlangen, die nicht zu unterschätzen sind, ebenso auch Feinde unter dem Menschenvolk. Wir müssen darum besorgt sein, dass selbige nicht die Überhand gewinnen. Das geht nur, wenn Mensch und Tier sich weiterhin gegenseitigen Respekt entgegenbringen. Das... betrifft alle...“ Die Schlange schwieg nun und ringelte sich wieder bedächtig zusammen. Ihre goldgelben Augen, die ihr auch den Namen „Goldenes Auge“ eingebracht hatten, musterten die Anwesenden still. Einige des Rates nickten zustimmend.

Schliesslich bat der „Grosse Hirsch“,zwischen dessen Geweih der Blitz der Erkenntnis wohnt, um das Wort. Er meinte mit wohlklingernder, tiefer Stimme: „Ich verstehe, was du uns sagen willst Schwester Schlange. Du hast sicher recht und wir müssen bedenken, dass  nicht alle unserer Meinung sind, was die Sternkinder betrifft. Das ist, wei Grauer Wolf  bereits sagte auch einer der Gründe, warum die grosse Flut uns heimsucht. Wichtig ist sich im Klaren zu sein, dass der Grosse Geist alles sieht und er weiss stets was er tut. Ich persönlich sehe in der Sinflut nicht nur eine seiner Geisseln. Er verfolgt noch andere Ziele mit dieser Flut, auch wenn das sehr schwer zu begreifen ist. Ich verlohr selbst schon viele meiner Brüder und Schwestern, die ich sehr liebte. Es wäre aber falsch die Hoffnung zu verlieren. Wir müssen etwas tun und darum bin ich auch dafür Boote zu bauen. Doch ist es vor allem wichtig, dass wir im Geiste stark bleiben und uns auf eine neue Zukunft freuen, denn ich weiss dass die Sinflut nicht das Ende ist. Es wird danach erst richtig beginnen und dann wird sich erweisen ob Tiere und Menschen weiterhin am selben Strick ziehen werden. Jedenfalls ist dazu, wie Schwester Zuze'ca bereits sagte gegeseitiger Respekt und Liebe unverzichtbar...“

Nathalie schlenderte zufrieden durch den Tierpark, den man einst über den Dächern der Stadt St.Gallen auf einem Hügel angelegt hatte. Sie kannte diesen Park seit ihrer frühesten Kindheit. Schon mit ihren Grosseltern war sie manches Mal hier gewesen. Damals hatte sie den Tieren oft Kastanien verfüttert, weil ihre Grosselteltern einen grossen Kastanien- Baum besassen.

Heute hatte sich vieles verändert. Füttern war nun nicht mehr erwünscht und wenn man doch Brot oder irgendetwas spenden wollte, musste man dies in hölzerne, eigens dafür vorgesehene Behälter werfen. Eigentlich schade, fand das Mädchen wenn auch sicher verständlich. Immerhin gab es immer noch Leute die verschimmeltes Brot oder sonst etwas Schädlichen an die Wildtiere verfütterten.

Die Gehege des Rotmonter- Tierparkes waren sehr schön und gross. Es gab Hirsche, Gemsen, Steinböcke, Wildschweine, Luchse (meist nicht zu entdecken) und sogar Murmeltiere (die mal allerdings nur in den wärmeren Jahreszeiten zu Gesicht bekam).

Nathalie konnte hier besonders gut abschalten und genoss es, den Tieren zuzuschauen. Sie liebte Tiere über alles. Ihre Familie hatte immer Tiere gehalten. Sie vermisste das etwas, seit sie alleine lebte. Doch sie wollte bei ihrem 100% Job kein Tier haben, sie hatte einfach zu wenig Zeit.

Heute war ein besonders schöner Montag Nachmittag.Vor zwei Tagen war herrlicher Neuschnee gefallen und seit gestern schien nun auch die Sonne. Ihr strahlendes Licht fiel auf die verschneiten Bäume und Wiesen und brachte die Schneekristalle wie tausend Diamanten zum Glitzern. Gleich neben dem Park, befand sich ein Schlittelhügel, der bei diesem Wetter, besonders am Wochenende, stark bevölkert war. Der Vorteil am Montag war die Stille. Es hatte dann viel weniger Leute überall. Nathalie genoss das sehr, denn die Ruhe dieses Parkes stand ihrem Herzen näher als die Geschäftigkeit der Stadt.

Vor dem Rothirsch- Gehege blieb sie stehen und beobachtete einen eindrücklichen Acht- ender, welcher vermutlich der Leithirsch der Herde war. Unbewusst rief sie ihm im Geiste zu: „Hallo du Schöner, wie geht's denn so?“ Sie tat solche Dinge öfter, aber ohne sich viel dabei zu denken. Sie besass einen guten Zugang zu den Vierbeinern und sie glaubte, dass die meisten Tiere es spürten, wenn man ihnen gut gesinnt war. Dennoch war sie sehr erstaunt, als der Hirsch den sie gerade in Gedanken begrüsst hatte, sogleich die Ohren spitzte und ihr seinen edlen, kastanienbraunen Kopf zudrehte.

Langsam und bedächtig trottete er auf das Gehege zu und blickte sie mit seinen grossen, wie brauner Samt schimmernden Augen an. Eine seltsame Tiefgründigkeit lag in diesen Augen, als befände sich hinter ihnen das Wissen einer vergangenen Zeit. „Danke es geht mir soweit gut,“ hörte Nathalie auf einmal eine Stimme in ihrem Kopf. Sie starrte das Tier fassungslos an. Hatte dieser Hirsch tatsächlich gerade zu ihr gesprochen? Aber das war doch… unmöglich! „Unmöglich ist ein unschönes Wort, weil es keinen Raum mehr für Hoffnung gibt,“ erklang erneut die Stimme in ihrem Innern. Der Acht- ender blickte sie immer noch unverwandt an. „Sprichst du tatsächlich zu mir?“ fragte Nathalie im Geiste. Es mochte absurd erscheinen, doch sie begriff irgendwie, dass hier etwas Grosses im Gange war. „Ja und es erstaunt mich wie dich, dass wir uns verstehen.“ „Das ist so seltsam. Wie kann das sein?“ „Etwas liegt in der Luft, etwas das mich an alte Zeiten erinnert als meine Vorfahren noch frei durch die Wälder streiften. Du trägst ein Zeichen Menschenkind. Doch was für ein Zeichen... es entzieht sich meinem Wissen... Trotzdem spüre ich es und...darum spreche ich zu dir. Es ist... als wären wir Geschwister. Doch das ist eigenartig...“ „Bist du glücklich hier?“ „Es ist schwer zu sagen. Ich wurde in diesem Park geboren. Ich weiss schon, dass es ein anderes Leben da draussen gibt. Doch nicht mehr für mich. Ich habe hier alles, eine eigene Herde, täglich etwas zu fressen und ich muss mich nicht vor Feinden fürchten. Es ist ein gutes Leben, denke ich. Es ist immer wie es ist. Wir alle müssen uns immer wiede neuen Gegebenheiten anpassen... doch nun muss ich wieder gehen.“ Der Hirsch blickt zu seiner Herde herüber und fügte dann noch hinzu: „Jener junge Hirsch dort, könnte sich einfallen lassen, meine Kühe durcheinander zu bringen. So leb denn wohl. Vielleicht besuchtst du mich mal wieder!“ Dann galoppierte der Leithirsch mit hocherhobenem Geweih davon.

Nathalie blieb einen Augenblick lang wie hypnotisiert stehen und blickte dem Hirsch hinterher, der nun alle Hände(Hufe) damit zu tun hatte seinen jungen Rivalen in die Schranken zu weisen. Der Ruf einer Krähe, die bisher über ihr auf dem Wipfel eines Baumes gesessen hatte und sich nun in die Lüfte erhob, riss das Mädchen aus ihrer Erstarrung. Traumbefangen blickte sie ihr nach, dann ging sie langsam weiter.

Vater Krähe, der die Leere kennt, ergriff als Nächster das Wort. Er sprach: „Wie Bruder Tahca (Hirsch) bereits bemerkte, werden wir uns ganz neuen Begebenheiten anpassen müssen, jetzt da die Flut unsere Welt bedroht. Es ist von grosser Wichtigkeit dass jemand  der unseren alles aufschreibt, von der Vergangenheit und der Gegenwart. Damit unseren Nachkommen und jenen der Sternenkinder wertvolles Wissen erhalten bleibt. Mein Auge blickte ebenfalls in die Zukunft und ich sah, dass vor allem die „Allessehenden“ irgendwann wieder eine wichtige Rolle einnehmen werden. Dann... wenn all unsere Taten nur noch Mythen sein werden und viele nachfolgenden Kulturen zerstört sind. Darauf wird wieder eine Zeit der Erleuchtung folgen und man wird unserer gedenken. Deshalb muss unser Wissen bewahrt bleiben. Ich werde darum besorgt sein, dass es nur jenen zuteil wird, die es auch wertschätzen und verstehen. Wir sollten heute den bestimmen, der diese Aufgabe übenimmt. Und denkt immer daran Brüder und Schwestern: Der leibliche Tod ist noch lange nicht das Ende, es ist ein Neubeginn. Denn aus der Leere erschafft der Grosse Geist immer wieder neues Leben. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe...“

Das Erlebnis mit dem Hirsch ging Nathalie noch lange nach. Sie versuchte an jenem Tag noch mit andern Tieren auf dieselbe Weise zu kommunizieren, doch irgendwie wollte es gar nicht mehr klappen. Schliesslich griff sie wieder zu der Taktik, die ihr am einfachsten erschien: Sie tat das Erlebnis als Produkt ihrer Phantasie ab, die äusserst seltsame Blüten trieb…

Wie immer, nach einem mehr oder weniger arbeitsreichen Tag im Museum, kehrte sie nach Hause zurück. Es war jetzt wieder Samstag.

Sie streifte ihre warmen Winterstiefel aus braunem Leder ab und ging zuerst in die Küche um sich etwas Zwischenverpflegung aus dem Kühlschrank zu holen.

Ihre Wohnung lag im 3.Stock. Sie besass grosse schöne Räume, allerdings war ihre gesamte Ausstattung ziemlich alt. Die Böden waren aus groben Holzdielen, die nicht selten unter den Füssen knarrten, die Wände bestanden aus weissem Putz und die Fenster waren nur mässig isoliert.

Nathalie hatte alles im Ethno Stil eingerichtet. Da gab es eine Sitzgruppe aus ellastischem Korbgeflecht, Tische und Stühle aus dunklem Holz, teilweise verziert mit Schnitzereien. Verschiedene luftige Tücher als Raumabtrenner und Vorhänge aus verschiedenfarbigem Kunstseidenstoff, hingen von der Decke herab. Überalls standen Figuren und andere Gegenstände der verschiedensten Kulturen. Ein grosser Traumfänger, hing über dem dunkelrot bezogenen Futon, auf dem Nathalie jeweils schlief und überall hingen Bilder von Amerika, Australien und Afrika.

Nathalie war, wohl auch durch ihre Arbeit im Völkerkundemuseum, sehr interessiert an allen Völkern der Erde. Am liebsten hätte sie auch noch indische und asiatische Utensilien in ihrer Wohnung untergebracht, doch das Ganze war so schon zusammengewürfelt genug. Darum hatte sie sich für ihre drei Lieblingskulturen entschieden.

Ihr Bücherregal war der beste Beweis für ihre vielseitigen Interessen. Sie besass bereits soviel Bücher, dass wohl bald ein neues Gestell her musste.

Nachdem sie sich ein Brot mit Käse gemacht und eine Flasche mit Eis- Tee aus dem Kühlschrank genommen hatte, warf sie sich auf das Sofa, schaute die Post durch und stillte dabei ihren Hunger und ihren Durst. Dann begab sie sich ins Badezimmer um sich frisch zu machen.

Sie blickte in den Spiegel und fand, dass sie sehr bleich wirkte. Ihre braunen, glatten Haare, die sie meist zu einem Pferdeschwanz zusammenband, hingen ihr etwas wirr ins Gesicht. Sie besass eine schmale, spitze Nase, einen vollen Mund und erstaunlich dunkle Augen, welche von langen, ebensolchen Wimpern überschattet wurden. Die Brauen waren ebenso markant. Nathalies Teint war schon immer ziemlich hell gewesen, doch sie wurde im Sommer wenigstens schnell braun. Das war ein Vorteil. Der Körperbau des Mädchens war schlank, allerdings entsprach er nicht dem Magerlook, der heute überall so verbreitet war. Sie hatte wohlgeformte Brüste und auch ihre Hüften besassen gesunde Rundungen. Die andern Leute bezeichneten sie als hübsch, nicht zuletzt wegen ihrer  Augenpartie, die sich auf angenehme Weise von ihrem Gesicht abhob. Viele fanden, sie hätte etwas Exotisches an sich.

Wie üblich schätzte Nathalie sich selbst etwas kritischer ein. Sie fand sich nicht so besonders, vor allem jetzt im Winter nicht, wenn sie so bleich war.

Während sie noch über ihren viel zu hellen Teint nachgrübelte, entledigte sie sich ihrer Kleider. Meist trug sie irgendwelche Jeans, einen bequemen Pulli oder pflegeleichte Blusen.

Das Mädchen stieg nun in die Dusche. Das warme Wasser floss über ihren Körper und ein wohliger Schauer durchlief sie dabei. Ahh tat das gut! Das Wasser schien alles Unreine abzuwaschen, das den Tag hindurch auf sie eingewirkt hatte. Es war eine Reinigung nicht nur von Körper, sondern auch von Geist. Während sie die Augen schloss und den warmen Strahl auch über ihren Kopf fliessen liess, sah sie vor sich ein wunderschönes weites Land mit sanften Hügeln, Tälern, Steppen und Wäldern. Ein einsamer Adler kreiste am tiefblauen Himmel... und wieder flog ihr Geist davon... in eine unbekannte Zeit, nach der sie sich so sehnte und die doch so unerreichbar schien...

Weiser Adler der bisher alle Reden der verschiedenen Ratsmitglieder mit seinen scharfen, hellblauen Augen verfolgt hatte gab nun zu verstehen, dass er auch noch zu sprechen wünsche. Sein schneeweisses Gefider raschelte wie die Blätter von Canyah'u dem „Baum des Lebens“(Pappel).Das was Vater Krähe sagt ist von grosser Wichtigkeit und ich will mich diesen Worten anschliessen. Tatsächlich werden die „Allessehenden“ einst wieder aufsteigen, doch vorher wartet eine grosser Leidensweg auf sie. Der Grosse Geist der in den Träumen zu mir spricht, liess mich Schreckliches erblicken. Ein neuer Feind wird einst diese Welt heimsuchen. So wie die Flut uns heimsucht und unsere Herrschaft beenden wird, so wird eine Flut von fremden Zweibeinern einst die Sternkinder heimsuchen. Doch wird deren Geist nie ganz gebrochen werden. Ihr Andenken und damit auch unser Andenken wird bewahrt bleiben und eines Tages wird die Welt ihnen die nötige Ehre zukommen lassen.

