Dieses Bild stammt von Josephine Wall und zeigt einen Medizinmann in Verbindung mit seinen Totems und seinen Visionen. Das ist sehr passend zu meiner Geschichte Animalrider, die ich nun für Euch hier anfange hochzuladen.

Inhalt Animalrider:

Animalspirit (Quelle unbekannt)

Vor unendlich langer Zeit, noch vor der grossen Flut, welche die Erde neu formte, lebten Tiere und Menschen, als gleichwertige Wesen nebeneinander. Die Tiere waren die Alten, welche den „jungen“ Menschen, den Sternkindern, alles über das Leben beibrachten. Einige dieser Menschen, waren ganz besonders begabt. Sie konnten sich in jegliches Tier verwandeln, in das sie wollten und jeder von diesen Allessehenden-  den Animalridern, wurde von einem ganz besonders weisen Tiermentor unterwiesen.

Die junge Schweizerin Nathalie staunt nicht schlecht, als eines Tages ein alter Indianer, in ihrer Wohnung steht und sich ihr als ihr einstiger Meister vorstellt, den sie schon seit Anbeginn ihres Daseins, durch viele vergangene Leben hindurch, kennt. Er eröffnet ihr, dass sie zu den Allessehenden/ den Animalridern gehört und es ihre Berufung ist, diese Eigenschaften in diesem Leben, neu zu entdecken. Nathalie glaubt zuerst nicht an das, was ihr da offenbart wird. Doch ihr Mentor- Wandernder Bär, nimmt sie mit auf eine einzigartige Reise, auf der sie immer mehr mit ihrem Inneren in Berührung kommt und das was sie lernt, manifestiert sich schliesslich mehr und mehr auch im äusseren Leben.

Zur selben Zeit, wird auch der junge Marc von seinem einstigen Mentor Snakeman besucht und auch dieser berichtet ihm, von der einstigen Vergangenheit, als Animalrider. Marc und Nathalie, welche sich schon kennen, deren Wege sich jedoch immer wieder, durch traurige Umstände trennten, erfahren, dass sie seit ewiger Zeit Seelenverwandte und Liebende sind.Wird das Leben sie vielleicht nochmals auf diese Weise zusammenführen, oder trennen sich ihre Pfade?

Noch ist sowieso ein langer Weg zu gehen, bis sie ihre wahre Berufung finden und damit auch ihren Platz im ewigen Kreislauf des Universums, einnehmen können. Viele innere wie äussere Helfer, begleiten die beiden dabei. Nathalie und Marc machen sich auf, zu ihrem ganz eigenen Visionquest (Visionssuche), vor dem farbenprächtigen Hintergrund, der Mythologie der Indianer Nordamerikas.

 

Animalrider Geschichte

1. Kapitel             

(Es gibt kursiv und normal geschriebene Textteile. Die normal geschriebenen, spielen in der heutigen Zeit, die kursiv geschriebenen, sind Tagebucheintragungen, vor endlos langer Zeit, wo die Tiere noch viel mehr konnten und Lehrmeister der Menschen waren)                                     

Man nennt mich Mato- den Bär. Als Iktome- die Spinne einst ihr Schicksalsnetz wob, schuf sie das allererste Alphabet. Von diesem Alphabet mache ich hier nun Gebrauch, um alles niederzuschreiben, von der Vergangenheit und der Gegenwart…

Gewaltige Umwälzungen suchen unsere Welt heim. Der grosse Geist lässt seit Wochen über uns regnen. Die Strafe für all unsere Verfehlungen, steht unmittelbar vor unseren Türen. Darum will ich hier über all die Geheimnisse meiner Welt berichten, vielleicht findet jemand einst dieses Schriftstück und erinnert sich an die Zeiten, als Menschen und Tiere noch Freunde waren.

Agleska- die Eidechse, die die Zukunft träumt, sagte mir, dass die Zeit der Tiere bald vorbei sein wird. Etwas wird mit uns passieren, etwas wird sich verändern... und nichts wird mehr sein, wie es einst war. Die zweibeinigen Kinder, die von den Sternen kamen, werden uns ablösen.

Was wird uns nach der grossen Flut erwarten? Werden wir noch dieselben sein? Wird es uns überhaupt noch geben? Ich fürchte mich vor der Zukunft, niemals bisher habe ich solche Furcht empfunden. Darum muss ich die Gelegenheit nutzen zu berichten, was sich alles in unserer Welt zuträgt, damit es nicht für ewig verloren gehen möge.

Natürlich haben wir Vorkehrungen getroffen für die grosse Flut. Wir bauen Boote und legen darin Vorräte für lange Zeit an.

Die wenigen Sternenkinder müssen gerettet werden. Die Zukunft... sie liegt in ihren Händen.Wir sind nicht so wichtig, auch wenn das einige Tiere anders sehen. Sie mögen die Sternenkinder nicht, sie sahen in ihnen schon von Anbeginn einen Feind. Tatsächlich bestätigten ihre Befürchtungen sich teilweise, denn es gibt tatsächlich schon Zweibeiner, die sich über uns Tiere erheben wollten. Doch gibt es auch die Getreuen, die stets unsere Freund geblieben sind.

Immerhin waren wir es, die ihnen beibrachten wie man in der Wildnis überlebt, welche Früche von Mutter Erde man essen kann. Es gab sogar Tiere, die sich ihnen als Nahrung darboten, damit sie nicht des Hungers oder der Kälte wegen sterben mussten. Schwester Antilope- Tatokala z.B. Sie bot den Sternkindern an, dass sie sie in der Not töten, ihr Fleisch essen und ihr Fell als Kleidung verwenden dürfen. Sie sah das als Dienst und als Teil ihrer Weiterentwicklung. Möge der Grosse Geist ihr ihre Güte lohnen!

Leider gibt es unter den Zweibeinern mitlerweile auch solche, die mehr töten als sie eigentlich zum Leben bräuchten,die es lieben, sich mit besonders vielen Fellen zu schmücken, welche nur noch Fleisch essen wollen, auch wenn die Grosse Mutter doch so viel mehr an Nahrung zu bieten hätte. Ich finde z.B. frischen Honig besonders köstlich... doch davon will ich hier nicht zuviel berichten. Es geht um Wichtigeres. 

Eine kleine Gruppe von den Sternenkindern sind für uns besonders wertvoll. Man nennt sie „Die Allessehenden“. Sie sind Wanderer, die sich ganz natürlich zwischen der Welt der Tiere und der ihren bewegen können. Ihnen gehört alle Weisheit, über Leben und Tod. Auf sie setze ich meine grosse Hoffnung.

 Einer der Allessehenden steht meinem Herzen besonders nahe. Sie war meine fleissigste Schülerin und wie eine Tochter für mich. Ihr Name ist Sunkmanitutanka- die Wölfin.

Sie lebt bei der Sippe meiner Freunde, den Wölfen. Einst fanden sie sie nackt und einsam in der Weite der Steppe. Sie brachten dem Mädchen alles bei, was sie wussten und gaben sie dann in meine Obhut, damit ich ihr auch mein Wissen weitegeben konnte. Sie hat sich wunderbar entwickelt. Sie fand sogar einen jungen Mann, den sie von Herzen liebt. Wir nennen ihn „Kangi- den Raben“ denn er weiss um die tiefe Magie des Daseins. Er lernte vom Clan der Raben Einblick in das „Grosse Geheimnis“ zu erhalten. Er hat die Kraft des Heilens. Auch er, ist für mich wie ein Sohn. Die beiden sind ein schönes Paar, mit Augen wie Regenbogenobsidian und langem, gewellte Haar das an glänzende Kohle erinnert. Sie sind beide von kräftiger eher sehniger Statur. Sie erreichten bereits den höchsten Grad ihrer Ausbildung, können sie sich nun in jegliches Tier verwandeln, das auf Erden wandelt.

Schwester Eidechse offenbarte mir, dass man sie einst „Animal Rider“ nennen wird, was auch immer das bedeuten mag.

Es war ein regnerischer, kühler Tag in der ostschweizerischen Stadt St.Gallen. Die Wolken hingen tief zwischen den Hügeln und verliehen allem ein tristes, graues Aussehen. Doch davon merkte Nathalie Egghalder wenig. Sie arbeitete sowieso fast immer am Sonntag und zwar im Völkerkunde- Museum der kulturbegeisterten Stadt.

Gerade gab es eine neue Indianerausstellung, die sehr viele Gäste anzog. Die Kultur der Ureinwohner Nordamerikas, war im Augenblick sehr im Aufwind. Es gab immer mehr Workshops und Meditations Gruppen, die sich mit dem indianischen Weisheitsweg und der Lebensweise selbiger intensiv auseinandersetzten.

Nathalie war ebenfalls sehr fasziniert von allem was sich um die Indianer drehte. Immer nach Feierabend durchquerte sie deshalb nochmals die Aussellung und bewunderte die wunderschönen Federschmücke, Gewänder, Waffen, Zeremonienutensilien und anderen  Gegenstände des besagten Volkes, in aller Ruhe.