Die Zweibeiner die nach euch kommen werden, sprach Manitu zu mir werden verstockt sein und sie werden das Grosse Geheimnis nich mehr verstehen. Sie werden den Nachkommen der Sternkinder grosses Leid zufügen, ihnen ihr Land nehmen und sie versuchen von ihrem Glauben abzubringen. Obwohl ich ihnen eigentlich dieselben Lehren gegeben habe wie Euch. Die Fremden werden eine Haut haben wie Elfenbein und Rüstungen tragen, die an silberne Schildkrötenpanzer erinnern. Andere kleiden sich in verschiedenfarbige Röcke und Uniformen. Sie werden neue Waffen haben und viele von euch töten.“

Als Weiser Adler diese Worte aussprach stockte seine Stimme und ein Zittern durchlief die Mitglieder des Rates. Die Augen von Suna und den andern „Allessehenden“ waren ganz besonders vom Schreck geweitet. Ohne zu berücksichtigen das eigentlich Vater Adler noch immer das Wort hatte, rief Kai: „Aber das ist ja schrecklich! Müssen wir da nicht etwas unternehmen?“ Grosser Rabe, dessen Gefider ebenfalls wie frischer Bergschnee aussieht (die Legende spricht davon, dass die Raben einst weiss waren), wies ihn zurecht: „Wie kannst du den Rat auf diese Weise stören Cinksi(Sohn)? Du unterbrichs das Wort von „Grosser Adler“. Habe ich dich nicht gelehrt, dein jugendliches Ungestüm zu zügeln? In allem was geschieht liegt eine Weisheit. Der Grosse Geist tut nichts zufällig. Die Welt wandelt sich, wird sich immer wandeln. Tod und Leben gehören untrennbar zusammen. Wir Tiere wissen auch, dass uns kein glückliches Schicksal erwartet, doch wir nehmen es an.“ „Aber Ate(Vater)!“ widersprach Kai, was ihm einige tadelnde Blicke des Rates einbrachten,(was er allerdings wenig beachtete) „Das ist etwas anderes! Die Sinflut hat einen natürlichen Ursprung, aber diese Fremden, die uns einst alles nehmen werden, nicht. Von wem werden sie geschickt, von den Dämonen, einem unbekannten Feind? Was können unsere Nachfahren ihnen entgegensetzen? Können sie  zulassen, dass sie unsere Kultur einfach vernichten? Wie sollen sie sich vehalten? Und wir? Was können wir tun?“ seine Stimme klang nun verzweifelt und ich hatte grosses Mitleid mit ihm. Darum sprach ich: „Wir müssen Kai und auch die andern „Allessehenden“ verstehen! Deine Nachricht Vater Adler ist schrecklich und es betrifft vor allem sie.“

„Ich kann das gut nachempfinden,“ sprach Weiser Adler verständnisvoll und blickte Kai mitfühlend an. „Doch es wird geschehen und wir müssen es annehmen lernen. Wir müssen von Tag zu Tag leben. Das Nichtstun in diesen Belangen mag schwer erscheinen, aber zuerst gilt es diese Sinflut zu überstehn. Das wird unser ganzes Denken und Handeln in Anspruch nehmen.“ Er wandte sich an Kai: „Du solltest bei allem was geschieht daran denken, dass auch das Leid ein Teil des Lebens ist. Diese Fremden die kommen werden, werden ihre Orientierung verohren haben. Sie können Recht und Unrecht nicht mehr unterscheiden. Doch wenn die Sternkinder Gleiches mit Gleichem vergelten, wird auch deren Seele von Hass und Zorn zerfressen werden. Es ist unendlich wichtig, dass die Sternkinder sich ihre innere Reinheit bewahren und ihr Erbe nicht vergessen. Dann wird  nach der Zeit des Leidens wieder eine Zeit des Glücks folgen, denn nichts...währt ewig ausser das „Grosse Geheimnis“...“

„Idiot!“ fluchte Marc Keller, als ein anderer Autofahrer ihn auf der Autobahn Richtung  St. Gallen übeholte, viel zu schnell wieder einfädelte und ihm so den Weg auf gefährliche Weise abschnitt. „Na dem werd ich‘s zeigen!“ Angestachelt von seinem Ärger, drückte Marc das Gaspedal seines roten Opels durch, zog an dem rücksichtslosen Fahrer vorbei und schnitt diesen ebenfalls. Der andere hupte und schien sich auf einen Machtkampf einlassen zu wollen, doch diesmal siegte bei Marc die Vernunft und er wechselte auf die rechte Spur. „Mercedes- Fahrer!“ murmelte er noch etwas verächtlich vor sich hin, dann konzentrierte es sich wieder auf die Fahrbahn.

Marc war ein schlanker, hochgewachsener junger Mann, mit dunkelbraunem, ziemlich langem Haar. Dieses band er meist zusammen, zumindest im Alltag. Seine Augen glänzten in einem tiefen Braun, seine Nase war markant wie die eines Römers und sein voller Mund ziemlich breit. Das störte aber nicht weiter. Er sah gut aus, hatte auch ein ganz besonderes Charisma. Eigentlich war er friedliebend, ausser es gingen ihm wie eben, die emotionalen Pferde durch. Beim Autofahren passierte das noch öfters. Wenn er wütend war konnte Marc ziemlich unerbittlich sein und wenn man ihn angriff, blieb er selten etwas schuldig. Eigentlich war es eher seine Art verbale Schlachten zu führen, doch das brachte ihm öfters als gewollt, ziemlichen Ärger ein. So kam es schon mal vor, dass er ein blaues Auge kassierte, oder dann gar selbst eins hinterliess. Danach schämte er sich aber meistens und fragte sich, wie er es nur so weit hatte kommen lassen können. Er verfiel dann meist in eine melancholische Stimmung und zerfleischte sich selbst, weil er wiedermal nicht den Mund hatte halten können. Sein Gerechtigkeitssinn war aber nun mal stark ausgeprägt.

Ruhe fand er wieder, wenn er sich seiner grossen Leidenschaft den Indianern widmen konnte. Er hatte das ganze Bücherregal voll mit Werken über dieses Volk und bewunderte vor allem deren Handfertigkeit im Herstellen von Waffen und Instrumenten. Er fertigte sogar selbst verschiedenste Gegenstände an, natürlich genau nach indianischem Vorbild. Daneben joggte er auch noch etwas und machte leichtes Krafttraining. So besass er auch einen ansehnlichen Körperbau.Gerade richtig, fand wohl das weibliche Geschlecht, denn die meisten Frauen, bekundeten grosses Interesse an dem 26-jährigen, den stets ein Hauch von Abenteuer und Magie zu umgeben schien.

Allerdings hatte er es bisher nie lange bei jemandem ausgehalten. Oder die Frauen hielten es nur kurz bei ihm aus, denn er war trotz seines guten Herzens eine zwiespältige Persönlichkeit, welche viele Gegensätz in sich trug. Marc war auf der einen Seite ein Mann, der sich viele Gedanken machte und sich sehr gut in das einfühlen konnte, was andere empfanden. Andererseits brachten ihn sein Freiheitsdrang und seine oftmalige Taktlosigkeit nicht selten in Teufels Küche. Wie bereits erwähnt, war er auch oft melancholisch und dann konnte er sich in Abgründe begeben, die den meisten unheimlich vorkamen. Marc wollte alles am eigenen Leibe erfahren. So hatte er sich in jüngeren Jahren schon zu einigen Dummheiten hinreissen lassen. Doch so langsam wurde er etwas abgeklärter.

Seine Stärke war es, aus allem was ihm begegnete eine Lehre zu ziehen, was ihm schon zu erstaunlichen Entwicklungschritten bewegt hatte.

 Er wohnte eigentlich im Züricher Oberland in einem kleinen Städchen namens Rüthi, doch diesmal wollte er nach St.Gallen zu einem alten Freund. Dieser hatte ihm erzählt dass gerade eine sehr schöne Indianerausstellung im Völkerkundemuseum St. Gallen stattfand. Das wollte sich der indianerbegeisterte Marc natürlich nicht entgehen lassen und da er gerade etwas Urlaub hatte, nutzte er die Gelegenheit.

2.Kapitel

Nathalie würde auch bald Urlaub haben. Nur noch die kommende Woche und dann konnte sie dem Museum eine Weile den Rücken kehren. Auch wenn sie gerne hier arbeitete, gab es doch Tage, da fühlte sie sich etwas unterfordert, besonders wenn es kaum Leute hatte. Das war am Sonntag aber nicht der Fall. Es fanden dann auch Führungen statt, die sie sogar leiten durfte. Das gefiel ihr besonders.

Heute waren viele Familien gekommen, um an der ersten Führung teilzunehmen. Einige Einzelpersonen waren darunter. Wie üblich liess Nathalie ihren Blick über die Anwesenden schweifen, um in etwa ihre Anzahl abzuschätzen.

 

Auf einmal blieben ihre Augen an einer Person hängen. Es war ein junger Mann, etwa in ihrem Alter. Als sie ihn ansah und er ihren Blick erwiderte, durchzuckte es sie wie ein Blitz. So einen besonderen Mann war ihr noch nie begegnet! Jedenfalls erschien es ihr so, weil sie sich sofort tief mit ihm verbunden fühlte und er in ihr Gefühle zum Klingen brachte, die sie bisher noch nicht kannte.

Ihre Erfahrungen mit Männern waren eher dürftig. Sie hatte bisher erst zwei Freunde gehabt. Den ersten als sie 16 war und den zweiten mit 22 Jahren. Beides waren keine schlechten aber auch keine besonders guten Partnerschaften gewesen. Nathalie's Ansprüche waren mit den Jahren auch gestiegen.

Darum ärgerte sie sich fast darüber, dass dieser Mann sie so aus der Fassung brachte. Doch da war etwas, etwas Unerklärliches zwischen ihnen, eine tiefe Vertrautheit, fast als würden sie sich schon lange kennen. Ihn schienen ähnliche Gefühle zu bewegen, was sie aus seinem Blick lesen konnte. Gewaltsam riss sie sich von seinem Gesicht los und sprach an alle Museumsgäste gewandt: „Ich heisse sie herzlich willkommen zu unserer Indianderaussellung, mein Name ist Nathalie Egghalder...“  

Souverän führte die junge Frau die Gäste durch die Ausstellung. Marc musste zugeben dass er beeindruckt war, obwohl er schon sehr viel wusste.

Dieses Mädchen gefiel ihm sowieso. Es hatte eine ganz besondere Wirkung auf ihn. Sie strahlte so etwas aus... er konnte es nicht richtig beschreiben. Als ob sie ihm schon lange vertraut wäre. Irgendwie glaubte er eine verwandte Seele in ihr gefunden zu haben.

Er wollte sie unbedingt näher kennenlernen. Darum sprach er sie am Ende des Rundganges an: „Eine sehr interessante Führung, vielen Dank. Ich bin ein grosser Indianerfan. Ich fertige selbst Indianerbogen und Tomahawks. Auch Trommeln habe ich schon gemacht.“ Nathalie blickte den gutaussehenden Mann etwas misstrauisch an. War das nun eine geschickte Anmache? Sie kam aber schnell zum Schluss, dass sie ihm das was er sagte, abnehmen konnte. Er sah ja selbst fast wie ein Indianer aus und seine Augen blickte absolut aufrichtig. So liess sie sich von seiner offensichtlichen Begeisterung anstecken und erwiderte: „Wirklich? Das finde ich toll. Leider fehlt mir jegliches handwerliche Geschick. Mich fasziniert einfach die Kultur. Bedauerlicherweise wurde sehr Vieles von den weissen Einwanderern zerstört. Es ist schrecklich was da alles passierte. Manchmal glaube ich tief im Herzen mitzuempfinden was die Indianer durchmachten. Es ist oft...als würde ich in der  Zeit zurückversetzt, besonders jetzt, da diese Ausstellung hier ist...“ Marc hing gebannt an ihren Lippen. Was sie sagte berührte ihn tief. Dass sie gerade ihm das anvertraute...Nathalie trat nun an die Vitrine mit dem Kalumet. „Vor einiger Zeit,“ flüsterte sie „passierte mir hier etwas Eigenartiges. Ich sah auf einmal einen weissen Büffel vor mir. Es war... so real, eben als würde ich in die Vergangenheit zurückreisen...“ „Die weisse Büffelkalbfrau!“ rief Marc erstaunt aus. „Was meinst du?“ „Die weisse Büffelkalbfrau brachte den Indianern, laut der Legende das Kalumet. Es ist eigentlich Symbol für das Vereinen der männlichen und weiblichen Kräfte und des Friedens. Die weisse Büffelkalbfrau soll einst zwei Männern auf einem Hügel erschienen sein. Der eine Mann war böse, der andere gutherzig. Der Böse wurde von seinen Gelüsten überwältigt und lief auf das schöne Mädchen zu. Sie warnte ihn, aber er hörte nicht. So senkten sich Wolken auf ihn hernieder und als diese wieder verschwanden, war nur noch das Skelett des Mannes zu sehen. Die heilige Frau gebot dem Gutherzigen, seinen Stamm zusammen zu rufen und dann lehrte sie die Menschen die verschiedensten Zeremonien. Schliessliche enthüllte sie die heilige Pfeife und sprach: Wenn ihr als Stamm aufhört diese Pfeife zu verehren, werdet ihr aufhören eine Nation zu sein. Mit diesen Worten verschwand sie und die Menschen sahen nur noch eine weisse Büffelkuh über die Prärie laufen...“

Marc endete nun mit seiner Erzählung und einen Augenblick lang wurde es totenstill um die beiden. Nun war Nathalie zutiefst berührt. „Aber...warum sah ich diesen Büffel? Ich kannte diese Geschichte gar nicht und doch war es so real.“ „Das ist wirklich erstaunlich,“ bestätigte Marc. „Ich hätte da noch einige Geschichten zu erzählen,“ sprach das Mädchen „aber ich muss wieder arbeiten. „Wollen wir nicht mal zusammen einen Kaffe trinken gehen?“ fragte Marc schnell. „Ich glaube wir haben da sehr viel gemeinsam.“ Nathalie überlegte einen Moment, dann meinte sie: „Vielleicht heute Abend.“ Kennst du denn ein gutes Lokal? Ich bin eben nicht von hier. Eigentlich kam ich nur wegen der Ausstellung. Ich wohne eigentlich im Züricher Oberland, in Rüthi.“ „Ich wüsste da schon ein interessantes Lokal,“ sprach Nathalie. „Dort hat es auch gute Musik. Es ist hinter dem Kloster St. Gallen. Wir könnten uns ja dort treffen, sagen wir um halb sieben? Das Kloster kennt jeder.“ „Es würde mich sehr freuen. Ich habe ja sowieso Urlaub.“ „Ich auch schon bald. Morgen hab ich ausserdem frei, wie immer am Montag. Übrigens, was machst eigentlich du beruflich so?“ „Ich bin Schreiner bei einer Firma in Jona. Das liegt nahe bei Rüthi.“ „Darum bist du also so geschickt beim Anfertigen von indianischen Gegenständen!“ „Es hilft sicher!“ Er lachte sein besonderes Lachen und Nathalie's Herz schlug auf einmal einige Takte schneller. Dieser Mann gefiel ihr wirklich ausserordentlich.

Auch Marc war irgendwie total aufgeregt, als er das Museum verliess und den Stadtparkt durchquerte. Er freute sich schon jetzt darauf dieses besondere Mädchen wiederzusehen. Noch nie zuvor war ihm jemand wie sie begegnet. Mit ihr war alles so natürlich.

Er fühlte sich auch körperlich sehr von ihr angezogen. Sie war bildhübsch und strahlte dabei wirklich etwas aus. Da hatte er schon andere schöne Mädchen gekannt, die ihn aber eher an hübsche Puppen ohne viel Inhalt erinnert hatten. Aus solchen Bekanntschaften wurde dann nie mehr als ein „One night stand“. Doch das konnte er sich mit Nathalie nun überhaupt nicht vorstellen. Er spürte dass sie eine sehr sensible, feinfühlige Seele war und auch wenn er sie zweifellos sehr begehrenswert fand, wollte er mit ihr eine tiefere Verbindung eingehen, als mit all den andern Mädchen die er bisher getroffen hatte.

Nathalie bewegten ganz ähnliche Gedanken. Sie war deshalb auch sehr aufgeregt und wollte sich für den Abend etwas herausputzen. So entschloss sie sich eine dunkelrote Bluse mit beigem Floral Muster (was zur Zeit gerade so in Mode war) und einem V- Ausschnitt anzuziehen. Dazu kombinierte sie eine passende, elegante Hose mit weiten Stössen.Sie schminkte sich in den selben Tönen und legte einen dezenten Schmuck an.Wohlgemut ging sie dann zum Kloster, wo Marc bereits auf sie wartete.

Erst jetzt fiel ihr auf wie gross er eigentlich war. Er überragte sie um Haupteslänge und sie war ja schon 1,75 gross. Sein Haar war offen und glänzte in den abendlichen Lichtern seidig. Er lächelte sie charmant an und wieder begann ihr Herz heftiger zu schlagen. „Es ist kalt heute, was?“ sprach sie deshalb, um ihre Verlegenheit zu überspielen. „Ja allerdings. Ohne Zweifel bin ich in einem kalten, ungemütlichen Monat geboren.“ „Du hast im November Geburtstag?“ „Ja, am 12. November. „Ich am 12. März!“ „Also ein Frühlingskind. Das passt zu dir.“ Nathalie lächelte und meinte schlagfertig: „Frühlingskinder brauchen Wärme, deshalb sollten wir so schnell wie möglich ins Restaurant. Es ist gleich da hinten!“ Sie hakte Marc spontan unter und die beiden machten sich auf den Weg.

Dabei sahen sie nicht, wie unsichtbare Augen sie beobachteten...

Während der Rat über das weitere Vorgehen beriet, galt meine Sorge vor allem Kai. Seit dem was der Adler prophezeit hatte, wirkte er in sich gekehrt. Ein Schatten hatte sich über sein Gesicht gebreitet. Auch die andern „Allessehenden“ wirkten niedergeschlagen.

Ich wusste nicht wie ich ihnen Mut machen sollte. Was Weiser Adler und der Rabe gesagt hatten stimmte natürlich. Doch solche Dinge sind nicht so einfach. Auch mir zerreisst es oft beinahe das Herz, wenn ich all das Leid sehe, dass mein Volk heimsucht. Ich weiss nicht ob ich nicht auch Krieg führen würde, wenn andere mir alles zerstören und wegnehmen wollten. Wir Tiere hatten auch schon unsere Kriege. Doch die Zeit machte uns weiser. Ich bin alt und das Alter bringt innere Ruhe mit sich. Doch Kangi, Sunkmanitutanka und die andern Sternkinder sind noch jung. Sie wissen nichts von Krieg und Leid, weil wir schon sehr lange in Frieden leben. Doch auch das kann sich wandeln...eines Tages.

Wie die Schlange sagte: Es gibt schon Zwietracht zwischen unseren Brüdern und Schwestern. Was wird uns noch erwarten? Werden wir diese Konflikte einfach beilegen können? Ich weiss es nicht. Suna und Kai...sie sind so ein schönes Paar und meinem Herzen so nahe. Ich möchte sie am liebsten immer beschützen ihnen immer beistehen. Das Schlimmste wäre für mich, wenn sie vom guten Wege abkämen, weil das Leid, die Anfechtungen zu gross werden. Möge Wakan Tanka(Der Grosse Geist) das vehindern...

 Der Abend den Nathalie und Marc verbrachten war sehr schön und erst spätabends trennten sie sich wieder. Sie hatten über sehr Vieles gesprochen und fühlten sich einander nun noch verbunden. Sie beschlossen deshalb ihren Kontakt aufrecht zu erhalten. Allerdings erstmal als gute Freunde, denn beide wollten sich nicht zu schnell in eine neue Beziehung stürzen. Die Gründe dafür waren aber bei den beiden etwas anders. Nathalie wollte Marc noch näher kennenlernen. Sie wusste dass er noch andere Seiten, neben seinem Charme und seiner Tiefgründigkeit hatte. Irgendwie waren ihr diese Seiten etwas unheimlich. Sie merkte, dass er einen grossen Freiheitsdrang und ein Faible für Konfrontationen besass. Sie wusste nicht ob sie das wollte, denn sie mochte es eher ruhig und beständig. Für sie bedeutete Liebe sich ganz und gar hinzugeben. Ohne sich aber ganz aufzugeben. Wenn sie sich mit einem Partner zusammentat, wollte sie sich geborgen und ganz und gar angenommen fühlen. Die Hingabe die sie bereit war zu investieren, verlangte sie auch vom andern. Sie war sich noch nicht ganz im Klaren ob Marc ihr das auf Dauer geben konnte.

Marc hatte durch sein Einfühlungsvermögen schnell erkannt, dass man mit Nathalie nicht leichtfertig umgehen konnte. Sie forderte viel von einem Partner und stand auch dafür ein. Er wusste nicht ob er dem gerecht werden konnte, oder es überhaupt wollte, denn seine eigene Freiheit lag ihm schon sehr am Herzen und er war noch nicht bereit diese aufzugeben. Denn, so wusste er, sobald er sich tiefer mit diesem besonderen Mädchen einliess, war es für immer. Das fürchtete er ein wenig.

Als Nathalie nach Hause ging war sie tief in sich gekehrt. Sie dachte über all das nach was sie heute mit Marc erlebt, was sie ihm alles anvertraut hatte. Er wusste beinahe alles von ihr. Er selbst war etwas zurückhaltender mit der Selbsoffenbarung, was sie zeitweise etwas geärgert hatte. So sehr sie sich auch zu diesem Mann hingezogen fühlte, er war ihr doch sehr verschlossen vorgekommen.

Etwa um 23Uhr traf sie zu Hause ein. Sie ging sofort zu ihrem Bücherregal, wo ein Werk über die Mythen der Indianer stand. Sie blätterte darin, um die Geschichte von der „Weissen Büffelkalbfrau“ zu suchen. Ziemlich bald fand sie sie, setzte sich aufs Sofa und begann zu lesen…

„Der Büffel nahm bei den Indianern immer eine wichtige Stellung ein,“ vernahm sie plötzlich eine unbekannte Stimme hinter sich. Sie fuhr entsetzt herum. Neben dem halboffenen Fenster stand ein fremder Mann. Er war einfach aus dem Nichts aufgetaucht! Er musste ziemlich alt sein, seine rötlichbraune Haut wirkte wie gegerbtes Leder. Er besass schneeweisses Haar und tiefgründigen schwarzen Augen, die wie Sterne leuchteten. Seine gewaltige Präsenz erfüllte den ganzen Raum. Er trug ein Wildlederhemd, verziert mit indianischen Perlenstickereien und dazu normale Blue Jeans.

„Wer… um alles in der Welt sind sie?“ fragte Nathalie. „Wie kommen sie hier rein?“

Der Fremde lächelte gütig und meinte in gebrochenem Deutsch: „Zum ersten Punkt, man nennt mich bei meinem Volke Wandernder Bär, die Weissen nennen mich William Greatbear. „Zum zweiten Punkt: das wirst du noch früh genug erfahren.“ „Aber was wollen sie hier?“

Der Fremde trat näher und Nathalie wich etwas zurück, auch wenn sie nicht wirklich glaubte, dass von diesem Mann eine Gefahr ausging. Er fragte: „Darf ich mich setzen?“ „Äh, von mir aus. Wollen sie...etwas zu trinken?“ fragte sie, selbst überrascht von ihrer Spontanität. „Oh, das ist nett! Aber nein danke. Ich habe dir viel zu sagen.“ Nathalie nickte und gab so zu verstehen, dass es an der Zeit war damit rauszurücken. „Du bist sehr freundlich mein Kind. Es beruhigend für mich das zu sehen. Du hast den guten Weg nicht verlassen.“ „Was meinen sie damit und woher wollen sie das wissen?“ „Ich beobachte dich schon eine ganz Weile und was ich sehe erfreut mich.“ „Sie beobachten mich!“ rief Nathalie aus „Was zum...“ „Ich weiss es klingt seltsam, aber ich erkläre es dir noch. Ist es nicht so, dass du dich oft nach etwas sehnst? Nach etwas, dass sich nicht so richtig in Worte fassen lässt?“ Nathalie übelegte einen Moment dann meinte sie: „Ja, da ist schon was.“ „Warum liest du z.B. diese Geschichte über die Büffelkalbfrau?“ „Nun ja...weil mich die indianische Kultur sehr fasziniert und ich mich den Indianern sehr verbunden fühle. Es ist oft ...als würde ich ihr Leid nachempfinden.“ „Es ist also nicht nur eine romantische, aber oberflächliche Begeisterung?“ „Nein, ganz und gar nicht, es ist...eine tiefe Bindung zu diesen Menschen, die soviel Kummer erfahren mussten und noch erfahren.“ Wandernder Bär senkte traurig den Blick und meinte leise: „Ja, da gibt es viel Kummer...“ „Sind sie ein Indianer?“ „Man könnte es so sagen, auch wenn der Ausdruck Indianer eigentlich nicht stimmt. Er wurde uns von den Weissen einst gegeben.“ Nathalies Herz klopfte aufgeregt. Noch nie hatte sie sich persönlich mit einem der amerikanischen Ureinwohner unterhalten. Wandernder Bär schien sehr weise zu sein, vielleicht war er sogar ein Medizinmann oder Schamane.

Als ob Wandernder Bär ihre Gedanken gehört hätte meinte er: „Ja, ich bin ein Schamane bei meinem Volk.“ „Wirklich? Aber was könnte ein Schamane von mir wollen?“

Wandernder Bär erwiderte: „Es mag jetzt sehr fremd in deinen Ohren klingen, aber wir beide... kennen uns schon sehr lange.“ „Wie genau meinen sie das?“ „Glaubst du an mehrere Leben mein Kind?“ „Nun ja... ich habe mich noch nicht so intensiv damit befasst, kann es mir aber gut vorstellen. Es gibt viele Kulturen die dieses Gedankengut vertreten. Für mich kling es plausibel, dass es mehrere Leben gibt. „Wenn du nun also meinen Worten Glauben schenken willst, so sind du und ich schon durch mehrere gemeinsame Leben gegangen. Ich bekam von Wakan Tanka dem Grossen Geist die Gabe  Einblicke in diese Leben zu erhalten. Deshalb weiss ich, dass du schon vor endlos langen  Zeiten meine Schülerin warst. Man nannte dich Sunkmanitutanka- die Wölfin oder kurz Suna.“ „Vor endlosen Zeiten soll das gewesen sein? Wie meinen sie das?“ „Das ist schwer zu verstehen. Du stammst jedenfalls von einem sehr wichtigen Geschlecht ab, dass es einstmals auf Erden gab. Man nannte dieses Geschlecht die „Allessehenden“. Sie bewegten sich zwischen der Welt der Tiere und der Menschen mit der grössten Selbstverständlichkeit, waren Teil beider Familien. Damals...waren die Tiere noch anders. Sie waren eigentlich wie Menschen, redeten und schrieben sogar. Nur ihre Körper unterschieden sich von denen Menschen. Diese „ersten“ Menschen nannte man Sternkinder, denn sie fielen einst vom Himmel herunter auf die Erde. Das kannst du in den indianischen Legenden nachlesen. Du bist eine der „Allessehenden“ Nathalie. Es ist deine Berufung das alte Erbe in dir wieder neu zu erwecken und so zur „Animal Rider- in“ zu werden. Animal Rider ist der heutige Ausdruck für die „Allessehenden“. Ich bin gekommen um dich in diese wichtige Aufgabe einzuführen.“ Nathalie war erst sprachlos, dann konnt sie sich ein Lachen nicht verkneifen. „Du weisst das diese Geschichte für mich sehr absurd klingt „Wandernder Bär“. (sie duzte den Indianer plötzlich, ohne sich dessen richtig bewusst zu sein) Es ist ein Märchen, ein wunderschönes Märchen aber nicht mehr. Wie kannst du von mir erwarten das zu glauben?“ „Ich habe gedacht, dass du das sagen wirst, aber dennoch bitte ich dich darüber nachzudenken. Was war da noch mit dem Hirsch im Wildpark?“ „Das mit dem Hirsch, aber woher...“ „Ich sagte bereits, ich beobachtete dich schon länger. Erinnerst du dich an die Krähe, die über dir im Baum sass, als du mit dem Hirsch gesprochen hast? Oder an das Wiesel, dass deinen Weg vor einigen Tagen kreuzte? Das war ich.“ „Du? Willst du mir jetzt etwa weismachen, dass du dich in Tiere verwandeln kannst?“ „Wie glaubst du, bin ich wohl so plötzlich in deiner Wohnung erschienen? Fledermäuse kommen durch jedes halboffene Fenster.“ „Du bist als Fledermaus reingekommen. Das ist ja richtig unheimlich. Es gibt da so Geschichten über Vampire.“ „Ich kenne diese Geschichten wohl,“ meinte der Indianer etwas verärgert. „Es ist eine schlimme Degradierung von Schwester Fledermaus. Doch darüber will ich nicht mit dir disskutieren. Es geht darum, dass du es schon mal geschafft hast mit einem Tier zu kommunizieren. Diese Gabe liegt in deinem Geist begründet. Du hattest einst als Animal Rider gar die Möglichkeit dich so wie ich, in verschiedene Tiere zu verwandeln. Doch diese Gabe gilt es erst wieder in mühsamen Schritten zu erlernen.“ Nathalie sah den alten Mann ungläubig an. „Du glaubst das tatsächlich, nicht?“ „Ich weiss es. Denn ich weiss dass du einst meine Schülerin warst. Einst als die Tiere und Menschen noch Freunde, sich in allem noch gleich waren, ausser in ihrer körperlichen Gestalt.“ „Aber das ist Unsinn!“ rief das Mädchen aus. „Das gibt es nicht!“ „Nur weil du das als aufgeklärte Europäerin nicht mehr glauben kannst?“ Nathalie war sprachlos. Schliesslich aber rief sie: „Dann beweise es mir! Verwandle dich vor meinen Augen in ein Tier und ich will es glauben.“ Wandernder Bär lächelte etwas mitleidig, dann meinte er: „Nein mein Kind. Das wäre nicht der richtige Weg. Du musst den Glauben in deinem eigenen Herzen finden. Wenn es so weit ist, ruf mich einfach und ich komme wieder. Dann zeige ich dir Dinge die sich deiner Vorstellung entziehen. Es liegt bei dir. Willst du den Weg der Animal- Riderin erneut beschreiten, oder willst du weiter leben wie bisher? Solltest du dich für ersteres entscheiden, bedenke dass es ein anstrengender Weg sein wird. Doch wenn du am Ziele anlangst, wirst du Wunderbares erfahren und in der Welt Grosses  bewirken können. Denk also drüber nach.Wärst du nun so höflich mir die Tür zu öffnen....“