So auch heute. Die meisten Lampen hatte sie schon gelöscht, nur noch die Vitrinen waren beleuchtet.

Immer zu dieser Zeit erfüllte das 25- jährige Mädchen eine seltsame Sehnsucht, fast eine Schwermut. Sie glaubte dann auf einmal durch ein Fenster schauen zu können und die Vergangenheit zu erblicken. Meist waren diese Erlebnisse so intensiv, dass es ihr vorkam, als könnte sie die Indianer bei der Arbeit, bei der Jagd oder bei einer ihrer besonderen Zeremonien selbst erleben. Sie glaubte gar Gerüche zu riechen, Stimmen zu hören.

Meist schüttelte sie dann den Kopf, um wieder aus ihrem tranceähnlichen Zustand zu erwachen, der sie irgendwie beunruhigte. Meist schob sie ihre Erlebnisse dann auf eine zu lebhafte Phantasie ihrerseits.

Langsam, fast meditativ ging sie von Vitrine zu Vitrine. Vor einem besonders schönen mit Adlerfedern, Perlen und Lederbändern verziertem Kalumet (Friedespfeife) blieb sie stehen.

Und ...auf einmal wich der Vorhang der Gegenwart zurück! Sie sah vor sich die weite Prärie. Ein heller Lichtball erschien am Horizont und näherte sich. Nathalie sah sich selbst auf dieses Licht zugehen. Und dann erblickte sie ihn! Einen schneeweissen Büffel der aus dem Licht trat!

Nathalie taumelte zurück. Das Bild verschwand und sie sah wieder nur die Vitrine mit dem Kalumet vor sich. „Was um alles in der Welt ist mit mir los?“ sprach sie laut in das Halbdunkel des Museums hinein, als wolle sie die seltsamen Bilder verscheuchen. Sie wandte sich apprupt ab und verliess den Raum.

Pflichtbewusst wie immer, aber ihre Gedanken weit entrückt, löschte sie alle Lichter und schloss die Tür des Museums hinter sich zu.

Es war Spätherbst und der Wind blies eiskalt. Nathalie schlug den Kragen ihrer schwarzen Leder- Jacke hoch und ging schnellen Schrittes die regennasse Strasse entlang. Ihr Wagen befand sich einige Meter vom Museum entfernt. Sie bestieg den bereits ziemlich alten Renault clio, dessen weisser Lack auch schon bessere Tage gesehen hatte und fuhr los.

Sie wohnte etwas ausserhalb des Stadtzentrums in in einem alten Mehrfamilienhaus.Dieses besass schwiedeeisernen Balkone und grosse Fenster, die jeweils von ausgebleichten, grauen Läden flankiert wurden. Drei grosse Ahorn- Bäume umsäumten es und Efeu überwucherte den nördlichen Teil der Fassade.

Das Mädchen stellte ihr Auto auf den dafür vorgesehenen Platz, einige Meter vom Haus entfernt und wollte sich schnellstmöglich in die Wärme flüchten, als sie auf einmal inne hielt!

Sie glaubte ein Geräusch hinter sich zu vernehmen. War da nicht ein Schatten hinter jenen Büschen? Sie umfasste den Pfefferspray, den sie immer in der Tasche trug fester. Doch da sah sie den vermeintlichen Verursacher des Geräusches auch schon. Es war ein Marder der hinter ihr über die nächtliche Strasse huschte, oder war es womöglich ein „Wiesel“ gewesen?...

Das Wiesel kam vor ein paar Wochen in Tränen aufgelöst zu mir. Es berichtete mir dass die Flüsse im Westen über die Ufer getreten seien und die Wasserdrachen bereits viele unserer Tier- und Menschenbrüder verschlungen hätten. Die Seen in den östlichen Waldreichen, seien ebenfall stark angeschwollen und überschwemmten grosse Teile des Landes.Von den fernen Küsten hörte man wie die Meeresgeister die Fluten des grossen Wassers aufpeitschten, was ebenfalls viel Opfer forderte.

 Es waren schreckliche Nachrichten die der „Kundschafter“ brachte, doch es würde noch schlimmer werden. Bis die Flut auch unser Land überschwemmte, würde es noch etwas länger dauern, doch der Tod kam sicher, wenn auch schleichend. So berief ich den Rat der „Weisen“ (zu dem ich in aller Bescheidenheit auch gehöre) ein, um zu besprechen, was weiter zu tun sei.

Ich schickte den Falken aus, um alle Ratsmitglieder zusammen zu rufen.

Es dauerte nicht lange, bis sie einer nach dem andern eintrafen. Es gab einen Vertreter jedes Tierklans, auch ein paar der „Allessehenden“ waren anwesend. Darunter auch meine beiden liebsten Schüler: Sunkmanitutanka- und ihr Gefährte Kangi. Ich habe meine eigenen Namen für die beiden. Sie nenne ich „Suna“ und ihn nenne ich „Kai“. Mein Herz ist voller Wärme für die zwei und ich staune, wie gut sie doch zusammenpassen. Sie sehen aus wie Zwillinge und doch sind sie verschieden in ihrem Wesen. Suna ist die Gesellige, stets offen und freundlich in ihrer Art. Allerdings gewinnt man ihr Herz nicht so einfach. Sie besitzt ein gesundes Misstrauen. Wenn man aber mal ihr Vertrauen erlangt hat, ist sie die allerbeste Freundin, die man sich vorstellen kann. Sie würde für ihre Lieben durch das Feuer der Unterwelt gehen, würde gegen gefährliche Drachen kämpfen, oder sich bösen Dämonen entgegenstellen, wenn es sein müsste. Sie ist eine sehr gewandte Kämpferin. Ihr Hikory-Bogen, verstärkt mit den Sehnen von Bruder Bison und geschmückt mit dem heiligen Fell der Bisam Ratte, trägt sie stets bei sich. Die Pfeile dazu wurden aus dem Holz des heiligen Baumes Psehtin- der Esche geschnitzt, welchen man auch „Baum der Himmel und Erde verbindet“ nennt. Die Schäfte sind befidert mit Adlerschwingen. Diese Federn waren einst ein Geschenk des Ratsmitgliedes „Weiser Adler“ an Suna. Man erzählt sich, dieser sei direkt vom Himmel gekommen, um uns die geistige Erkenntnis zu vermitteln, die alles am Leben hält. „Weiser Adler“ ist uralt und sein Gefider ist schon fast weiss. Es war eine Ehre für meine Schülerin, von ihm diese Federn zu erhalten. Ihr Bogen ist deshalb auch besonders geheiligt und verfehlt kaum mal sein Ziel. Kai ist in seinem Wesen eher still und in sich gekehrt. Er birgt grosses Wissen in seinem Innern, dass er nur wenigen preis gibt. So ist er nicht immer einfach einzuschätzen. Sein ganzes Gebahren ist geprägt von einer ruhigen Besonnenheit. Seine liebste Waffe ist der Tomahawk. Auch dieser ist geschmückt mit den Federn von „Weiser Adler“, doch auch noch mit den Federn des „Präriehuhns“, welches der Wächter der „Heiligen Spirale des Aufstiegs“ ist. Dies ist ebenfalls eine besonders hohe Auszeichnung für meinen Schüler. Es zeigt an, dass er im Geiste in die höchsten Sphären der unsichtbaren Welten aufsteigen gelernt hat. Kai aber zeigt selten etwas von seinem Können. Er ist still und bescheiden, doch in ihm brennt ein Feuer, dass ich noch bei wenigen sah. Er und Suna sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Sie ergänzen sich in allen Bereichen des Lebens wunderbar und das macht ihre Beziehung aus.

 Doch habe ich wieder zu weit ausgeholt. Ich wollte doch über die Ratsitzung berichten. Alle kamen also: „Grauer Wolf“- mein besonderer Freund, der Adler, Bruder Bison, Mutter Schildkröte, die Eule, der Hirsch, Vater Krähe, Alter Kojote, Schwester Schlange, das Reh und der Rabe . Fast alle von ihnen hatten eins der Sternkinder an ihrer Seite, die bei den verschiedenen Klans aufgewachsen waren. Bei Bruder Rabe, war es eben Kai, bei „Grauer Wolf“ Suna. 

Ich war Vositzender des Rates, darum hatte ich kein besonderes Menschenkind an meiner Seite. Die meisten der verschiedenen Klans aber waren schon mal bei mir in der Lehre gewesen.

Eigentlich weiss ich noch heute nicht womit ich die Ehre des Vositzenden verdient habe... Doch kommen wir zum Wesentlichen!

Wie üblich ergriff bei den Ratsversammlungen der Vorsitzende zuerst das Wort, das war demzufolge ich (was ich eigentlich nicht sehr liebe): „Wie ihr alle wisst,“ begann ich, „hören wir Hiobsbotschaften aus allen Teilen unserer Welt. Die grosse Flut wird kommen, das hat uns „Agleska“, (dabei blickte ich zur Eidechse hinüber) prophezeit. Es wird höchste Zeit...