3.Kapitel

Die kommenden Tage wurden für Nathalie sehr intensiv. Sie konnte einfach nich recht glauben, dass dieser alte Indianer ihr die Wahrheit gesagt hatte. Doch wie kam er dazu gerade ihr so etwas zu erzählen? Er sah nicht so aus wie einer, der irgendwas erfand. Und wenn, wozu schon? Doch was sollte sie davon halten? Irgendein Gefühl tief in ihrem Innern wollte gerne glauben, dass sie zu einem so speziellen Geschlecht gehörte, aber war das nicht einfach ihre Eitelkeit. Die Menschen hatten es so an sich, sich gerne für etwas Besonderes zu halten. Doch Nathalie war da bescheiden und jemand, der mit sich selbst meist viel härter ins Gericht ging als andere es taten. „Ich bin keine dieser Animal Rider!“ sagte sie sich immer wieder. „So eine Fähigkeit besitze ich nicht. Das mit dem Hirsch war vermutlich nur Zufall. Vielleicht waren es meine eigenen Gedanken, die mir damals einen Streich spielten. Ich soll mit diesem Wandernden Bär schon mehrmals durch ein Leben gegangen sein? Eine Welt wo Tiere und Menschen noch gleich waren, abgesehen von ihrer Gestalt...? Wie konnte sie an solch mythische Geschichten glauben? Ausserdem was würde sie erwarten, wenn sie sich nun doch entschied den Weg der Animal Riderin zu gehen? Es konnte sehr viele Umtriebe bedeuten, wie Wandernder Bär sagte: ein entbehrungsreicher, anstrengender Weg. Vielleicht würde sie all ihre Sicherheiten aufgeben müssen, um am Ende merken zu müssen, dass sie einem raffinierten Betrug aufgesessen war. Nun gut, es war schon ein reizvoller Gedanke, dass sie mit den Tieren kommunizieren und sich gar selbst in eins verwandeln konnte. Doch gerade letzteres erschien ihr total verrückt. Mit Tieren einen Dialog führen war eine Sache, aber zu einem Tier zu werden... Was für ein Quatsch! Am liebsten hätte sie diesen Mann niemals getroffen. Sie konnte nicht mal mit jemandem darüber reden, es war einfach zu seltsam. Ob sie mit Marc darüber reden wollte, überlegte sie noch. Doch er würde sie dann womöglich für total verrückt halten und das konnte sie nicht ertragen. Wandernder Bär verlangte von ihr eine Entscheidung. Doch sie hatte noch soviel Fragen an ihn.

Tief in sich gekehrt ging Nathalie den Mühlenbach entlang. Dieser schlängelte sich in einem Art Zickzack einen Hügel hinab durch den Wald. Es war ganz still, denn zu dieser Jahreszeit zog es die Leute nicht so hinaus. Es war einer der wenigen schönen Novembertage. Schon seit einiger Zeit war es ziemlich kalt und wundervolle, blauweiss glitzernde Eisgebilde schmücktend den Bach. Die Bäume waren voll mit Reif, der aussah wie filigrame Spitzen an einem Gewand. Nathalie überquerte den Bach auf einer kleinen Brücke. Nachdenklich blieb sie in deren Mitte stehen, lehnte sich an das Geländer und beobachtete, wie das noch ungefrorene Wasser sich seinen Weg unter und zwischen der eisigen Pracht hindurch bahnte. Alles sah wunderbar verzaubert aus, wie aus einer andern Welt und Nathalie begann im Geiste einfach zu dem Wasser zu sprechen: „Du bahnst dir deinen Weg, trotz all des Eises, ich beneide deine Kraft. Ich habe diese Kraft nicht. Ich wünschte ich hätte sie...“ Und auf einmal erhielt sie eine Antwort: „Das hat nichts mit Kraft zu tun, sondern mit Stetigkeit. Ich weiss eines Tages werde ich das Eis besiegt haben. Es ist wie mit deinem Leben. Dein Leben ist voller kristallisierter Formen, doch der Geist fliesst überall, er bahnt sich auch seinen Weg früher oder später. So wird es die Erkenntnis bei dir tun.“ „Aber was soll ich machen? All das mit den Animal Ridern, ich kann es einfach nicht glauben.“ „Du allein musst das entscheiden, doch bedenke, dass  kristalliesierte Formen einst aufgelöst werden müssen. Wir sind alle Eins, alle. Doch du musst es auch glauben...“ Nathalie schreckte aus ihrem meditativen Zustand auf. Was machte sie da nur? Wie kam sie dazu mit diesem Bach zu reden? Sie wurde wohl wirklich langsam verrückt. Ruckartig wandte sie sich ab und verschloss ihr Herz erneut vor dem eigentlich Offensichtlichen. Bäche redeten nicht, Tiere redeten auch nicht...Nun ja letztere vielleicht noch eher, aber Bäche auf keinen Fall, auf gar keinen Fall!

„Ich lasse mich doch jetzt nicht verrückt machen!“ dachte sie bei sich. „Dieser Indianer hätte gar nicht in mein Leben treten sollen, er hat alles durcheinander gebracht. Mein Leben war doch immer in Ordnung, wie es war. Das ganze Geschwätz von den Animal Ridern, ein völliger Unsinn, absurd, einfach absurd...“ Sie wiederholte diese Worte mehrmals um ihnen noch mehr Kraft zu verleihen. Da trieb jemand einen Scherz mit ihr, ganz sicher. Ein grausamer Scherz. Sie wollte sich auf keinen Fall übertölpeln lassen. Sie wusste um die Realität. Warum aber...spürte sie dennoch diese tiefe Traurigkeit in ihrem Innern, diese seltsame Unsicherheit?

Besorgt blickte ich immer wieder hinaus ins Freie. Pechschwarze Regenwolken jagten über den Himmel. Es blitzte und donnerte. Der Regen war wie ein dichtgewobener Vorhang. Die Erde konnte die Wassermassen nicht mehr aufnehmen. Die wenigen Seen und Flüsse in der näheren Umgebung waren bereits über die Ufer getreten. Unsere Menschenbrüder und wir, trugen in wilder Hast Lebensmittel, Brennholz und andere wichtige Gegenstände zusammen.Wir befanden uns nun in der zweiten Hälfte des „Gras-grün-Mondes“(April) und mein Freund Alter Kojote und ich hatten heute beschlossen uns in der „Sonne-Mitte-nicht-mehr“ Zeit(Nachmittags) zu treffen, um die Boote zu begutachten, die man unter Aufsicht der Biber-der grossen Baumeister gefertigt hatte.

Es dauerte nicht lange und wir wateten durch das schon beängstigend hoch stehende Wasser. Das sonst hellbraun und weiss schattierte Fell von Alter Kojote, war vollkommen durchnässt und nun von schmutziger, dunkelbrauner Farbe. Von seinen spitzen, grossen Ohren tropfte der Regen. „Eine äusserst unangenehme Situation,“ murmelte er vor sich hin und wir beide blickten ängstlich hinauf in den Himmel, über den der gewaltige Donnervogel einmal mehr seine zuckenden Blitze schleuderte. Von weitem zeichneten sich nun die Umrisse der Boote langsam ab, die bereits auf dem Wasser hin und her schaukelten.

Auf einmal kam mir Kai entgegengelaufen. Soweit das jedenfalls ging, in dem für ihn bereits knietiefen Nass. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung, worüber ich im Anbetracht der ungemütlichen Situation nur staunen konnte.

„Kommt mit!“ rief mein Schüler. „Ich muss euch etwas zeigen.“

Wir folgten ihm und blieben auf einmal ungläubig stehen. Vor uns ragte ein etwas drei Mann hohes Schiff auf. Es war in seiner Form einer gewaltige Nussschale ähnlich und es musste aus mehreren Teilen bestehen, obwohl es wie eine Einheit wirkte. Es schien als wäre es aus einem einzigen Baum gefertigt worden. Das ist mein Werk!“ freute sich Kai. „Ich habe auch den andern einige Tips gegeben. Allerdings ist mein Boot besonders gross und schön. Ich dachte der Rat könnte es vielleicht benutzen. Es hat auch sonst viel Platz. Kommt herauf!“ Über eine Art Holzkonstruktion die man am Schiff angelehnt hatte, gelangten wir auf das Deck. Von dort aus führte ein Niedergang in dessen Bauch. Es hatte unglaublich viel Platz. Alter Kojote und ich kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Wie hast du das gemacht Kai?“ fragte ich fassungslos. „Sowas hab ich noch nie gesehen.“ „Das erzähle ich dir ein ander mal Vater Mato. Ich glaube wir müssen uns langsam beeilen, wenn die Flut uns nicht alle verschlingen soll.“ „Da hast du natürlich recht,“ erwiderte ich. „ Der Rest des Rates trifft bald ein. Ich glaube wir richten uns hier mal häuslich ein. Was meinst du Bruder Kojote?“ „Nun ja...“ sprach dieser etwas unsicher und schielte auf das seltsame Schiff. „Ich weiss nicht...ob ich diesem „Boot“ trauen kann... Du weisst es liegt etwas in der Natur der Dinge, dass ich mich ständig in unangenehme Situationen hinein manövriere. Wenn diese Schöpfung Kais nun unter meinen Pfoten entzweibricht?“ „Das geschieht bestimmt nicht!“ rief mein Schüler, entrüstet aus. „Es ist das sicherste Schiff aller Schiffe hier. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer!“ „Oh lieber nicht!“ sprach der Kojote, als hätte er Erfahrung mit derlei Dinge. „Das ist nicht nötig. Wenn Mato deinem „Boot“ vertraut, tu ich es auch.“ „Kai hat mein uneingeschränktes Vertrauen,“ erwiderte ich mit Nachdruck „und so auch seine Schöpfung, die mich wahrhaftig fasziniert. Die Sternkinder haben schon grosse Begabungen.“ „ich hoffe nur, dass diese Begabungen ihnen und uns nicht mal zum Verhängnis werden,“ murmelte Alter Kojote mehr zu sich selbst, als zu mir. Etwas ärgerlich sah ich ihn an. Doch mitlerweile kannte ich meine alten Freund. Durch seine Erfahrungen, war er vorsichtig geworden.

Bei mir dachte ich: „Eines Tages werden uns die Sternkinder sicher mit ihren Begabungen überholen. So ist wohl unser Schicksal...“

„Werden du und der Rat also mein Boot benutzen?“ fragte Kai aufgeregt. „Nun ja...“ erwiderte ich. „So weit es mich betrifft schon. Doch jeder muss das selbst entscheiden Cinksi(Sohn). Jedenfalls hast du Erstaunliches geleistet, ich gratuliere dir. So werde ich also alles für unsere lange Reise vorbereiten.“

Nathalie fühlte sich selbst wie auf einem Schiff, das auf den Wellen sich abwechselnder Emotionen hin und her geworfen wurde. Die ganze Zeit musste sie an das denken was sie erlebt, was sie erfahren hatte. Mehrmals griff sie nach dem Telefonhörer um Marc doch noch anzurufen, nur um mit jemandem zu sprechen. Doch immer wieder liess sie es sein. All das war einfach zu unglaublich.

Die ganze Zeit fühlte sie sich wie eine Schlafwandlerin. Sie funktionierte nur noch. Zum Glück hatte sie jetzt wenigstens Ferien, so stellte ihr niemand unangenehme Fragen. Tiefe Phasen der Unsicherheit wechselten sich mit jenen tiefer Sehnsucht ab, dass die alles doch wahr sein möge und sie eine viel wichtiger Aufgabe innehatte, als sie es bisher dachte. Sie litt sehr, weil sie einfach nicht wusste, was sie tun sollte. Was verlangte man von ihr wenn sie den Weg der Animal- Rider einschlug? Was würde sie überhaupt genau erwarten? Würde sie überhaupt etwas erwarten. Konnte sie, wollte sie alles dafür opfern? Oder bedeutete es doch kein so grosses Opfer?

Die Ungewissheit trieb die junge Frau beinahe in den Wahnsinn. Sie wurde richtig schwermütig, verlohr die Freude am Leben und zog sich immer weiter in ihr Innerstes zurück. Nichts schien mehr von Bedeutung, nur diese selsame Geschichte.

Es war diese Ratlosigkeit, die sie krank werden liess. Schliesslich reagierte ihr Körper und sie bekam eine schwere Grippe mit hohem Fieber.

Ihre besorgten Eltern brachten sie zum Arzt, doch trotz aller Medikamente, wurde Nathalie einfach nicht recht gesund. Sie war in der Seele krank.

Eines Nachts als sie sich wiedermal in Fieberträumen wand, kehrte auf einmal eine selsame Ruhe in sie ein. Es wurde ganz warm um sie und das Licht eines goldenen Feuers erschien vor ihren Augen. Sie trat näher an die Flammen heran und nahm deren wohlige Wärme und den sanften Schein ganz in sich auf.

Als sie sich erstaunt umsah, fand sie sich in einem indanischen Tipi wieder. Es bestand aus wetterfest gegerbten Tierhäuten, wurde gestützt von mehreren Kieferstäben und war bemalt mit selsamen Ornamenten. Der Rauch des Feuers zog durch eine Öffnung im Dach ab. Überall im Innern befanden sich selsame Gegenstände: Talismane aus Federn, Türkise, Tierknochen und Krallen. Es gab alle Arten von getrockneten Kräutern und Tinkturen in den verschiedensten Farben.

Biberfelle die wie Nussbutter glänzten hingen an einigen Querstangen unter dem Dach. Daneben befand sich tönernes Geschirr. Es gab eine Schlafstelle, gepolstert mit einem schwarzen Bärenfell.

Auf einmal entdeckte Nathalie neben dem Feuer eine knieende Frau. Sie war vorher noch nicht da gewesen. Ihr einst schwarzes, glänzendes Haar, zu zwei Zöpfen zusammengebunden, sah aus wie gewobenes Silber. Die Farbe ihrer bereits sehr runzligen, kupfernfarbenen Haut, wurde vom rotgoldenen Schein des Feuers erhellt. Sie bereitete gerade einen Sud von dunkelgrüner Farbe zu. In einem Mörser zerstiess sie, ein für Nathalie unbekanntes Kraut und warf es ebenfalls in den Topf. Weisser Dampf der einen intensiven Geruch verströmte stieg hinauf zum Zeltdach.

Die Alte, welche ein Hirschledergewand mit Fransen und perlenbestickte Mokassins trug, füllte nun den Sud in ein kleineres Gefäss vermutlich eine Tasse ab.

In diesem Augenblick sah sie auf und Nathalie direkt ins Gesicht. Ihre Augen, tiefgründig und geheimnisvoll, wie schwarzglänzende Höhlenseen, durchdrangen das Mädchen. Sie stiessen in die tiefsten Tiefen ihrer Seele vor. Nathalie glaubte, dass sie in ihr wie ein offenes Buch lesen konnten. Auf einmal wurde sie beschämt und Tränen kullerten ihr über die Wangen. Sie fühlte sich so traurig und entsetzlich verloren. Irgendwie erkannte sie plötzlich dass sie sich verirrt hatte. Alles woran sie bisehr geglaubt hatte, schien wie ein Kartenhaus zusammen zu stürzen. Sie glaubte sich nie wieder aufschwingen zu können und das löste in ihr unendlicher Kummer aus.

„Sei nich traurig takoza,“ sprach nun die Frau auf einmal mit sanfter, dunkler Stimme. „Es gibt immer wieder Zeiten in unserem Leben, wo wir uns ganz neu orientieren müssen. Oft erscheint es, als würden wir einen grossen Verlust erleiden, doch wenn du lernst loszulassen, wenn du lernst das anzunehmen was ist, ohne Angst und stets in der Zuversicht, das Wakan Tanka (Gott) dir den Weg weist, dann wirst du wunderbare Befreiung erfahren.“ „Aber es ist soviel Furcht in mir. Ich weiss nicht was mich erwartet, wenn ich diesen Weg der Animal- Riderin einschlage. Ich weiss nicht, ob ich dazu im Stande bin. Ich weiss nicht mal, ob das alles überhaupt wahr ist. Wenn ich mein altes Leben aufgeben soll, dann muss ich sicher sein, dass es stimmt. Was also kann ich tun Grossmutter?“(sie hatte dieses Wort einfach so dahin gesagt, ohne darüber nachzudenken). „Du weisst doch eigentlich die Antwort schon.“ „Nein, das stimmt nicht!“ rief Nathalie aus. „Ich weiss gar nichts, überhaupt nichts und das macht mich noch verrückt!“ „Weil du nicht wagst auf das zu hören was dein Herz dir sagt,“ antwortete die Indianerin mit einem etwas tadelnden Unterton in der Stimme. „Die Weissen sind manchmal so in ihrem Denken verhaftet. Versuche etwas mehr wie eine Indanerin zu denken, dann wirst du Vieles anders sehen lernen.“ „Aber ich bin nun mal keine Indianerin Grossmutter. Ich bin eine Weisse und ich mache mir über so manches einfach Gedanken.“ „Du bist nicht nur... eine Weisse takoza, in unseren Adern fliesst dasselbe Blut, auch wenn du davon nichts weisst. Du hast es vielleicht mal gespürt, aber nicht gewusst.“ „Was meinst du damit?“ fragte  Nathalie erstaunt. „Wer...bist du?“ „Was glaubst du denn?“ „Ich weiss es nicht.“ „Warum nennst du mich Grossmutter?“ Das Mädchen überlegte, dann meinte sie: „Nun ja...vielleicht weil ich schon oft gelesen habe, dass man diesen Ausdruck verwendet.“ „Wieder machst du dir selbst etwas vor. Verstehst du denn das Wort das ich für dich nehme?“ „Du meinst dieses...Takoza? Nein das verstehe ich nicht.“ Die alte Frau fixierte das Mädchen erneut intensiv mit ihren Augen und sprach dann: „Es bedeutet Enkelkind. Du bist meine Enkelin Nathalie, vielmehr meine Ur- Enkelin.“ „Waas!“ Nathalies Augen weiteten sich. „Aber...das kann unmöglich sein!“ Ich weiss nichts von einer indianischen Urgrossmutter. Ausserdem...müsstest du dann schon sehr alt sein.“ „Ich bin 89 Jahre alt, denn ich habe deine Grossmutter schon früh bekommen, etwa mit 16.“ „Davon habe ich nie etwas gehört, auch wenn ich mich schon mit dem Stammbaum unserer Familie befasst habe.“ „Man weiss offiziell nichts von mir takoza, aber ich habe deine Grossmutter geboren. Dein Ur- Grossvater nahm mir meine Tochter einst weg, um sie nach europäischen Massstäben zu erziehen. Er war Engländer wie du weisst. Natürlich wollte er auf keine Fall das jemand von unserer Affäre erfuhr. Damals wurden die Indianer noch viel weniger respektiert als heute. Meine Eltern haben noch die Zeiten erlebt, als mein Volk frei in den Plains (Ebenen) umherwanderte. Sie haben mir viel erzählt, auch über den Niedergang unseres Volkes. Ich wurde noch in die alten Traditionen eingeführt und schliesslich übernahm ich das Amt einer Medizinfrau der Lakota Sioux, die dann eine Zeit lang gar selbst ihre Kultur vergassen. Heute werden die alten Rituale wieder mehr gepflegt, aber es ist immer noch ein langer Weg bis zur wahren Freiheit.“ „Aber...das alles ist doch verrückt,“stotterte Nathalie. „Du bist nur ein Traum, vielleicht eine Wahnvorstellung von mir. Ich fühle mich so krank und schwach.“ „Darum habe ich Verbindung mit deiner Seele aufgenommen takoza, um dir beizustehen. Aber es gibt mich auch in der realen Welt, es wäre schön wenn du mich eines Tages besuchen würdest. Ich weiss, dass es dir sehr schlecht geht. Darum habe ich dir diesen Trank zubereitet. Trink ihn und es wird dir wieder besser gehen!“ Nathalie schaute etwas skeptisch auf das grünliche Gebräu. „Wenn ich das trinke...werde ich dann wieder alles was ich hier erlebte vergessen?“ „Nein, du wirst dich erinnern und vielleicht gibt dir das den nötigen Auftrieb deine wahre Bestimmung zu erfüllen. So denk immer daran, dass in deinen Adern auch indianisches Blut fliesst. Das wird dir zu tieferen Einsichten verhelfen. So trink nun und dann...schlaf...“

Die junge Frau nahm das Gefäss dass ihr ihre Urgrossmutter reichte. Der Trank schmeckte bitter und doch irgendwie süsslich. Er rann warm ihre Kehle hinunter und schien dann direkt in den Blutkreislauf hinein zu gelangen. Jedenfalls erfüllte Nathalie auf einmal eine wohlige Wärme und ein stiller, innerer Frieden.

Und dann schlief sie ein...und während sie schlief kehrten die Kräfte in ihren Körper zurück und die Krankheit entwich aus ihrem Organismus...

 

4.Kapitel

Marc bekam von all dem nichts mit. Er hatte schon eine Weile keinen Kontakt mehr mit Nathalie gehabt. Sie hatte ihn einmal angerufen, doch er war da weniger zuverlässig. Da gab es immer so viel zu tun: All seine Hobbies, der Sport... und auch seine Kollegen wollten mal Zeit mit ihm verbringen, wenn er schon drei Wochen Urlaub machte. Eigentlich wusste er, dass er Nathalie mal hätte anrufen sollen, irgendwie plagte ihn deswegen auch das schlechte Gewissen. Das veranlasste ihn aber nur noch mehr dazu den Anruf heraus zu zögern.

Es war selsam. Eigentlich hatte er sich diesem Mädchen doch so nahe gefühlt, doch nun da sie sich so lange nicht mehr sahen, verblasste etwas die Erinnerung an ihre Begegnung. Sie waren ja schliesslich kein Paar (was ihn zeitweise wurmte), deshalb war Marc Nathalie ja nicht speziell verpflichtet. Da gab es noch viele andern Mädchen, die ihn anhimmelten und mit denen er einige nette Stunden verbringen konnte.

Gerade hatte einer seiner Kollegen ihm eine junge Frau namens Ursula vorgestellt. Sie war bildschön und in keinster Weise gehemmt. Die ganze Zeit machte sie Marc schöne Augen und schliesslich... nach einigen Drinks, nahm sie ihn mit zu sich nach Hause.

Als er Tags darauf mit dröhnendem Schädel erwachte, merkte er dass er in ihrem Bett lag. Sie lag noch schlafend neben ihm, mit ihrem langen, hellbraunen Haar und der tollen Figur, die halb entblösst dalag. Marc zog die Decke über sie, damit sie nicht frohr... einfach so ein Impuls.

Doch dann erhob er sich. Er zog sich Jeans und Pullover über den trainierten Körper und verliess dann leise das Haus. Wieder ein One night stand und wieder fühlte sich Marc danach irgendwie leer. Was hatte er eigentlich davon? Er besass keinerlei Interesse an dieser Ursula, auch wenn sie vom Aussehen her eine Göttin sein mochte. Warum also hatte er mir ihr geschlafen, warum tat er immer wieder diese Dinge? Eigentlich verletzte er die Frauen damit oft und seine Selbstachtung stieg dadurch nicht wirklich.

Wieder tauchte vor seinem innern Auge ein Gesicht auf, ein Gesicht, dass sich tief in sein Herz eingebrannt hatte. Und...er schämte sich auf einmal...

Ganz in sich gekehrt betrat er seine Wohnung in Rüti, die vollgestopft mit Indianer- Utensilien und einigen Sportgeräten war.

„Warum habe ich bloss mit dieser Ursula geschlafen?“ fragte er in die Stille hinein. „Das kann es doch nicht sein. Was bewegt mich zu solchen Handlungen? Warum rufe ich Nathalie nicht endlich mal an?...“

„Tja diese Fragen solltest du dir wirklich mal stellen cinksi (Sohn)!“ sprach auf einmal eine Stimme hinter ihm. Eine Gestalt trat aus dem Schatten neben dem Fenster. Es war ein schlanker, sehniger Mann, mit asketischen Zügen, einem langen, schwarzen Zopf und durchdringenden Augen. Es waren die Augen eines Mannes, welcher um Licht und Schatten gleichermassen wusste. Er trug ein schwarzes Hemd mit bunten Perlen und Fransen bestickt und dazu die üblichen Blue Jeans. Es war ein Indianer, das erkannte Marc auf den ersten Blick.

„Wer...sind sie?“ stotterte er so ungläubig wie Nathalie, als Wandernder Bär sie besuchte.

„Man nennt mich Snake- man(Schlangen Mann). Aber eigentlich heisse ich Weise Schlange. Was dir lieber ist.“ Bei den Weissen nennt man mich offiziell Frank Snakeman, doch es ist mir lieber wenn du mich bei meinem indianischen Namen nennst. „Aber...was tust du hier? Wie bist du überhaupt reingekommen?“ „Das tut nichts zur Sache. Die Frage die du stellen solltest cinksi ist: Warum bin ich überhaupt hier?“ „Ja, das würde mich natürlich brennend interessieren!“ „Das kann ich mir vorstellen. Eigentlich bin ich hier um dich zu fragen, was du dir eigentlich von deinem Lebenswandel versprichst. Warum hörst du nicht etwas mehr hierauf?“ Er deutete auf Marcs Herz. „Du meinst ich höre zu wenig auf mein Herz?“ fragte er. „Allerdings!“ rief Snake- man nun offensichtlich ärgerlich. „Ständig verschleuderst du deine Energie für Dinge die nutzlos sind und verlierst dabei aus den Augen was wirklich zählt! Dein ganzes Leben trainierst du schon deinen Körper, pochst auf deine Freiheit, nimmst dir einfach immer wieder das, was dir dein niedriger Instinkt sagt. Du hast deine grosse Liebe getroffen, aber du willst sie nicht als solche erkennen! Du hättest gewaltiges Potential, aber du nutzt es nicht! Ich habe dich einst etwas anderes gelehrt!“ „Was meinst du damit? Wir kennen uns doch gar nicht.“ fragte Marc nun sichtlich verwirrt. „Ach ja! Ich muss dich erst etwas genauer informieren, tut mir leid. Mir sind wohl die emotionalen Pferde durchgegangen. Doch es ärgert mich einfach wenn ich sehe, dass du nichts aus deinem Leben machst cinksi.“ „Nun aber mal halblang!“ protestierte Marc „Ich habe wohl etwas aus meinem Leben gemacht. Ich habe einen guten Job und mache auch sonst viel. All diese Bogen dort an der Wand habe ich selbst gefertigt. Auch Instrumente machte ich schon. Ich bin kein Müssiggänger. Und ausserdem... was heisst dieses Cinksi überhaupt?“

Einen Augenblick lang, schien ein verstohlenes Lächeln über das Gesicht des Indianers zu huschen, doch sogleich blickte er Marc wieder streng an. „Ich sagte nicht, dass du ein Müssiggänger bist Marc. Du hast einfach vielzuviel im Kopf. So dass es für dich gar nicht mehr möglich ist, die Stille und darin das „Gross Geheimnis“ zu spüren.

Dein Leben sollte einfach mehr vom Grossen Geheimnis durchdrungen sein. Nur dadurch bekommten deine Taten wahren Wert. Ausserdem heisst cinksi Sohn...“ Er sagte das nun in beinahe zärtlichem Ton.

„Aber warum...nennst du mich Sohn? Ist das so eine Redewendung?“ „Nein...“ erwiderte Weise Schlange leise. „Du warst wirklich einst wie ein Sohn für mich.“ „Aber wie ist das möglich?“ „Nicht in diesem Leben, aber in einem andern, weit entfernten, war ich einst dein Lehrmeister. Du nanntest mich damals „Vater Rabe“.