 Entgegen der Gebräuche, begannen nun alle durcheinander zu sprechen: „Was tun wir? Unsere Brüder und Schwestern sterben! Bauen wir Boote? Die Hälfte meines Klans ist bereits gestorben! Es muss etwas getan werden! Aber was? Meint ihr wirklich das dies die grosse Flut ist? Hat Agleska sich womöglich geirrt?“ Dies waren Fragen die ich unter anderem heraushörte. Ich griff nach dem sogennanten Sprechstab, der laut der Legende aus den Wurzeln des Weltenbaumes gefertigt war und hob ihn in die Höhe. Er verlieh dem der in trug, die Macht allein zu sprechen. Sogleich verstummten die vielen Rufe und es wurde totenstill. „Ich verstehe dass ihr alle sehr durcheinander seid Brüder und Schwestern. Doch wir wollen jedem einzelnen die Möglichkeit geben zu sprechen. Wenn ihr alle zusammen sprecht wird das nichts.“ Ich reichte den Stab weiter an „Grauer Wolf“ dessen Fell wie Kohle und Asche aussah. Auch er war sehr alt und weise. Seine Stimme klang besonnen als er sprach: „ Ich glaube nicht das Agleska sich geirrt hat. Sie irrt sich niemals. So wird  die grosse Flut kommen und unsere ganze Welt verschlingen. Es ist entsetzlich und doch kann es ein neuer Anfang für uns alle sein. Der Grosse Geist weiss was er tut. Wenn wir ehrlich sind, haben wir Tiere uns das eigentlich selbst zuzuschreiben. So viele von uns haben ihre ursprüngliche Herkunft, ihre Aufgabe vergessen. Sie stehen der Evolution im Wege, die die Sternkinder als zukünftige Wächter der Welt bestimmt hat. Nicht umsonst fiel einst das erste Sternenkind durch das Loch des entwurzelten Himmelsbaumes, hinunter auf unsere Welt. Alle Tiere einigten sich darauf diesem Sternkind und ihren Nachkommen einen guten lebenswerten Platz zu schaffen. Dies ist unsere geliebte „Mutter Erde“. Sie ist gütig und freudlich aller Kreatur gegenüber. Doch so manche von uns, leben in Feindschaft mit den Menschenkindern. Das sieht der Grosse Geist nicht gern, darum wird er diese Welt umgestalten. Es kann gut sein, dass wir dadurch unser Position als die Alten verlieren, oder nicht mehr wahrnehmen können. Doch liegt das alles bei uns. Ich finde es wichtig, dass wir uns unserer Verfehlungen bewusst werden, vielleicht wird es dann doch noch eine gemeinsame Zukunft von Menschen und Tieren geben. Darum lasst uns Boote bauen um der grossen Flut zu trozten so gut es geht...“ Er reichte den Stab weiter an die elfenbeinfarbene Schlange neben ihm, ihre Augen funkelten wie das Gold von Bernstein. Diese sprach mit zischender Stimme: „Was du da sagst Bruder Grauwolf mag in manchem stimmen. Doch, ist deine Sichtweise nicht etwas gar einseitig? Nicht nur wir sind schuldig geworden was die Sternkinder betrifft. Auch sie sind uns teilweise feindlich gesinnt. Besonder wir Schlangen haben oft darunter zu leiden. Sie verstehen unser Wesen nicht, einige zertreten uns einfach unter ihren Füssen, oder nehmen unsere Haut um ihre Waffen zu schmücken. Dafür töten sie viele von uns. So manche meines Volkes hassen sie deswegen und haben schon oft ihre Giftzähne gebraucht um sie ihrerseits zu töten. Ich heisse solche Verhaltensweisen nicht gut, habe ich doch selbst schon viele Sternkinder in meiner Obhut gehabt, die ich sehr liebe und denen ich alles anvertauen würde, sogar mein  Leben.“ Dabei blickte sie wohlwollend zu ihrem Schüler herüber, ein kleiner schmaler Junge mit leuchtenden Augen und halblangem, schwarzen Haar. Er trug ein Oberteil aus dem schwarzbraunen Leder einer verstorbenen Kobra und ein ebensolcher Lendenschurz. Verlegen lächelte er, als sich alle Blicke auf ihn richteten.

Zuze'ca - die Schlange, fuhr fort: „Dennoch gibt es schon sehr Viele meines Volkes die anders denken und ihre Zahl wächst täglich. „Schwarzer Zahn“, mein bisher engster Vertrauter, ist den Sternkindern feindlich gesinnt. Er drängte mich vor dem Rat den Unwillen des Schlangenvolkes kund zu tun. Doch ich bin nach wie vor ein Freund der Menschen, und ich weiss welche Verpflichtungen wir gegenüber ihnen eingegangen sind. Trotzdem will ich ehrlich zu euch sein. Es gibt Feinde unter den Schlangen, die nicht zu unterschätzen sind, ebenso auch Feinde unter dem Menschenvolk. Wir müssen darum besorgt sein, dass selbige nicht die Überhand gewinnen. Das geht nur, wenn Mensch und Tier sich weiterhin gegenseitigen Respekt entgegenbringen. Das... betrifft alle...“ Die Schlange schwieg nun und ringelte sich wieder bedächtig zusammen. Ihre goldgelben Augen, die ihr auch den Namen „Goldenes Auge“ eingebracht hatten, musterten die Anwesenden still. Einige des Rates nickten zustimmend.

Schliesslich bat der „Grosse Hirsch“,zwischen dessen Geweih der Blitz der Erkenntnis wohnt, um das Wort. Er meinte mit wohlklingernder, tiefer Stimme: „Ich verstehe, was du uns sagen willst Schwester Schlange. Du hast sicher recht und wir müssen bedenken, dass  nicht alle unserer Meinung sind, was die Sternkinder betrifft. Das ist, wei Grauer Wolf  bereits sagte auch einer der Gründe, warum die grosse Flut uns heimsucht. Wichtig ist sich im Klaren zu sein, dass der Grosse Geist alles sieht und er weiss stets was er tut. Ich persönlich sehe in der Sinflut nicht nur eine seiner Geisseln. Er verfolgt noch andere Ziele mit dieser Flut, auch wenn das sehr schwer zu begreifen ist. Ich verlohr selbst schon viele meiner Brüder und Schwestern, die ich sehr liebte. Es wäre aber falsch die Hoffnung zu verlieren. Wir müssen etwas tun und darum bin ich auch dafür Boote zu bauen. Doch ist es vor allem wichtig, dass wir im Geiste stark bleiben und uns auf eine neue Zukunft freuen, denn ich weiss dass die Sinflut nicht das Ende ist. Es wird danach erst richtig beginnen und dann wird sich erweisen ob Tiere und Menschen weiterhin am selben Strick ziehen werden. Jedenfalls ist dazu, wie Schwester Zuze'ca bereits sagte gegeseitiger Respekt und Liebe unverzichtbar...“

Nathalie schlenderte zufrieden durch den Tierpark, den man einst über den Dächern der Stadt St.Gallen auf einem Hügel angelegt hatte. Sie kannte diesen Park seit ihrer frühesten Kindheit. Schon mit ihren Grosseltern war sie manches Mal hier gewesen. Damals hatte sie den Tieren oft Kastanien verfüttert, weil ihre Grosselteltern einen grossen Kastanien- Baum besassen.

Heute hatte sich vieles verändert. Füttern war nun nicht mehr erwünscht und wenn man doch Brot oder irgendetwas spenden wollte, musste man dies in hölzerne, eigens dafür vorgesehene Behälter werfen. Eigentlich schade, fand das Mädchen wenn auch sicher verständlich. Immerhin gab es immer noch Leute die verschimmeltes Brot oder sonst etwas Schädlichen an die Wildtiere verfütterten.

Die Gehege des Rotmonter- Tierparkes waren sehr schön und gross. Es gab Hirsche, Gemsen, Steinböcke, Wildschweine, Luchse (meist nicht zu entdecken) und sogar Murmeltiere (die mal allerdings nur in den wärmeren Jahreszeiten zu Gesicht bekam).

Nathalie konnte hier besonders gut abschalten und genoss es, den Tieren zuzuschauen. Sie liebte Tiere über alles. Ihre Familie hatte immer Tiere gehalten. Sie vermisste das etwas, seit sie alleine lebte. Doch sie wollte bei ihrem 100% Job kein Tier haben, sie hatte einfach zu wenig Zeit.

Heute war ein besonders schöner Montag Nachmittag.Vor zwei Tagen war herrlicher Neuschnee gefallen und seit gestern schien nun auch die Sonne. Ihr strahlendes Licht fiel auf die verschneiten Bäume und Wiesen und brachte die Schneekristalle wie tausend Diamanten zum Glitzern. Gleich neben dem Park, befand sich ein Schlittelhügel, der bei diesem Wetter, besonders am Wochenende, stark bevölkert war. Der Vorteil am Montag war die Stille. Es hatte dann viel weniger Leute überall. Nathalie genoss das sehr, denn die Ruhe dieses Parkes stand ihrem Herzen näher als die Geschäftigkeit der Stadt.

Vor dem Rothirsch- Gehege blieb sie stehen und beobachtete einen eindrücklichen Acht- ender, welcher vermutlich der Leithirsch der Herde war. Unbewusst rief sie ihm im Geiste zu: „Hallo du Schöner, wie geht's denn so?“ Sie tat solche Dinge öfter, aber ohne sich viel dabei zu denken. Sie besass einen guten Zugang zu den Vierbeinern und sie glaubte, dass die meisten Tiere es spürten, wenn man ihnen gut gesinnt war. Dennoch war sie sehr erstaunt, als der Hirsch den sie gerade in Gedanken begrüsst hatte, sogleich die Ohren spitzte und ihr seinen edlen, kastanienbraunen Kopf zudrehte.

Langsam und bedächtig trottete er auf das Gehege zu und blickte sie mit seinen grossen, wie brauner Samt schimmernden Augen an. Eine seltsame Tiefgründigkeit lag in diesen Augen, als befände sich hinter ihnen das Wissen einer vergangenen Zeit. „Danke es geht mir soweit gut,“ hörte Nathalie auf einmal eine Stimme in ihrem Kopf. Sie starrte das Tier fassungslos an. Hatte dieser Hirsch tatsächlich gerade zu ihr gesprochen? Aber das war doch… unmöglich! „Unmöglich ist ein unschönes Wort, weil es keinen Raum mehr für Hoffnung gibt,“ erklang erneut die Stimme in ihrem Innern. Der Acht- ender blickte sie immer noch unverwandt an. „Sprichst du tatsächlich zu mir?“ fragte Nathalie im Geiste. Es mochte absurd erscheinen, doch sie begriff irgendwie, dass hier etwas Grosses im Gange war. „Ja und es erstaunt mich wie dich, dass wir uns verstehen.“ „Das ist so seltsam. Wie kann das sein?“ „Etwas liegt in der Luft, etwas das mich an alte Zeiten erinnert als meine Vorfahren noch frei durch die Wälder streiften. Du trägst ein Zeichen Menschenkind. Doch was für ein Zeichen... es entzieht sich meinem Wissen... Trotzdem spüre ich es und...darum spreche ich zu dir. Es ist... als wären wir Geschwister. Doch das ist eigenartig...“ „Bist du glücklich hier?“ „Es ist schwer zu sagen. Ich wurde in diesem Park geboren. Ich weiss schon, dass es ein anderes Leben da draussen gibt. Doch nicht mehr für mich. Ich habe hier alles, eine eigene Herde, täglich etwas zu fressen und ich muss mich nicht vor Feinden fürchten. Es ist ein gutes Leben, denke ich. Es ist immer wie es ist. Wir alle müssen uns immer wiede neuen Gegebenheiten anpassen... doch nun muss ich wieder gehen.“ Der Hirsch blickt zu seiner Herde herüber und fügte dann noch hinzu: „Jener junge Hirsch dort, könnte sich einfallen lassen, meine Kühe durcheinander zu bringen. So leb denn wohl. Vielleicht besuchtst du mich mal wieder!“ Dann galoppierte der Leithirsch mit hocherhobenem Geweih davon.

Nathalie blieb einen Augenblick lang wie hypnotisiert stehen und blickte dem Hirsch hinterher, der nun alle Hände(Hufe) damit zu tun hatte seinen jungen Rivalen in die Schranken zu weisen. Der Ruf einer Krähe, die bisher über ihr auf dem Wipfel eines Baumes gesessen hatte und sich nun in die Lüfte erhob, riss das Mädchen aus ihrer Erstarrung. Traumbefangen blickte sie ihr nach, dann ging sie langsam weiter.

Vater Krähe, der die Leere kennt, ergriff als Nächster das Wort. Er sprach: „Wie Bruder Tahca (Hirsch) bereits bemerkte, werden wir uns ganz neuen Begebenheiten anpassen müssen, jetzt da die Flut unsere Welt bedroht. Es ist von grosser Wichtigkeit dass jemand  der unseren alles aufschreibt, von der Vergangenheit und der Gegenwart. Damit unseren Nachkommen und jenen der Sternenkinder wertvolles Wissen erhalten bleibt. Mein Auge blickte ebenfalls in die Zukunft und ich sah, dass vor allem die „Allessehenden“ irgendwann wieder eine wichtige Rolle einnehmen werden. Dann... wenn all unsere Taten nur noch Mythen sein werden und viele nachfolgenden Kulturen zerstört sind. Darauf wird wieder eine Zeit der Erleuchtung folgen und man wird unserer gedenken. Deshalb muss unser Wissen bewahrt bleiben. Ich werde darum besorgt sein, dass es nur jenen zuteil wird, die es auch wertschätzen und verstehen. Wir sollten heute den bestimmen, der diese Aufgabe übenimmt. Und denkt immer daran Brüder und Schwestern: Der leibliche Tod ist noch lange nicht das Ende, es ist ein Neubeginn. Denn aus der Leere erschafft der Grosse Geist immer wieder neues Leben. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe...“

Das Erlebnis mit dem Hirsch ging Nathalie noch lange nach. Sie versuchte an jenem Tag noch mit andern Tieren auf dieselbe Weise zu kommunizieren, doch irgendwie wollte es gar nicht mehr klappen. Schliesslich griff sie wieder zu der Taktik, die ihr am einfachsten erschien: Sie tat das Erlebnis als Produkt ihrer Phantasie ab, die äusserst seltsame Blüten trieb…

Wie immer, nach einem mehr oder weniger arbeitsreichen Tag im Museum, kehrte sie nach Hause zurück. Es war jetzt wieder Samstag.

Sie streifte ihre warmen Winterstiefel aus braunem Leder ab und ging zuerst in die Küche um sich etwas Zwischenverpflegung aus dem Kühlschrank zu holen.

Ihre Wohnung lag im 3.Stock. Sie besass grosse schöne Räume, allerdings war ihre gesamte Ausstattung ziemlich alt. Die Böden waren aus groben Holzdielen, die nicht selten unter den Füssen knarrten, die Wände bestanden aus weissem Putz und die Fenster waren nur mässig isoliert.

Nathalie hatte alles im Ethno Stil eingerichtet. Da gab es eine Sitzgruppe aus ellastischem Korbgeflecht, Tische und Stühle aus dunklem Holz, teilweise verziert mit Schnitzereien. Verschiedene luftige Tücher als Raumabtrenner und Vorhänge aus verschiedenfarbigem Kunstseidenstoff, hingen von der Decke herab. Überalls standen Figuren und andere Gegenstände der verschiedensten Kulturen. Ein grosser Traumfänger, hing über dem dunkelrot bezogenen Futon, auf dem Nathalie jeweils schlief und überall hingen Bilder von Amerika, Australien und Afrika.

Nathalie war, wohl auch durch ihre Arbeit im Völkerkundemuseum, sehr interessiert an allen Völkern der Erde. Am liebsten hätte sie auch noch indische und asiatische Utensilien in ihrer Wohnung untergebracht, doch das Ganze war so schon zusammengewürfelt genug. Darum hatte sie sich für ihre drei Lieblingskulturen entschieden.

Ihr Bücherregal war der beste Beweis für ihre vielseitigen Interessen. Sie besass bereits soviel Bücher, dass wohl bald ein neues Gestell her musste.

Nachdem sie sich ein Brot mit Käse gemacht und eine Flasche mit Eis- Tee aus dem Kühlschrank genommen hatte, warf sie sich auf das Sofa, schaute die Post durch und stillte dabei ihren Hunger und ihren Durst. Dann begab sie sich ins Badezimmer um sich frisch zu machen.

Sie blickte in den Spiegel und fand, dass sie sehr bleich wirkte. Ihre braunen, glatten Haare, die sie meist zu einem Pferdeschwanz zusammenband, hingen ihr etwas wirr ins Gesicht. Sie besass eine schmale, spitze Nase, einen vollen Mund und erstaunlich dunkle Augen, welche von langen, ebensolchen Wimpern überschattet wurden. Die Brauen waren ebenso markant. Nathalies Teint war schon immer ziemlich hell gewesen, doch sie wurde im Sommer wenigstens schnell braun. Das war ein Vorteil. Der Körperbau des Mädchens war schlank, allerdings entsprach er nicht dem Magerlook, der heute überall so verbreitet war. Sie hatte wohlgeformte Brüste und auch ihre Hüften besassen gesunde Rundungen. Die andern Leute bezeichneten sie als hübsch, nicht zuletzt wegen ihrer  Augenpartie, die sich auf angenehme Weise von ihrem Gesicht abhob. Viele fanden, sie hätte etwas Exotisches an sich.

Wie üblich schätzte Nathalie sich selbst etwas kritischer ein. Sie fand sich nicht so besonders, vor allem jetzt im Winter nicht, wenn sie so bleich war.