Dich nannte man Kai, eine Ableitung von Kangi- der Rabe.“ „Das verstehe ich jetzt nicht ganz. Man nannte mich auch Rabe?“ „Ja weil du zum Raben- Klan gehört hast. Du warst ein überaus fleissiger, wunderbarer Schüler. In all den Leben die du seither durlaufen bist,  wurde dein wahrer Auftrag verwässert. Du hast sehr viel Leid erlebt und dazu kam noch deine verstandesorientierte Erziehung in diesem Leben. Du hast dich irgendwie selbst verlohren und ich weiss du spürst das oft auch. Dann wirst du schwermütig, traurig und stürzt dich in irgendwelchen Unternehmen, damit du dich wertvoll fühlen kanns. Doch es nützt nichts, diese Leere... sie bleibt. Du kannst sie nur ausfüllen, wenn du dich wieder mehr auf deine Berufung konzentrierst. Du besitzt die transformierende Kraft der Schlange- die Schlange ist auch dein Geburtstotem. Die Schlangen- Kraft hat zwei Seiten. Diese Seiten, diese Gegensätze gilt es zu vereinen. Dann und nur dann, wirst du den Frieden finden. Ich bin gekommen um dir dabei zu helfen. Damals vor langer, langer Zeit war ich der Weisse Rabe. Ich habe um all die Geheimnisse des Universums gewusst, um die Magie allen Daseins. Auch du hast es gewusst. In diesem Leben ist die Schlangen-Medizin meine Medizin. Ebenso wie deine. Ich will dir helfen damit richtig umzugehen. Wenn du dich dazu bereit erklärst diesen Weg zu gehen, wirst du mit mir nach Nordamerika reisen und noch viel mehr über deine Herkunft erfahren.“ „Aber...ich kann doch hier nicht einfach weg! Ich habe meine Verpflichtungen!“ „Du kannst ja estmal den Rest deiner Ferien dafür in Anspruch nehmen, danach kannst du immer noch die Entscheidung treffen, ob du den Weg den ich dir weise gehen willst, oder noch nicht. Wenn nicht, dann kannst du dein altes Leben wieder aufnehmen und weiter in deinem Alltag nach dem Glück und dem innern Frieden suchen. „Was meinst du dazu?“ „Nun ja...“stotterte Marc. „ Ich muss da noch einmal drüber schlafen. Dann sage ich dir Bescheid.“ „Wie du meinst, dann treffen wir uns also Morgen wieder hier.“ erwiderte Snake- man. „Ich hoffe du hörst diesmal mehr hierauf...,“ Wieder deutete er auf Marcs Herz, dann verliess er die Wohnung duch die Eingangstür. Marc sah ihm noch durch das Fenster nach, doch sehr bald verschwand der Indianer im nahegelegenen Wäldchen und...verschmolz mit den zu dieser Zeit schwarzbraunen Schatten der Bäume...

Nun also ist es so weit! Seit zwei Monden sind wir nun schon auf den Schiffen. Alles was wir noch besitzen sind die wenigen Dinge, die wir mit uns nahmen. Unsere ganze Welt ist vom Grossen Wasser verschlungen worden. Nun treiben wir hier, nur allein mit uns, einer vollkommen ungewissen Zukunft entgegen. Viele Tragödien haben sich mitlerweile abgespielt. Einige wollten ihre Heimat nicht verlassen und wurden von den Fluten verschlungen, andere kamen wohl mit, sind aber innerlich vollkommen gebrochen, wie entwurzelte Bäume, deren Lebenssaft immer mehr versiegt. Das Land das wir bewohnten..., es war ein Teil von uns. Seit wir nun so scheinbar führerlos auf dem endlosen Meere treiben, erscheint es, uns als hätte man unsere Körper und Herzen zerrissen. Grosse Trauer herrscht unter unserem Volke, Trauer die nun immer öfters auch in Wut und Anfeindungen umschlägt.

Auf dem grossen Schiff, das Kai entworfen hat, fand der ganze Rat der Tiere Platz und auch einige der Sternkinder, darunter Suna und Kai selbst, und noch einige andere Brüder- und Schwestern. Leider aber gibt es wie erwähnt, einige Spannungen zwischen gewissen Tieren und Menschen. Das mussten wir gerade auf schmerzhafte Weise erleben. Denn... es gab bereits die ersten Todesopfer! Das Schreckliche daran ist, das Kai in eine dieser tödlichern Streitereien verwickelt war. Er selbst ist für den Tod eines Tierbruders verantwortlich.

Es schmerzt mich tief im Herzen, wenn ich nun davon berichten muss.

Ich weiss Kangi hat bestimmt in Notwehr gehandelt, doch... es hätte nie so weit kommen dürfen, dass er das Blut eines Bruders vergiesst.

Ich hab ja bereits mal von „Schwarzer Zahn“ berichtet. Er war einst der engste Vertraute von „Weise Schlange“, doch dann begann er immer mehr sich gegen die Sternkinder zu stellen und erfüllte so seinen Auftrag als einer der Alten nicht mehr.

Schwarzer Zahn war nun also auch mit uns auf dem Schiff.

Eines Tages dann erhob sich auf einmal Entsetzensgeschrei an Bord und...im Bauche des Schiffes fanden wir zwei tote Körper: Jener der Schlange „Schwarzer Zahn“ und jener des Jungen, den die Schlange „Goldenes Auge“ besonders liebt. Ich berichtete auch schon von ihm. Es war der Junge mit dem Kobragewand. Er war durch einen Biss von Schwarzer Zahn getötet worden. Es musste aus Eifersucht passiert sein, wie uns Kangi den wir mit blutigem Messer über dem enthaupteten Körper von Schwarzer Zahn kauernd fanden, versicherte. Er hatte die Schlange getötet, weil diese den Jungen getötet hatte.

Grosser Aufruhr erhob sich unter Tieren und Menschenkindern. Einige verlangten Kangis Tod, andere standen hinter ihm und wandten sich gegen die Schlangen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mit Hilfe des Rates wieder alles einigermassen unter Kontrolle gebracht hatte. Mich erschütterte dabei tief die Gewaltbereischaft auf beiden Seiten. Wohin würde das alles noch führen?

Schliesslich, als wieder einigermassen Ruhe einkehrte, meinte ich : „Dieser Fall betrifft vor allem den Klan der Schlangen und den der Raben. Wir werden zusammen versuchen eine Einigung zu erzielen. Es darf nicht sein, dass wir uns auf diesem kleinen Raum gegenseitig bekämpfen. Wir müssen zusammenhalten, sonst wird das unser endgültiger Untergang.“ Der Rat stimmte mir zu und wir beschlossen eine weitere Versammlung einzuberufen, die über das Los von Kai entscheiden sollte. Es gab jeweils fünf Vertreter für seine Seite und fünf für die Gegenseite. Nach langen zermürbenden Disskusionen, bei denen ich wirklich ernstlich um das Leben meines Schützlings fürchtete, wurde entschieden, dass Kai im Bauch des Schiffes eingesperrt würde, damit er nichts mehr anrichten konnte. Mein Herz schmerzte, bei diesem Gedanken, doch es war die einzige Möglichkeit, um auch die Gegenseite einigemassen zufrieden zu stellen. Immerhin war das besser als der Tod.

Was mich beunruhigte waren, das drei der Schlangen sich für die Todesstrafe aussprachen. Auch unter den andern Tieren gab es einige die schwankend waren. Der Rat wenigstens, und darüber bin ich sehr froh, sprach sich einstimmig gegen den Tod Kais aus. Auch „Goldenes Auge“ nahm einen neutralen Standpunkt ein, hatte „Schwarzer Zahn“ doch vermutlich ihren liebsten Schüler umgebracht, was sie mit grossem Kummer erfüllte.

Die Raben sprachen sich mit nur einer Ausnahme für Kai aus, denn er war ja ein Teil ihres Klans. Doch das nur ein Rabe schon gegen Kai war, beunruhigte mich mehr als alles andere. Warum nur konnten wir nicht in Frieden zusammen leben?

So wurde mein ehemaliger Schüler also eingesperrt. Ausserdem bemühten wir uns darum, dass auf den verschiedenen Schiffen möglichst alle Gleichgesinnte zusammen waren, damit es keine solchen Vorfälle mehr gab. Ob das wirklich die richtige Lösung war...wir werden es sehen. Denn wie sagte Bruder Grauwolf so schön: „Wo viele kleine Flämmchen zusammenkommen, kann auch ein Flächenbrand entstehen...“ 

Nach dem Erlebnis mit ihrer indianischen Urgrossmutter, wurder Nathalie innerst kürzester Zeit wieder gesund. Alles veränderte sich für sie, als sie nun um diese neue Wahrheit wusste. Das Feuer des Enthusiasmus und der Freude kehrte in ihr Herz zurück und auf einmal wusste sie ganz genau was sie tun wollte. Sie würde zusammen mit „Wandernder Bär“ nach Amerika reisen, um die ganze Wahrheit über sich und ihre wahre Bestimmung herauszufinden...

Doch da gab es noch eine Menge zu organisieren. Ihr halber Urlaub war schon fast vorbei. Da sie noch nicht bereit war alles hier aufzugeben, musste sie nach einer Möglichkeit suchen, die ihr wenigstenst genug Zeit verschaffte, um in Amerika die gesuchten Antworten zu finden. Dann erst würde sie eine endgültige Entscheidung treffen. Es galt nun jedenfalls so schnell wie möglich einen Flug nach Amerika zu buchen. Wenigstens war nicht gerade Saison. Doch würden ihr zwei Wochen noch reichen, um ihrem Ursprung auf den Grund zu gehen? Sie dachte fieberhaft nach, wie sie es anstellen konnte ihre Ferien noch zu verlängern. Schliesslich beschloss sie wenn möglich noch zwei Wochen unbezahlt zu nehmen. Hoffentlich erlaubte man es ihr. Wenn es sein musste, und davon war Nathalie nun überzeugt, dann klappte es auch. So vertraute sie sich einer höheren Führung an und tatsächlich war sie erfolgreich. Eine Kollegin, die nur selten da war, erklärte sich bereit noch eine Woche für sie zu arbeiten. Die andere konnte sie unbezahlt nehmen. Das war also erledigt.

Bevor Nathalie aber ihren Flug buchte, wollte sie erst „Wandernder Bär“ über ihre Entscheidung informieren. Er hatte ihr gesagt, sie solle ihn einfach rufen, wenn sie sich entschieden hatte. Wie aber sollte sie das anstellen? Sie konnte ja nicht einfach aus dem Fenster seinen Namen schreien, sonst hielten die Nachbarn sie noch für verrückt. So beschloss sie hinauf zu den Dreilinden- Weihern von St. Gallen zu fahren, wo es jetzt zu dieser kalten Jahreszeit nur bei schönem Wetter Leute hatte. Der Tag den sie aussuchte war besonders schlecht und sie würde schön für sich sein, wenn sie nach ihrem Lehrer rief.

So betrat sie den Wald neben den vereisten Weihern und rief laut: „Wandernder Bär, wandernder Bär!“ in die Stille des Winters hinein. Eine Weile passierte nichts. Nathalie liess ihren Blick suchend herumschweifen. Die mit frisch gefallenem Schnee bedeckten, schwarzen Baumgerippe erhoben sich wie stille Wächter einer andern Welt über ihr. Nasskalter Schnee fiel vom grauen Himmel über den Wipfeln und die Schatten zwischen den kahlen Stämmen wirkten unergründlich.

Dann auf einmal der Schrei einer Krähe in unmittelbarer Nähe… und dann trat Wandernder Bär aus dem Unterholz. Er trug noch immer die gleichen Kleider und kam nun gemessenen Schrittes auf das Mädchen zu. „Du hast dich also entschieden Suna,“ sprach er mit ruhiger Gelassenheit. „Ja, das hab ich. Aber nenn mich bitte nicht bei diesem Namen. Ich bin Nathalie. Das Leben als Suna liegt in weiter Vergangenheit.“ Ein Leuchten erschien in den dunklen Augen des Indianers. „Du glaubst mir also?“ „Sagen wir mal so: Ich will es gerne glauben, doch noch habe ich zu viele Zweifel.“ „Zweifel sind da, um beseitigt zu werden.“ „Das sagt sich leichter als es ist. Ausserdem gehören auch die Zweifel zum Leben.“ Der Indianer lächelte still in sich hinein, sagte aber nichts dazu. So sprach das Mädchen: „Jedenfalls will ich der Wahrheit auf den Grund gehen. Darum beschloss ich mit dir nach Amerika zu reisen. Erstmal nur für einen Monat, denn ich kann nicht einfach alles hier von heute auf Morgen aufgeben. Tu ich das, dann will ich ganz sicher sein, dass ich den richtigen Weg einschlage.“ „Das respektiere ich natürlich vollkommen,“ erwiderte Wandernder Bär mit freudiger Stimme.

Dann aber wurder er auf einmal ernst. „Du hast eine schwere Zeit hinter dir, nicht wahr?“ „Ja das kann man so sagen. Doch ich wusste auch lange nicht wirklich was zu tun war. Zum Glück hat mir meiner Urgossmutter geholfen...“ Sie schaute den Indianer prüfend an, wusste er wohl etwas von ihrem Indianerblut?“ „Sie ist dir also begegnet?“ fragte er. „Ja, weisst du etwas über sie, wusstest du, das ich Indianerblut habe?“ „Ja. Ich kenne deine Urgrossmutter. Wir nennen sie „Mondblume“. Sie hat einst deine Grossmutter geboren, die in England aufwuchs und dann in der Schweiz ein neues Leben begann, als sie einen Schweizer heiratete. Du bist also schon die dritte Generation die hier lebt. Dennoch hast du stets gespürt, dass da noch mehr ist. Das war dein Indianerblut, das nun zwar etwas verwaschen wurde, aber immer noch besteht. Alles wird von einer höheren Macht- wir nennen sie auch die „geheimnisvolle Macht“ gesteuert. Das Blut der indianischen Ahnen fliesst durch deine Adern, das Blut der Animal Rider...“

„Das klingt wundervoll Wandernder Bär, aber ich muss erst noch von dieser Tatsache überzeugt werden. Darum komme ich mit dir nach Amerika. Vielleicht treffe ich sogar meine Urgrossmutter an. „Wir können sie besuchen, wenn du willst.“ „Wirklich!“ fragte Nathalie begeistert. „Ja. Sie und ich leben nicht weit weg voneinander. Wir haben uns auch schon öfters am Pow Wow getroffen. Dieses ist ein traditionelles Indianderfest. Man trifft dort auf Vertreter aller Indianerstämme, es werden alte Traditionen gepflegt, getanzt und über so manches ausgetauscht. Das Pow Wow ist schon bei vielen bekannt und immer wieder zieht es indianerbegeisterte Touristen dorthin. Mondblume ist eine Schamanin der Lakota Sioux, so wie ich ein Schamane selbiger bin. Wir erleben wieder ein richtiges Comeback in der Welt. Es gibt viele die sich für unsere Kultur interessieren. Manche meiner Brüder sagen zwar, all diese Indianerfreunde seien Sahneabschöpfer, die nur das Gute, die Romantik in der Indianerkultur sehen. Doch ich sage immer, dass dieses Interesse uns nur nützen kann, um eines Tages wieder aufzusteigen. Wir brauchen die Unterstützung der westlichen Welt, um unsere Anliegen unters Volk zu bringen. Auch wenn es eine gewisse Anpassung bedeuten mag. Doch unser Geist wird dennoch immer frei bleiben. Wir müssen einige Änderungen in Kauf nehmen, wenn wir die restliche Menschheit erreichen wollen. Die Indianer sind anders als die Weissen. Doch wenn wir uns alle bemühen, können wir uns vielleicht auf wunderbare Weise ergänzen lernen. Es gibt schon ein erwachendes Bewusstsein in der Welt, auch wenn einige pessimistische Stimmen das anders sehen. Doch ich bin nun mal ein unverbesserlicher Optimist. Ich glaube an die Worte, die einst vor unendlich langer Zeit Vater Krähe zu mir sprach: Eines Tages, nach einer Zeit grossen Leidens, werden die Allessehenden- die Animal Rider wieder aufsteigen und man wird ihrem Volk die Ehre erweisen. Das passiert bereits. Darum ist es nun auch an der Zeit alle vom Geschlecht der Animal Rider zusammen zu rufen, damit sie zu Lehrern für das Menschenvolk werden...“

Als Wandernder Bär das sagte, schien er weit entrück, wie in einem Traum gefangen. „Und du..,“ fragte Nathalie leise „glaubst also wirklich das ich zu diesen Allessehenden gehöre?“ Der Angesprochene erwachte aus seinen Träumereien und blickte das Mädchen nun ernst an. „Ich glaube es nicht nur, ich weiss es.“ „Aber woher nimmst du diese Sicherheit? Ich bin doch eigentlich ein ganz normales Mädchen. Ich habe keine besonderen Begabungen und Fähigkeiten.“ „Du hast sehr wohl grosse Fähigkeiten, aber sie liegen im Augenblick grösstenteils noch brach. Darum ist es sehr schön, dass du mit mir kommen willst. Ich werde dich in sehr Vieles einweihen und dir Dinge zeigen, die du dir nicht vorstellen kannst.“ „Warum vertraue ich dir eigentlich? Ich kenne dich ja kaum.“ „Oh doch, Cunksi (Tocher). Du kennst mich wohl, seit tausenden von Jahren.“ „Aber das könnte mir ja jeder erzählen.“ „Du spürst, dass es wahr ist, darum vertraust du mir.“
Nun gut, mag sein...,“ wich das Mädchen aus. „ich komme jedenfalls nach Amerika. Soll ich gleich für uns beide einen Flug buchen?“ „Mach dir um mich keine Sorgen, ich reise auf meine Weise. Ich habe dir hier einen Zettel, der dir die Reiseroute beschreibt. Am besten du fliegst nach New York und dann mit einer Innlandmaschine nach South Dakota. Ich werde dich dann im richtigen Moment wieder treffen.Vertrau mir und vertraue vor allem auch dir selbst! Bis bald!“ Mit diesen Worten verschwand der alte Indianer wieder dort wo er hergekommen war. Nathalie stand einen Moment lang etwas ratlos da und schalt sich selbst eine Verrückte, weil sie sich einfach so auf dieses Abenteuer einliess...

5. Kapitel

Nathalie hatte erstaunliches Glück. Sie erwischte gerade noch ein Last Minute Angebot. Natürlich musste sie auch noch ihre Eltern von ihrer kurzfristigen Reise überzeugen, denn diese waren immer sehr besorgt um ihre einzige Tochter. Doch der grosse Geist schien ihr gut gesinnt, ihre Eltern willigten ohne viel Aufheben ein.

Das Mädchen wurde nun immer aufgeregter und packte sogleich alles zusammen, was sie brauchte. Der Indianer hatte ihr geraten genug warme Kleider mitzunehmen, denn es konnte dort wo er lebte, recht kalt werden. Nathalie packte also mehrere dicke Pullis und wollene Strumpfhosen ein. Doch auch für schöneres, wärmeres Wetter war sie gerüstet.

 

Ein Tag, nachdem sie mit ihrem Lehrer Wandernder Bär gesprochen hatte, flog sie los.

Sie war sehr aufgeregt und gespannt was sie erwartete.

Es war für sie nich das erste mal, dass die flog, aber sie war bisher noch nie so weit gereist. Der Flug dauerte insgesamt acht Stunden. Es kam ihr doch sehr lange vor. Doch dann endlich entdeckte sie unter sich die Vereinigten Staaten. Sie kam in der Nacht an, wegen der Zeitverschiebung. Deshalb sah sie nicht sehr viel von dem fremden Kontinent unter sich. Es gab nur hellere und dunklere Flecken, einige mit Lichtern beleuchtet, einige nachtschwarz. Den Notizen, die ihr Wandernder Bär gegeben hatte nach zu urteilen, lag ihr Ziel im Staate South Dakota. Dieser befand sich in den Great Plains (den grossen Ebenen), die einst von den nomadisierenden Stämmen der Sioux bewohnt worden waren. Damals gab es noch etwa eine viertel Million Lakota, doch um 1900 herum nur noch etwa 100 000. Wandernde Bär lebte scheinbar nicht sehr fern der Black Hills, einer Gebirgskette inmitten weiter Prärie. Diese Gegend war Schauplatz der Schlacht am Little Big Horn und des Massakers von Wounded Knee, wo die Weissen einst am 29. Sept. 1890, 300 wehrlose Indianer abgeschlachtet hatten, gewesen. Eine heute für Touristen sehr beliebte Gegend, wie Nathalie durch einen Reiseführer erfuhr, den sie noch schnell gekauft hatte. Sogar ein Dictionnaire über die Lakota Sprache hatte sie dabei. Man wusste ja nie...

Sie wollte in einem preisgünstigen Motel in New York übernachten und dann am nächsten Tag den Innlandflug nach Rapid City, einer der grösseren Städte von South Dakota antreten. Dort würde sie ihr neuer- alter Lehrer wieder in richtigen Moment treffen. Nun mal sehen, wann dieser Moment war...

Sie wusste dass es in jener Rapid City viele Motels gab. Wandernder Bär hatte ihr sogar noch den Namen eines Motels aufgeschrieben, das scheinbar leicht zu finden war. Zum Glück konnte Nathalie Englisch, so musste sie wenigstens keine Verständigungsprobleme fürchten.

So vebrachte Nathalie also ihre erste Nacht im Big Apple(New York) von Amerika, der stets pulsierenden, niemals schlafenden Stadt. Fasziniert blickte sie aus dem Fenster ihres einfachen Motels auf ein gewaltiges Hochhaus mit etwas 40 Stockwerken. Die vielen tausend Lichter schienen trüb durch den Regen hindurch, der vom Himmel fiel. Das Wetter hier war kaum besser als daheim, nur dass es gerade nicht schneite. Nathalie bedauerte eigentlich etwas, dass sie diese weltberümte Stadt nicht näher besichtigen konnte, doch sie freute sich auch sehr mal die Great Plains zu sehen, wo die von ihr stets so bewunderten Indianer lebten.

Eine wunderbare Wärme zog in ihr Herz ein, wenn sie daran dachte, dass auch in ihr das Blut dieses Volkes floss. Sie wusste etwas Besonderes erwartete sie dort, im Lande ihrer Vorfahren. Etwas das ihr Leben nachhaltig beeinflussen würde. Manchmal spürte sie deswegen auch eine Furcht in sich aufsteigen. War sie wohl schon bereit für das, was sie erfahren würde? Was würde sie übehaupt alles erfahren? „Wenn ich nun tatsächlich eine Animal riderin wäre?“ fragte sie sich. „Was wird dann aus mir und meinem bisherigen Leben? Was für Prüfungen erwarten mich noch?“ Sie legten sich auf das Bett mit der alten, durchhängenden Matratze und starrte hinauf zur weissverputzten Decke...

Vor ihr tauchte das Bild einer endlos weiten Ebene mit ausgetrocknetem Gras und einigen niedrigen Büschen auf. Sie sah sich selbst mit wehendem Haar auf einem schwarzen Pferd, über diese Steppe reiten. In ihren Händen trug sie das Kalumet: Zeichen des Friedens zwischen aller lebenden Kreatur... Mit diesem Bild vor Augen schlief sie ein...

Tags darauf bezahlte sie das Hotel, ass ihr Frühstück und begab sich dann wieder zum nahe gelegenen Flugplatz John F. Kennedy. Von dort aus nahm sie die bereist gebuchte Innlandmaschine, die sie weit ins Landesinnere nach South Dakota brachte. Sie überquerte den Osten der USA, der immer trockener wurde, je mehr man sich Richtung Westen bewegte. Bald erschienen dann unter ihr die sogenannten Badlands, rotbraune bizarre Gesteinsformationen, die einst durch die Erosion geschaffen worden waren. Hier gab es heute sogar einen Nationlapark. Die endlose, vom Wind zerzauste Steppe, die von einigen Flüssen durchzogen war, wurde auf der westlichen Seite von den Rocky Mountains flankiert. Nathalie wusste aus dem Reiseführer, dass in den Plains in erster Linie Mais und Weizen angepflanzt wurde. Einst war in diesem Land, vornehmlich in der Gegend um die Black Hills, die traditonell ein heiliges Gebiet der Indianer waren, der Goldrausch ausgebrochen. Heute wurde hier vorwiegend nach Quarzen und Mineralien gegraben. Im nahen Custer State Park einem Nationalparkt, lebten die weltweit grössten Büffelherden. Nathalie hoffte sie würde noch Zeit finden gewisse Dinge anzuschauen, doch das hing von ihrem Lehrer ab. Vielleicht wollte er ihr andere Dinge zeigen. Ihr Herz klopfte auf einmal einige Takte schneller. Wieder glaubte sie etwas ganz Besonderes liege vor ihr. Würde sie hier die Erkenntnis finden, die sie von ihrer Herkunft überzeugte. Wenn nicht hier, wo dann?

Der Flugplatz auf dem sie schliesslich landete war nicht sehr gross, gegenüber jenem in New York. Sie stieg etwas zögernd aus und blickte sich um. So weit das Auge reichte,  erstreckten sich trockene Ebenen. Dieses Land wirkte so endlos und weit. Da bot die Stadt Rapid City mit ihren vielen Motels und Einkaufszentren, doch eine gewisse Geborgenheit. „Schon selsam,“ dachte das Mädchen bei sich. „Eigentlich sollte es mich ja hinaus in die Steppe ziehen, da ich ja eine halbe Indianerin bin. Doch ich fürchte mich vor dieser unbekannten Weite. Und ich soll eine Animal Riderin sein?“

Erstmal aber sehnte sie sich nach einer Mütze Schlaf, die Zeitverschiebung setzte ihr zu. Es galt nun auf Wandernder Bär zu warten, der sie hier abholen wollte.

Das Motel war erneut ziemlich einfach eingerichtet. Doch das störte das Mädchen nicht. Sie war einfach glücklich in der Heimat ihrer indianischen Vorfahren zu sein. Wie Wandernder Bär gesagt hatte, war es hier ziemlich kühl, ein kalter Wind blies. Zum Glück war Nathalie aber ausgerüstet. Sie ass etwas Kleines im Mc Donald, der in der Nähe lag und schlüpfte dann mit dicken Bettsocken unter die Decke ihres Motelbettes. Sofort schlief sie ein.

Am nächsten Tag, war noch immer nichts von Wandernder Bär zu sehen. So entschied sich Nathalie etwas die Stadt zu besichtigen, von der sie eine Karte gekauft hatte. Hier sah sie schon einige Indianer auf den Strassen herumgehen. Sie besassen rundliche Wangenknochen und ihre schwarzen Augen leuchteten wie dunkle Edelsteine aus den bronzebraunen Gesichtern. Viele von ihnen, waren eher etwas übergewichtig, das hatte wohl mit der Fast Food Kost zu tun.

Nathalie dachte an den fettigen Hamburger, den sie am Mittag verdrückt hatte und ermahnte sich selbst, dass diese Kost ihrer Linie auf Dauer gar nicht zuträglich sein würde.

Als das Mädchen am späten Nachmittag wieder zurück in ihre Pension kam, erwartete sie dort eine Überraschung: Wandernder Bär begrüsste sie. Sie hatte das Fenster, vielleicht einem innern Impuls folgend, etwas offen gelassen. Scheinbar hatte der Schamane so erneut einen Weg gefunden in ihr Zimmer zu gelangen. Das konnte schon unheimlich sein, wenn einer keine guten Absichten hegte.

Sie begrüsste den alten Indianer, diesmal keineswegs überrascht und er fragte: „Hattest du eine schöne Reise?“ „Ja und du?“ „Oh ich auch!“ Ich hatte noch etwas zu erledigen, darum bin ich erst jetzt hier.“ „Ich habe etwas die Stadt erkundet.“ „Ja, es gibt in dieser Gegend viel Interessantes zu sehen. Vielleicht finden wir noch die Zeit eine Touristen- Tour zu machen.“ Dabei lächelte er verschmitzt. Dann meinte er: „ Jedenfalls solltest du erstmal deine Sachen zusammen packen, wir fahren an einen etwas schöneren Ort.“

„Wohin?“ „Zu meinem Sohn „Schwarzes Pferd“. Er lebt auf einer Farm. Dort ist er der Vorarbeiter eines weissen Mannes.“ „Ein Vorarbeiter?“ fragte Nathalie, während sie ihre Kleider in ihrem grossen Rucksack verstaute „Dann muss er es aber recht gut haben. Man hört immer wieder, dass es die Indianer oft sehr schwer haben eine Arbeit zu finden und die meisten in Reservationen leben.“ „Das stimmt auch zum grossen Teil,“ erwiderte Wandernder Bär nachdenklich. „Ich selbst lebe in der Pine Ridge Reservation hier in der Nähe. Es ist keine sehr angenehmer Platz. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 80%. Viele meiner Brüder und Schwester haben nicht mal Strohm. Allerdings versuchen wir immer unser Leben zu verbessern. Wir haben schon ein paar Dinge geschafft, doch wir müssen uns immer alles sehr erkämpfen. Wir kommen nicht darum herum, uns immer mehr der modernen Zeit anzupassen, wenn möglich eine Ausbildung zu machen etc. Es gibt Brüder, die es geschafft haben und jetzt wichtige Männer sind, die auch schon etwas bewegten. Leider liegen sich auch die Indianer selbst immer wieder in den Haaren. Es gibt jene die sich an die alten Traditionen klammern und andere, die modern eingestellt sind und sich mehr anpassen wollen. Wir müssen zusammen irgendwann einen Weg finden, sonst wird es nie besser für unser Volk.“ „Zu welcher Gruppe zählst du dich Grossvater: Zu den Traditionisten oder zu den Modernen?“ Wandernder Bär seufzte:

„ Natürlich liegt mir sehr viel an den alten Traditionen, dennoch ist alles stets einem Wandel unterworfen. Es wird nie mehr so werden, wie es einst war. Wir müssen uns dennoch Gehör verschaffen. Aber nicht mit Krieg, sondern mit friedlichem, zeitgemässem Widerstand. Es soll nie mehr so etwas passieren, wie damals in den Siebzigern, mit der Besetzung von Wounded Knee, als mehrer Leute ums Leben kamen“...