Während sie noch über ihren viel zu hellen Teint nachgrübelte, entledigte sie sich ihrer Kleider. Meist trug sie irgendwelche Jeans, einen bequemen Pulli oder pflegeleichte Blusen.

Das Mädchen stieg nun in die Dusche. Das warme Wasser floss über ihren Körper und ein wohliger Schauer durchlief sie dabei. Ahh tat das gut! Das Wasser schien alles Unreine abzuwaschen, das den Tag hindurch auf sie eingewirkt hatte. Es war eine Reinigung nicht nur von Körper, sondern auch von Geist. Während sie die Augen schloss und den warmen Strahl auch über ihren Kopf fliessen liess, sah sie vor sich ein wunderschönes weites Land mit sanften Hügeln, Tälern, Steppen und Wäldern. Ein einsamer Adler kreiste am tiefblauen Himmel... und wieder flog ihr Geist davon... in eine unbekannte Zeit, nach der sie sich so sehnte und die doch so unerreichbar schien...

Weiser Adler der bisher alle Reden der verschiedenen Ratsmitglieder mit seinen scharfen, hellblauen Augen verfolgt hatte gab nun zu verstehen, dass er auch noch zu sprechen wünsche. Sein schneeweisses Gefider raschelte wie die Blätter von Canyah'u dem „Baum des Lebens“(Pappel).Das was Vater Krähe sagt ist von grosser Wichtigkeit und ich will mich diesen Worten anschliessen. Tatsächlich werden die „Allessehenden“ einst wieder aufsteigen, doch vorher wartet eine grosser Leidensweg auf sie. Der Grosse Geist der in den Träumen zu mir spricht, liess mich Schreckliches erblicken. Ein neuer Feind wird einst diese Welt heimsuchen. So wie die Flut uns heimsucht und unsere Herrschaft beenden wird, so wird eine Flut von fremden Zweibeinern einst die Sternkinder heimsuchen. Doch wird deren Geist nie ganz gebrochen werden. Ihr Andenken und damit auch unser Andenken wird bewahrt bleiben und eines Tages wird die Welt ihnen die nötige Ehre zukommen lassen.

Die Zweibeiner die nach euch kommen werden, sprach Manitu zu mir werden verstockt sein und sie werden das Grosse Geheimnis nich mehr verstehen. Sie werden den Nachkommen der Sternkinder grosses Leid zufügen, ihnen ihr Land nehmen und sie versuchen von ihrem Glauben abzubringen. Obwohl ich ihnen eigentlich dieselben Lehren gegeben habe wie Euch. Die Fremden werden eine Haut haben wie Elfenbein und Rüstungen tragen, die an silberne Schildkrötenpanzer erinnern. Andere kleiden sich in verschiedenfarbige Röcke und Uniformen. Sie werden neue Waffen haben und viele von euch töten.“

Als Weiser Adler diese Worte aussprach stockte seine Stimme und ein Zittern durchlief die Mitglieder des Rates. Die Augen von Suna und den andern „Allessehenden“ waren ganz besonders vom Schreck geweitet. Ohne zu berücksichtigen das eigentlich Vater Adler noch immer das Wort hatte, rief Kai: „Aber das ist ja schrecklich! Müssen wir da nicht etwas unternehmen?“ Grosser Rabe, dessen Gefider ebenfalls wie frischer Bergschnee aussieht (die Legende spricht davon, dass die Raben einst weiss waren), wies ihn zurecht: „Wie kannst du den Rat auf diese Weise stören Cinksi(Sohn)? Du unterbrichs das Wort von „Grosser Adler“. Habe ich dich nicht gelehrt, dein jugendliches Ungestüm zu zügeln? In allem was geschieht liegt eine Weisheit. Der Grosse Geist tut nichts zufällig. Die Welt wandelt sich, wird sich immer wandeln. Tod und Leben gehören untrennbar zusammen. Wir Tiere wissen auch, dass uns kein glückliches Schicksal erwartet, doch wir nehmen es an.“ „Aber Ate(Vater)!“ widersprach Kai, was ihm einige tadelnde Blicke des Rates einbrachten,(was er allerdings wenig beachtete) „Das ist etwas anderes! Die Sinflut hat einen natürlichen Ursprung, aber diese Fremden, die uns einst alles nehmen werden, nicht. Von wem werden sie geschickt, von den Dämonen, einem unbekannten Feind? Was können unsere Nachfahren ihnen entgegensetzen? Können sie  zulassen, dass sie unsere Kultur einfach vernichten? Wie sollen sie sich vehalten? Und wir? Was können wir tun?“ seine Stimme klang nun verzweifelt und ich hatte grosses Mitleid mit ihm. Darum sprach ich: „Wir müssen Kai und auch die andern „Allessehenden“ verstehen! Deine Nachricht Vater Adler ist schrecklich und es betrifft vor allem sie.“

„Ich kann das gut nachempfinden,“ sprach Weiser Adler verständnisvoll und blickte Kai mitfühlend an. „Doch es wird geschehen und wir müssen es annehmen lernen. Wir müssen von Tag zu Tag leben. Das Nichtstun in diesen Belangen mag schwer erscheinen, aber zuerst gilt es diese Sinflut zu überstehn. Das wird unser ganzes Denken und Handeln in Anspruch nehmen.“ Er wandte sich an Kai: „Du solltest bei allem was geschieht daran denken, dass auch das Leid ein Teil des Lebens ist. Diese Fremden die kommen werden, werden ihre Orientierung verohren haben. Sie können Recht und Unrecht nicht mehr unterscheiden. Doch wenn die Sternkinder Gleiches mit Gleichem vergelten, wird auch deren Seele von Hass und Zorn zerfressen werden. Es ist unendlich wichtig, dass die Sternkinder sich ihre innere Reinheit bewahren und ihr Erbe nicht vergessen. Dann wird  nach der Zeit des Leidens wieder eine Zeit des Glücks folgen, denn nichts...währt ewig ausser das „Grosse Geheimnis“...“

„Idiot!“ fluchte Marc Keller, als ein anderer Autofahrer ihn auf der Autobahn Richtung  St. Gallen übeholte, viel zu schnell wieder einfädelte und ihm so den Weg auf gefährliche Weise abschnitt. „Na dem werd ich‘s zeigen!“ Angestachelt von seinem Ärger, drückte Marc das Gaspedal seines roten Opels durch, zog an dem rücksichtslosen Fahrer vorbei und schnitt diesen ebenfalls. Der andere hupte und schien sich auf einen Machtkampf einlassen zu wollen, doch diesmal siegte bei Marc die Vernunft und er wechselte auf die rechte Spur. „Mercedes- Fahrer!“ murmelte er noch etwas verächtlich vor sich hin, dann konzentrierte es sich wieder auf die Fahrbahn.

Marc war ein schlanker, hochgewachsener junger Mann, mit dunkelbraunem, ziemlich langem Haar. Dieses band er meist zusammen, zumindest im Alltag. Seine Augen glänzten in einem tiefen Braun, seine Nase war markant wie die eines Römers und sein voller Mund ziemlich breit. Das störte aber nicht weiter. Er sah gut aus, hatte auch ein ganz besonderes Charisma. Eigentlich war er friedliebend, ausser es gingen ihm wie eben, die emotionalen Pferde durch. Beim Autofahren passierte das noch öfters. Wenn er wütend war konnte Marc ziemlich unerbittlich sein und wenn man ihn angriff, blieb er selten etwas schuldig. Eigentlich war es eher seine Art verbale Schlachten zu führen, doch das brachte ihm öfters als gewollt, ziemlichen Ärger ein. So kam es schon mal vor, dass er ein blaues Auge kassierte, oder dann gar selbst eins hinterliess. Danach schämte er sich aber meistens und fragte sich, wie er es nur so weit hatte kommen lassen können. Er verfiel dann meist in eine melancholische Stimmung und zerfleischte sich selbst, weil er wiedermal nicht den Mund hatte halten können. Sein Gerechtigkeitssinn war aber nun mal stark ausgeprägt.

Ruhe fand er wieder, wenn er sich seiner grossen Leidenschaft den Indianern widmen konnte. Er hatte das ganze Bücherregal voll mit Werken über dieses Volk und bewunderte vor allem deren Handfertigkeit im Herstellen von Waffen und Instrumenten. Er fertigte sogar selbst verschiedenste Gegenstände an, natürlich genau nach indianischem Vorbild. Daneben joggte er auch noch etwas und machte leichtes Krafttraining. So besass er auch einen ansehnlichen Körperbau.Gerade richtig, fand wohl das weibliche Geschlecht, denn die meisten Frauen, bekundeten grosses Interesse an dem 26-jährigen, den stets ein Hauch von Abenteuer und Magie zu umgeben schien.

Allerdings hatte er es bisher nie lange bei jemandem ausgehalten. Oder die Frauen hielten es nur kurz bei ihm aus, denn er war trotz seines guten Herzens eine zwiespältige Persönlichkeit, welche viele Gegensätz in sich trug. Marc war auf der einen Seite ein Mann, der sich viele Gedanken machte und sich sehr gut in das einfühlen konnte, was andere empfanden. Andererseits brachten ihn sein Freiheitsdrang und seine oftmalige Taktlosigkeit nicht selten in Teufels Küche. Wie bereits erwähnt, war er auch oft melancholisch und dann konnte er sich in Abgründe begeben, die den meisten unheimlich vorkamen. Marc wollte alles am eigenen Leibe erfahren. So hatte er sich in jüngeren Jahren schon zu einigen Dummheiten hinreissen lassen. Doch so langsam wurde er etwas abgeklärter.

Seine Stärke war es, aus allem was ihm begegnete eine Lehre zu ziehen, was ihm schon zu erstaunlichen Entwicklungschritten bewegt hatte.

 Er wohnte eigentlich im Züricher Oberland in einem kleinen Städchen namens Rüthi, doch diesmal wollte er nach St.Gallen zu einem alten Freund. Dieser hatte ihm erzählt dass gerade eine sehr schöne Indianerausstellung im Völkerkundemuseum St. Gallen stattfand. Das wollte sich der indianerbegeisterte Marc natürlich nicht entgehen lassen und da er gerade etwas Urlaub hatte, nutzte er die Gelegenheit.

2.Kapitel

Nathalie würde auch bald Urlaub haben. Nur noch die kommende Woche und dann konnte sie dem Museum eine Weile den Rücken kehren. Auch wenn sie gerne hier arbeitete, gab es doch Tage, da fühlte sie sich etwas unterfordert, besonders wenn es kaum Leute hatte. Das war am Sonntag aber nicht der Fall. Es fanden dann auch Führungen statt, die sie sogar leiten durfte. Das gefiel ihr besonders.

Heute waren viele Familien gekommen, um an der ersten Führung teilzunehmen. Einige Einzelpersonen waren darunter. Wie üblich liess Nathalie ihren Blick über die Anwesenden schweifen, um in etwa ihre Anzahl abzuschätzen.

 

Auf einmal blieben ihre Augen an einer Person hängen. Es war ein junger Mann, etwa in ihrem Alter. Als sie ihn ansah und er ihren Blick erwiderte, durchzuckte es sie wie ein Blitz. So einen besonderen Mann war ihr noch nie begegnet! Jedenfalls erschien es ihr so, weil sie sich sofort tief mit ihm verbunden fühlte und er in ihr Gefühle zum Klingen brachte, die sie bisher noch nicht kannte.

Ihre Erfahrungen mit Männern waren eher dürftig. Sie hatte bisher erst zwei Freunde gehabt. Den ersten als sie 16 war und den zweiten mit 22 Jahren. Beides waren keine schlechten aber auch keine besonders guten Partnerschaften gewesen. Nathalie's Ansprüche waren mit den Jahren auch gestiegen.

Darum ärgerte sie sich fast darüber, dass dieser Mann sie so aus der Fassung brachte. Doch da war etwas, etwas Unerklärliches zwischen ihnen, eine tiefe Vertrautheit, fast als würden sie sich schon lange kennen. Ihn schienen ähnliche Gefühle zu bewegen, was sie aus seinem Blick lesen konnte. Gewaltsam riss sie sich von seinem Gesicht los und sprach an alle Museumsgäste gewandt: „Ich heisse sie herzlich willkommen zu unserer Indianderaussellung, mein Name ist Nathalie Egghalder...“  

Souverän führte die junge Frau die Gäste durch die Ausstellung. Marc musste zugeben dass er beeindruckt war, obwohl er schon sehr viel wusste.

Dieses Mädchen gefiel ihm sowieso. Es hatte eine ganz besondere Wirkung auf ihn. Sie strahlte so etwas aus... er konnte es nicht richtig beschreiben. Als ob sie ihm schon lange vertraut wäre. Irgendwie glaubte er eine verwandte Seele in ihr gefunden zu haben.

Er wollte sie unbedingt näher kennenlernen. Darum sprach er sie am Ende des Rundganges an: „Eine sehr interessante Führung, vielen Dank. Ich bin ein grosser Indianerfan. Ich fertige selbst Indianerbogen und Tomahawks. Auch Trommeln habe ich schon gemacht.“ Nathalie blickte den gutaussehenden Mann etwas misstrauisch an. War das nun eine geschickte Anmache? Sie kam aber schnell zum Schluss, dass sie ihm das was er sagte, abnehmen konnte. Er sah ja selbst fast wie ein Indianer aus und seine Augen blickte absolut aufrichtig. So liess sie sich von seiner offensichtlichen Begeisterung anstecken und erwiderte: „Wirklich? Das finde ich toll. Leider fehlt mir jegliches handwerliche Geschick. Mich fasziniert einfach die Kultur. Bedauerlicherweise wurde sehr Vieles von den weissen Einwanderern zerstört. Es ist schrecklich was da alles passierte. Manchmal glaube ich tief im Herzen mitzuempfinden was die Indianer durchmachten. Es ist oft...als würde ich in der  Zeit zurückversetzt, besonders jetzt, da diese Ausstellung hier ist...“ Marc hing gebannt an ihren Lippen. Was sie sagte berührte ihn tief. Dass sie gerade ihm das anvertraute...Nathalie trat nun an die Vitrine mit dem Kalumet. „Vor einiger Zeit,“ flüsterte sie „passierte mir hier etwas Eigenartiges. Ich sah auf einmal einen weissen Büffel vor mir. Es war... so real, eben als würde ich in die Vergangenheit zurückreisen...“ „Die weisse Büffelkalbfrau!“ rief Marc erstaunt aus. „Was meinst du?“ „Die weisse Büffelkalbfrau brachte den Indianern, laut der Legende das Kalumet. Es ist eigentlich Symbol für das Vereinen der männlichen und weiblichen Kräfte und des Friedens. Die weisse Büffelkalbfrau soll einst zwei Männern auf einem Hügel erschienen sein. Der eine Mann war böse, der andere gutherzig. Der Böse wurde von seinen Gelüsten überwältigt und lief auf das schöne Mädchen zu. Sie warnte ihn, aber er hörte nicht. So senkten sich Wolken auf ihn hernieder und als diese wieder verschwanden, war nur noch das Skelett des Mannes zu sehen. Die heilige Frau gebot dem Gutherzigen, seinen Stamm zusammen zu rufen und dann lehrte sie die Menschen die verschiedensten Zeremonien. Schliessliche enthüllte sie die heilige Pfeife und sprach: Wenn ihr als Stamm aufhört diese Pfeife zu verehren, werdet ihr aufhören eine Nation zu sein. Mit diesen Worten verschwand sie und die Menschen sahen nur noch eine weisse Büffelkuh über die Prärie laufen...“

Marc endete nun mit seiner Erzählung und einen Augenblick lang wurde es totenstill um die beiden. Nun war Nathalie zutiefst berührt. „Aber...warum sah ich diesen Büffel? Ich kannte diese Geschichte gar nicht und doch war es so real.“ „Das ist wirklich erstaunlich,“ bestätigte Marc. „Ich hätte da noch einige Geschichten zu erzählen,“ sprach das Mädchen „aber ich muss wieder arbeiten. „Wollen wir nicht mal zusammen einen Kaffe trinken gehen?“ fragte Marc schnell. „Ich glaube wir haben da sehr viel gemeinsam.“ Nathalie überlegte einen Moment, dann meinte sie: „Vielleicht heute Abend.“ Kennst du denn ein gutes Lokal? Ich bin eben nicht von hier. Eigentlich kam ich nur wegen der Ausstellung. Ich wohne eigentlich im Züricher Oberland, in Rüthi.“ „Ich wüsste da schon ein interessantes Lokal,“ sprach Nathalie. „Dort hat es auch gute Musik. Es ist hinter dem Kloster St. Gallen. Wir könnten uns ja dort treffen, sagen wir um halb sieben? Das Kloster kennt jeder.“ „Es würde mich sehr freuen. Ich habe ja sowieso Urlaub.“ „Ich auch schon bald. Morgen hab ich ausserdem frei, wie immer am Montag. Übrigens, was machst eigentlich du beruflich so?“ „Ich bin Schreiner bei einer Firma in Jona. Das liegt nahe bei Rüthi.“ „Darum bist du also so geschickt beim Anfertigen von indianischen Gegenständen!“ „Es hilft sicher!“ Er lachte sein besonderes Lachen und Nathalie's Herz schlug auf einmal einige Takte schneller. Dieser Mann gefiel ihr wirklich ausserordentlich.

Auch Marc war irgendwie total aufgeregt, als er das Museum verliess und den Stadtparkt durchquerte. Er freute sich schon jetzt darauf dieses besondere Mädchen wiederzusehen. Noch nie zuvor war ihm jemand wie sie begegnet. Mit ihr war alles so natürlich.