Die Stimme des Indianers klang wie aus weiter Ferne, als er das sagte. Dann aber, schien er wie aus einem Traum zu erwachen und sah Nathalie direkt in die Augen: „Doch ich will dir nicht zuviel von diesen traurigen Dingen erzählen, du wirst noch früh genug sehen, wie wir leben. Jedenfalls wird es dir bei meinem Sohn gefallen. Er hat es gut auf der Ranch. Sein Arbeitgeber ist ein gütiger Mann, der keinen Unterschied zwischen den Hautfarben macht. Schwarzes Pferd macht seine Arbeit auch sehr gut. Er kann aussergewöhlich gut mit Pferden umgehen, weshalb er auch so von uns genannt wird.“ „Ist er... auch ein Animal Rider?“ „Auf seine Weise ja, allerdings kann er sich nicht in ein Tier verwandeln wie z.B. ich es kann.“ „Ich sollte es aber können?“ fragte Nathalie zweifelnd. „Wenn du bereit dazu bist... ja. Du trägst das Zeichen der Animal Rider.“ „Was denn für ein Zeichen?“ „Ein Zeichen, das nur die Tiere wahrnehmen können, ein uraltes Zeichen... ich sah es auch noch nie. Doch ich weiss dass du es trägst, mein Sohn jedoch nicht...“

„Der Hirsch, den ich einst im Tierpark kennenlernte, sagte auch etwas von einem Zeichen, dass er an mir wahrnehme“, erwiderte Nathalie, während sie ihren Rucksack anlegte und mit dem Indianer das Zimmer verliess. „Aber es ist mir erst einmal gelungen mit einem Tier Zwiesprache zu halten. Als ich es wiedermal versuchte, gelang es mir nicht mehr.“ Nathalie lachte auf einmal auf: „Dafür habe ich mit einem Bach geredet. Verrückt nicht?“ „Keineswegst,“ meinte ihr Mentor ernst. „All das gehört zu den Fähigkeiten eines Animal Riders.“ Aber warum kann ich keine solchen Dialoge führen, wenn ich will?“ „Weil dein Verstand dir vermutlich immer wieder dreinfunkt. Du glaubst nicht daran, dass du wirklich mit den Tieren und der Natur sprechen kannst, auch wenn du fühlst, dass da was ist. Darum gelingt es dir auch nicht ihre Stimmen zu vernehmen. Du blockierst dich selbst. Wenn du allerdings ganz spontan und unvoreingenommen bist, dann öffnet sich ein Kanal, der die Verbindung zu allem Leben schafft. Es ist eine Gabe, die viele Menschen haben, die im  Zeichen des Wolfes geboren wurden.“ „Im Zeichen des Wolfes? Was meinst du damit?“ „Dein Geburtstotem ist der Wolf, das lässt sich vom Datum deiner Geburt ableiten. Viele Schamanen haben Wolfskraft. Das ist ein weiterer Unterschied zwischen Indianer und Weissen. Bei den Weissen gilt die Wolfkraft oft wenig, doch bei uns ist sie besonders heilig. Sie beinhaltet die Intuition, die Heilkraft, Mitgefühl, Hingabe... Alles Eigenschaften die wir als sehr wichtig erachten. Nicht umsonst werden Wölfe in der indianischen Kultur so oft abgebildet. Der Wolf ist besonders verbunden mit der Mondkraft- der Welt der Gefühle und der Mütterlichkeit. Man muss nur mal beobachten wie Wölfe in ihrem Rudeln leben. Sie sind sehr sozial und zeigen sehr viel Liebe, wenn sie nich gerade vollkommen ausgehungert sind. Jedenfalls kannst du stolz auf deine Wolfskraft sein Cunksi (Tochter).“

Nathalie war tief berührt von diesen Worten. Denn sie hatte schon viele Male erlebt, dass man ihre Gefühle und Wahrnehmungen nicht sehr erst genommen hatte. Sie war seit jeher eine Träumerin gewesen, jemand, der alles auf einer viel tieferen Ebene wahrnahm als andere Menschen und sie war meist untrüglich in ihren intuitiven Wahrnehmungen. Doch das war sie nur, wenn sie sich wirklich fliessen lassen konnte, wenn sie nicht gerade von starken Emotionen geschüttelt wurde, oder an ihren Fähigkeiten zweifelte. Sie hatte schon oft das Gefühl gehabt, irgendwie nicht in diese Welt zu gehören. Vielleicht fühlte sie sich auch deshalb so mit den Indianern verbunden, weil in dieser Kultur andere Massstäbe galten. Schon jetzt merkte sie, wie anders die Welt der  Indianer war. Das machte sie sehr glücklich und gab ihr neue Zuversicht.

So folgte sie wohlgemut ihrem Lehrer, der sie zu einem ziemlich alten, braunen Lieferwagen führte. „Steig ein!“ forderte er sie auf, während er ihr den Rucksack abnahm und im hintern Teil des Gefährts verstaute. Einen Augenblick lang dachte das Mädchen noch, was für ein grosse Vertrauen sie eigentlich zu diesem Mann hatte. Doch sie spürte ganz tief im Innern, dass sie ihn schon lange kannte.

Wandernder Bär setzte sich nun auf den Fahresitz, der unter seinem Gewicht leise quitschte, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und legte den ersten Gang ein. Das Mädchen betrachtete dabei die alten, zerkratzten Amaturen, die nur noch zum Teil funktionierten und den riesigen Schalthebel, der zwischen den beiden Vordersitzen in die Höhe ragte. Das Polster war schwarz und etwas zerschliessen. Würde dieses Gefährt sich überhaupt von der Stelle bewegen?...

Es bewegte sich von der Stelle, wenn auch Anfangs etwas ruckelig. Doch das war schnell vorbei und sie fuhren auf dem nächsten High Way hinaus aus der Stadt...

In der Nähe der Stadt Oral, die am Cheyenne River lag, bog Wandernder Bär in eine Seitenstrasse ein, die zu einem wunderschönen, aus hellem Holz gefertigten Hof führte, der von mehreren riesigen Koppeln und einigen kleineren Häusern umgeben war. Es gab auch eine riesig Scheune, die das Hauptgebäude um Längen überragte und einen Stall, aus dem Rinderrufe erklangen.

Der Schamane brachte Nathalie zu einem der nahegelegenen Nebengebäude, die alle auf den ersten Blick eine Kleinausgabe des Hofes zu sein schienen. Das Gebäude aber, zu dem Wandernder Bär Nathalie führte, hob sich doch etwas von den andern ab, was man allerdings erst beim Näherkommen erkannte. Es war verziert mit verschiedensten Malereien, wie man sie von indianischen Tipis her kannte. Ausserdem war der Rand des Daches mit einem rotschwarzen Zickzack Muster geschmückt und an den Fenstern befanden sich bunt gewobene Gardienen. Ein Büffelschädel prangte wie ein Schutzgeist über der Eingangstür und rechts und links von selbiger hingen Schilde mit verschiedensten Motiven von Tieren etc. bemalt und unterschiedlichen Materialien wie Pferdehaar, Federn usw. bestückt.“ „Dies sind sogenannte Medizinschilde,“ erklärte Wandernder Bär. „Sie sagen sehr viel über die Persönlichkeit der hier lebenden Leute aus.

Auch du wirst dir einst so einen Medizinschild anfertigen. Ich zeige dir dann, was es dazu braucht. Fürs Erste dies: „Es sollte unser aller Ziel sein, einen ausgewogenen Medizinschild zu haben. Das heisst, auch alle Elemente und Aspekte des Lebens in sich zu integrieren und Frieden mit ihnen zu schliessen. Das Pferd- Sunkawakan in unserer Sprache, ist für uns der Lehrer des ausgewogenen Medizinschilds. Es gibt eine Geschichte dazu, die ich dir bald erzählen werde. Das ist mit ein Grund, warum ich dich hierherbringe. Unsere Geschwister die Pferde, können dir helfen, einen ausgewogenen Medizinschild zu erhalten. Du wirst darum eine Weile mit ihnen arbeiten.“ „Oh das ist toll!“ rief Nathalie aus. „Ich liebe Pferde und bin auch schon mal geritten.“ „Das kann dir nur dienlich sein bei deiner Suche Cunksi,“ lächelte der Schamane „denn ein ausgewogener Medizinschild ist besonders für dich als Animal Riderin wichtig. Ohne ihn, kannst du deinen Weg nicht gehen.“ „Meinst du denn, dass ich das überhaupt schaffen werde?“ fragte Nathalie ziemlich unsicher geworden. „Ja, ich bin ganz sicher, dass du es schaffen wirst. Ich kenne doch meine Suna.“ „Ich bin nicht Suna, bitte denk daran!“ „Du wirst immer Suna bleiben, genau wie du immer Nathalie bleiben wirst, denn diese beiden sind Eins. Denk du daran Cunksi!

So nun gehen wir aber rein! Mein Sohn und seine Tochter „Weisse Feder“ werden sich freuen...“ „Dein Sohn hat eine Tochter?“ „Ja, von ihr ist der Medizinschild rechts neben der Tür mit der weissen Feder, daher ihr Name. Sie fand einst diese Feder, an einem See. Wir vermuten, dass sie von einem der Frühlingsbringer- dem Schwan stammt. Weisse Feder, bei den Weissen nennt man sie Ellie Blackhorse, ist sehr klug. Sie geht auf eine Schule der Weissen. Sie wird mal weit herumkommen, das zeigt die Feder des Zugvogels. Darum nennen wir sie so.“ „Wie alt ist sie denn?“ „Sie ist jetzt zwölf Jahre alt. Mein Sohn wurde mit 18 Vater. Er war mit einer Indianerin namens „Windblume“ zusammen. Leider starb sie vor kurzem an einer Krankheit...“ Ein Schatten legte sich über das Gesicht des Mentors als er das sagte. „Das tut mir leid. Wie kommt „Schwarzes Pferd“ damit klar?“ „Natürlich hat er es nicht leicht. Eine Weile lang fürchtete ich gar, er würde an seinem Kummer sterben, doch jetzt hat er sich wieder gut gefangen. Seine Tochter und auch seine Arbeit hier gibt ihm Kraft.“ „Wie alt ist er?“ „Er wurde am 10. Okt. diesen Jahres dreissig. Du wirst ihn bestimmt mögen. Komm!“

Nathalie folgte dem Schamanen zum Eingang des Hauses. Noch einmal warf sie einen kurzen Blick auf die Medizinschilde und registrierte die weisse Feder, von der Wandernder Bär gespochen hatte. Der Schild von Schwarzes Pferde, war mit einem Büschel schwarzen Pferdehaars geschmückt...

Auf einmal ging die Türe auf und ein hochgewachsener, schlanker Mann trat mit einem Mädchen in die gerade aufleuchtenden Abendsonne hinaus. Sofort fühlte sich Nathalie den zweien verbunden. Sie waren beide sehr hübsch. Das Mädchen hatte ihr nachtschwarzes, glänzendes Haar zu zwei Zöpfen geflochten und ein sehr schönes Perlen- Stirnband, schmückte ihr Haupt. Sie trug ein edles Hirschledergewandt, mit weiten Ärmeln, einem mit Perlen bestickten Brustteil und langen Fransen am Saum. Ihre Wangenknochen waren ziemlich rundlich im Gegensatz zu jenen des Mannes, der ein eher schmales Gesicht besass. Dieser hatte ein Teil seines glänzenden Haars ebenfalls zu Zöpfen geflochten und eine handgefertigte Perlenrosette mit einer Adlerfeder steckte  an seinem Hinterkopf. Er trug eine Hirschlederhose, seitlich mit Fransen verziert und ein dazupassendes Hemd ebenfalls mit Fransen und türkisblauen Perlenbändern über Schultern und Rücken. Seine Nase war kühn geschwungen, doch seine dunklen Augen besassen einen warmen Ausdruck. Auch sein Mund gefiel dem Mädchen. Er war voll und wirkte sinnlich. Auf einmal wurde sie verlegen. So stellte sie sich einen Indianer ihrer Träume vor. Irgendwie zog sie dieser Mann an. Sie wusste nicht, ob er der Reiz des Unbekannten war, oder sonst etwas. Jedenfalls besass Schwarzes Pferd zugleich eine stolze und doch sehr verbindliche Ausstrahlung. So ging er auch sogleich lächelnd auf sie zu und entblösste dabei seine schneeweissen Zähne, die durch seinen kupfernen Teint noch mehr zur Geltung kamen. Er schüttelte ihr warm die Hand und legte die andere dabei auf ihre Schulter. „Hokahe han maské!“ sprach er in der Sprache der Lakota und übesetzte es gleich ins Englische: „Das heisst: Willkommen Freundin!“ Nathalie war sehr berührt, von der Freundlichkeit und dem einnehmenden Wesen dieses Mannes. Intuitiv erfasste sie, dass der Ausdruck Freundin nicht einfach nur so dahin gesagt wurde. Der Indianer musste sich ebenfalls besonders mit ihr verbunden fühlen, vermutlich wegen ihres Indianerblutes und wohl auch, wegen ihrer scheinbar edlen Abstammung von den Animal ridern. Weisse Feder war ebenfalls ein sehr nettes Mädchen. Sie reichte Nathalie  die Hand und sprach : „Hokahé!“ Dann fügte sie in gebrochenem Englisch hinzu: „Es ist schön dich zu treffen.“ „Ganz meinerseits,“ gab Nathalie in Englisch zurück. Sie überlegte einen Moment und sprach dann zögernd: „Hau han... mis...“ dann kam sie ins Stocken. „Mis éya!“ ergänzte der Sohn ihres Mentor lachend. „Das heisst : Gleichfalls. Nathalie lachte befreit auf und meinte auf Englisch: „Ich kann noch nicht so gut Lakota, aber ich bin am Lernen.“ „Das kommt schon noch. Nun komm aber rein- Tima hiyu wo we pope!“ Das liess sich das Mädchen nicht zweimal sagen und folgte ihren Gastgebern ins Haus. Es musste eine grosse Ehre sein, wenn man auf diese Weise eingeladen wurde. „Mein Sohn und meine Enkelin freuen sich sehr dich kennenzulernen,“ flüsterte ihr Wandernder Bär zu. „Sie wissen, dass du eine Nachfahrin der Allessehende bist, das ist eine grosse Ehre auch für sie. Darum haben sie auch extra ihre Festgewänder angezogen. Er zwinkerte ihr zu: „Ich glaube... du gefällst meinem Sohn.“ Nathalie wurde bei diesen Worten sehr verlegen und auf einmal tauchte vor ihr das Gesicht Marc's auf. Sie scheuchte es aber wie eine lästige Fliege wieder weg, denn sie nahm es Marc ziemlich übel, dass er sich nie mehr gemeldet hatte. Das mit ihm wurde wohl doch nichts... Oh nein! Sie war noch vogelfrei und musste sich keineswegs schämen, wenn sie sich einen andern Mann zugetan fühlte. Das war bei Schwarzes Pferd der Fall und ihre Intuition sagte ihr, dass auch er sich ihr tatsächlich zugetan fühlte... Das würde in den kommenden Tagen noch mehr zum Ausdruck kommen, denn Schwarzes Pferd würde sie einiges über  das Einssein allen Lebens lehren. Er war als Rabe- Geborener (indianisches Sternzeichen für Waage) im Element Luft zu Hause und das Element Luft war es, mit dem sich Nathalie zuerst befassen musste. Warum ausgerechnet mit diesem Element... das würde sich noch herausstellen...

...Wieder sah sie vor sich das Bild, das sie im Motel vor ihrem geistigen Auge gesehen hatte: „Es war ein schwarzes Pferd, das sie auf dem Rücken trug und sie auf einen unbekannten Horizont zureiten liess...