Er fühlte sich auch körperlich sehr von ihr angezogen. Sie war bildhübsch und strahlte dabei wirklich etwas aus. Da hatte er schon andere schöne Mädchen gekannt, die ihn aber eher an hübsche Puppen ohne viel Inhalt erinnert hatten. Aus solchen Bekanntschaften wurde dann nie mehr als ein „One night stand“. Doch das konnte er sich mit Nathalie nun überhaupt nicht vorstellen. Er spürte dass sie eine sehr sensible, feinfühlige Seele war und auch wenn er sie zweifellos sehr begehrenswert fand, wollte er mit ihr eine tiefere Verbindung eingehen, als mit all den andern Mädchen die er bisher getroffen hatte.

Nathalie bewegten ganz ähnliche Gedanken. Sie war deshalb auch sehr aufgeregt und wollte sich für den Abend etwas herausputzen. So entschloss sie sich eine dunkelrote Bluse mit beigem Floral Muster (was zur Zeit gerade so in Mode war) und einem V- Ausschnitt anzuziehen. Dazu kombinierte sie eine passende, elegante Hose mit weiten Stössen.Sie schminkte sich in den selben Tönen und legte einen dezenten Schmuck an.Wohlgemut ging sie dann zum Kloster, wo Marc bereits auf sie wartete.

Erst jetzt fiel ihr auf wie gross er eigentlich war. Er überragte sie um Haupteslänge und sie war ja schon 1,75 gross. Sein Haar war offen und glänzte in den abendlichen Lichtern seidig. Er lächelte sie charmant an und wieder begann ihr Herz heftiger zu schlagen. „Es ist kalt heute, was?“ sprach sie deshalb, um ihre Verlegenheit zu überspielen. „Ja allerdings. Ohne Zweifel bin ich in einem kalten, ungemütlichen Monat geboren.“ „Du hast im November Geburtstag?“ „Ja, am 12. November. „Ich am 12. März!“ „Also ein Frühlingskind. Das passt zu dir.“ Nathalie lächelte und meinte schlagfertig: „Frühlingskinder brauchen Wärme, deshalb sollten wir so schnell wie möglich ins Restaurant. Es ist gleich da hinten!“ Sie hakte Marc spontan unter und die beiden machten sich auf den Weg.

Dabei sahen sie nicht, wie unsichtbare Augen sie beobachteten...

Während der Rat über das weitere Vorgehen beriet, galt meine Sorge vor allem Kai. Seit dem was der Adler prophezeit hatte, wirkte er in sich gekehrt. Ein Schatten hatte sich über sein Gesicht gebreitet. Auch die andern „Allessehenden“ wirkten niedergeschlagen.

Ich wusste nicht wie ich ihnen Mut machen sollte. Was Weiser Adler und der Rabe gesagt hatten stimmte natürlich. Doch solche Dinge sind nicht so einfach. Auch mir zerreisst es oft beinahe das Herz, wenn ich all das Leid sehe, dass mein Volk heimsucht. Ich weiss nicht ob ich nicht auch Krieg führen würde, wenn andere mir alles zerstören und wegnehmen wollten. Wir Tiere hatten auch schon unsere Kriege. Doch die Zeit machte uns weiser. Ich bin alt und das Alter bringt innere Ruhe mit sich. Doch Kangi, Sunkmanitutanka und die andern Sternkinder sind noch jung. Sie wissen nichts von Krieg und Leid, weil wir schon sehr lange in Frieden leben. Doch auch das kann sich wandeln...eines Tages.

Wie die Schlange sagte: Es gibt schon Zwietracht zwischen unseren Brüdern und Schwestern. Was wird uns noch erwarten? Werden wir diese Konflikte einfach beilegen können? Ich weiss es nicht. Suna und Kai...sie sind so ein schönes Paar und meinem Herzen so nahe. Ich möchte sie am liebsten immer beschützen ihnen immer beistehen. Das Schlimmste wäre für mich, wenn sie vom guten Wege abkämen, weil das Leid, die Anfechtungen zu gross werden. Möge Wakan Tanka(Der Grosse Geist) das vehindern...

 Der Abend den Nathalie und Marc verbrachten war sehr schön und erst spätabends trennten sie sich wieder. Sie hatten über sehr Vieles gesprochen und fühlten sich einander nun noch verbunden. Sie beschlossen deshalb ihren Kontakt aufrecht zu erhalten. Allerdings erstmal als gute Freunde, denn beide wollten sich nicht zu schnell in eine neue Beziehung stürzen. Die Gründe dafür waren aber bei den beiden etwas anders. Nathalie wollte Marc noch näher kennenlernen. Sie wusste dass er noch andere Seiten, neben seinem Charme und seiner Tiefgründigkeit hatte. Irgendwie waren ihr diese Seiten etwas unheimlich. Sie merkte, dass er einen grossen Freiheitsdrang und ein Faible für Konfrontationen besass. Sie wusste nicht ob sie das wollte, denn sie mochte es eher ruhig und beständig. Für sie bedeutete Liebe sich ganz und gar hinzugeben. Ohne sich aber ganz aufzugeben. Wenn sie sich mit einem Partner zusammentat, wollte sie sich geborgen und ganz und gar angenommen fühlen. Die Hingabe die sie bereit war zu investieren, verlangte sie auch vom andern. Sie war sich noch nicht ganz im Klaren ob Marc ihr das auf Dauer geben konnte.

Marc hatte durch sein Einfühlungsvermögen schnell erkannt, dass man mit Nathalie nicht leichtfertig umgehen konnte. Sie forderte viel von einem Partner und stand auch dafür ein. Er wusste nicht ob er dem gerecht werden konnte, oder es überhaupt wollte, denn seine eigene Freiheit lag ihm schon sehr am Herzen und er war noch nicht bereit diese aufzugeben. Denn, so wusste er, sobald er sich tiefer mit diesem besonderen Mädchen einliess, war es für immer. Das fürchtete er ein wenig.

Als Nathalie nach Hause ging war sie tief in sich gekehrt. Sie dachte über all das nach was sie heute mit Marc erlebt, was sie ihm alles anvertraut hatte. Er wusste beinahe alles von ihr. Er selbst war etwas zurückhaltender mit der Selbsoffenbarung, was sie zeitweise etwas geärgert hatte. So sehr sie sich auch zu diesem Mann hingezogen fühlte, er war ihr doch sehr verschlossen vorgekommen.

Etwa um 23Uhr traf sie zu Hause ein. Sie ging sofort zu ihrem Bücherregal, wo ein Werk über die Mythen der Indianer stand. Sie blätterte darin, um die Geschichte von der „Weissen Büffelkalbfrau“ zu suchen. Ziemlich bald fand sie sie, setzte sich aufs Sofa und begann zu lesen…

„Der Büffel nahm bei den Indianern immer eine wichtige Stellung ein,“ vernahm sie plötzlich eine unbekannte Stimme hinter sich. Sie fuhr entsetzt herum. Neben dem halboffenen Fenster stand ein fremder Mann. Er war einfach aus dem Nichts aufgetaucht! Er musste ziemlich alt sein, seine rötlichbraune Haut wirkte wie gegerbtes Leder. Er besass schneeweisses Haar und tiefgründigen schwarzen Augen, die wie Sterne leuchteten. Seine gewaltige Präsenz erfüllte den ganzen Raum. Er trug ein Wildlederhemd, verziert mit indianischen Perlenstickereien und dazu normale Blue Jeans.

„Wer… um alles in der Welt sind sie?“ fragte Nathalie. „Wie kommen sie hier rein?“

Der Fremde lächelte gütig und meinte in gebrochenem Deutsch: „Zum ersten Punkt, man nennt mich bei meinem Volke Wandernder Bär, die Weissen nennen mich William Greatbear. „Zum zweiten Punkt: das wirst du noch früh genug erfahren.“ „Aber was wollen sie hier?“

Der Fremde trat näher und Nathalie wich etwas zurück, auch wenn sie nicht wirklich glaubte, dass von diesem Mann eine Gefahr ausging. Er fragte: „Darf ich mich setzen?“ „Äh, von mir aus. Wollen sie...etwas zu trinken?“ fragte sie, selbst überrascht von ihrer Spontanität. „Oh, das ist nett! Aber nein danke. Ich habe dir viel zu sagen.“ Nathalie nickte und gab so zu verstehen, dass es an der Zeit war damit rauszurücken. „Du bist sehr freundlich mein Kind. Es beruhigend für mich das zu sehen. Du hast den guten Weg nicht verlassen.“ „Was meinen sie damit und woher wollen sie das wissen?“ „Ich beobachte dich schon eine ganz Weile und was ich sehe erfreut mich.“ „Sie beobachten mich!“ rief Nathalie aus „Was zum...“ „Ich weiss es klingt seltsam, aber ich erkläre es dir noch. Ist es nicht so, dass du dich oft nach etwas sehnst? Nach etwas, dass sich nicht so richtig in Worte fassen lässt?“ Nathalie übelegte einen Moment dann meinte sie: „Ja, da ist schon was.“ „Warum liest du z.B. diese Geschichte über die Büffelkalbfrau?“ „Nun ja...weil mich die indianische Kultur sehr fasziniert und ich mich den Indianern sehr verbunden fühle. Es ist oft ...als würde ich ihr Leid nachempfinden.“ „Es ist also nicht nur eine romantische, aber oberflächliche Begeisterung?“ „Nein, ganz und gar nicht, es ist...eine tiefe Bindung zu diesen Menschen, die soviel Kummer erfahren mussten und noch erfahren.“ Wandernder Bär senkte traurig den Blick und meinte leise: „Ja, da gibt es viel Kummer...“ „Sind sie ein Indianer?“ „Man könnte es so sagen, auch wenn der Ausdruck Indianer eigentlich nicht stimmt. Er wurde uns von den Weissen einst gegeben.“ Nathalies Herz klopfte aufgeregt. Noch nie hatte sie sich persönlich mit einem der amerikanischen Ureinwohner unterhalten. Wandernder Bär schien sehr weise zu sein, vielleicht war er sogar ein Medizinmann oder Schamane.

Als ob Wandernder Bär ihre Gedanken gehört hätte meinte er: „Ja, ich bin ein Schamane bei meinem Volk.“ „Wirklich? Aber was könnte ein Schamane von mir wollen?“

Wandernder Bär erwiderte: „Es mag jetzt sehr fremd in deinen Ohren klingen, aber wir beide... kennen uns schon sehr lange.“ „Wie genau meinen sie das?“ „Glaubst du an mehrere Leben mein Kind?“ „Nun ja... ich habe mich noch nicht so intensiv damit befasst, kann es mir aber gut vorstellen. Es gibt viele Kulturen die dieses Gedankengut vertreten. Für mich kling es plausibel, dass es mehrere Leben gibt. „Wenn du nun also meinen Worten Glauben schenken willst, so sind du und ich schon durch mehrere gemeinsame Leben gegangen. Ich bekam von Wakan Tanka dem Grossen Geist die Gabe  Einblicke in diese Leben zu erhalten. Deshalb weiss ich, dass du schon vor endlos langen  Zeiten meine Schülerin warst. Man nannte dich Sunkmanitutanka- die Wölfin oder kurz Suna.“ „Vor endlosen Zeiten soll das gewesen sein? Wie meinen sie das?“ „Das ist schwer zu verstehen. Du stammst jedenfalls von einem sehr wichtigen Geschlecht ab, dass es einstmals auf Erden gab. Man nannte dieses Geschlecht die „Allessehenden“. Sie bewegten sich zwischen der Welt der Tiere und der Menschen mit der grössten Selbstverständlichkeit, waren Teil beider Familien. Damals...waren die Tiere noch anders. Sie waren eigentlich wie Menschen, redeten und schrieben sogar. Nur ihre Körper unterschieden sich von denen Menschen. Diese „ersten“ Menschen nannte man Sternkinder, denn sie fielen einst vom Himmel herunter auf die Erde. Das kannst du in den indianischen Legenden nachlesen. Du bist eine der „Allessehenden“ Nathalie. Es ist deine Berufung das alte Erbe in dir wieder neu zu erwecken und so zur „Animal Rider- in“ zu werden. Animal Rider ist der heutige Ausdruck für die „Allessehenden“. Ich bin gekommen um dich in diese wichtige Aufgabe einzuführen.“ Nathalie war erst sprachlos, dann konnt sie sich ein Lachen nicht verkneifen. „Du weisst das diese Geschichte für mich sehr absurd klingt „Wandernder Bär“. (sie duzte den Indianer plötzlich, ohne sich dessen richtig bewusst zu sein) Es ist ein Märchen, ein wunderschönes Märchen aber nicht mehr. Wie kannst du von mir erwarten das zu glauben?“ „Ich habe gedacht, dass du das sagen wirst, aber dennoch bitte ich dich darüber nachzudenken. Was war da noch mit dem Hirsch im Wildpark?“ „Das mit dem Hirsch, aber woher...“ „Ich sagte bereits, ich beobachtete dich schon länger. Erinnerst du dich an die Krähe, die über dir im Baum sass, als du mit dem Hirsch gesprochen hast? Oder an das Wiesel, dass deinen Weg vor einigen Tagen kreuzte? Das war ich.“ „Du? Willst du mir jetzt etwa weismachen, dass du dich in Tiere verwandeln kannst?“ „Wie glaubst du, bin ich wohl so plötzlich in deiner Wohnung erschienen? Fledermäuse kommen durch jedes halboffene Fenster.“ „Du bist als Fledermaus reingekommen. Das ist ja richtig unheimlich. Es gibt da so Geschichten über Vampire.“ „Ich kenne diese Geschichten wohl,“ meinte der Indianer etwas verärgert. „Es ist eine schlimme Degradierung von Schwester Fledermaus. Doch darüber will ich nicht mit dir disskutieren. Es geht darum, dass du es schon mal geschafft hast mit einem Tier zu kommunizieren. Diese Gabe liegt in deinem Geist begründet. Du hattest einst als Animal Rider gar die Möglichkeit dich so wie ich, in verschiedene Tiere zu verwandeln. Doch diese Gabe gilt es erst wieder in mühsamen Schritten zu erlernen.“ Nathalie sah den alten Mann ungläubig an. „Du glaubst das tatsächlich, nicht?“ „Ich weiss es. Denn ich weiss dass du einst meine Schülerin warst. Einst als die Tiere und Menschen noch Freunde, sich in allem noch gleich waren, ausser in ihrer körperlichen Gestalt.“ „Aber das ist Unsinn!“ rief das Mädchen aus. „Das gibt es nicht!“ „Nur weil du das als aufgeklärte Europäerin nicht mehr glauben kannst?“ Nathalie war sprachlos. Schliesslich aber rief sie: „Dann beweise es mir! Verwandle dich vor meinen Augen in ein Tier und ich will es glauben.“ Wandernder Bär lächelte etwas mitleidig, dann meinte er: „Nein mein Kind. Das wäre nicht der richtige Weg. Du musst den Glauben in deinem eigenen Herzen finden. Wenn es so weit ist, ruf mich einfach und ich komme wieder. Dann zeige ich dir Dinge die sich deiner Vorstellung entziehen. Es liegt bei dir. Willst du den Weg der Animal- Riderin erneut beschreiten, oder willst du weiter leben wie bisher? Solltest du dich für ersteres entscheiden, bedenke dass es ein anstrengender Weg sein wird. Doch wenn du am Ziele anlangst, wirst du Wunderbares erfahren und in der Welt Grosses  bewirken können. Denk also drüber nach.Wärst du nun so höflich mir die Tür zu öffnen....“

3.Kapitel

Die kommenden Tage wurden für Nathalie sehr intensiv. Sie konnte einfach nich recht glauben, dass dieser alte Indianer ihr die Wahrheit gesagt hatte. Doch wie kam er dazu gerade ihr so etwas zu erzählen? Er sah nicht so aus wie einer, der irgendwas erfand. Und wenn, wozu schon? Doch was sollte sie davon halten? Irgendein Gefühl tief in ihrem Innern wollte gerne glauben, dass sie zu einem so speziellen Geschlecht gehörte, aber war das nicht einfach ihre Eitelkeit. Die Menschen hatten es so an sich, sich gerne für etwas Besonderes zu halten. Doch Nathalie war da bescheiden und jemand, der mit sich selbst meist viel härter ins Gericht ging als andere es taten. „Ich bin keine dieser Animal Rider!“ sagte sie sich immer wieder. „So eine Fähigkeit besitze ich nicht. Das mit dem Hirsch war vermutlich nur Zufall. Vielleicht waren es meine eigenen Gedanken, die mir damals einen Streich spielten. Ich soll mit diesem Wandernden Bär schon mehrmals durch ein Leben gegangen sein? Eine Welt wo Tiere und Menschen noch gleich waren, abgesehen von ihrer Gestalt...? Wie konnte sie an solch mythische Geschichten glauben? Ausserdem was würde sie erwarten, wenn sie sich nun doch entschied den Weg der Animal Riderin zu gehen? Es konnte sehr viele Umtriebe bedeuten, wie Wandernder Bär sagte: ein entbehrungsreicher, anstrengender Weg. Vielleicht würde sie all ihre Sicherheiten aufgeben müssen, um am Ende merken zu müssen, dass sie einem raffinierten Betrug aufgesessen war. Nun gut, es war schon ein reizvoller Gedanke, dass sie mit den Tieren kommunizieren und sich gar selbst in eins verwandeln konnte. Doch gerade letzteres erschien ihr total verrückt. Mit Tieren einen Dialog führen war eine Sache, aber zu einem Tier zu werden... Was für ein Quatsch! Am liebsten hätte sie diesen Mann niemals getroffen. Sie konnte nicht mal mit jemandem darüber reden, es war einfach zu seltsam. Ob sie mit Marc darüber reden wollte, überlegte sie noch. Doch er würde sie dann womöglich für total verrückt halten und das konnte sie nicht ertragen. Wandernder Bär verlangte von ihr eine Entscheidung. Doch sie hatte noch soviel Fragen an ihn.

Tief in sich gekehrt ging Nathalie den Mühlenbach entlang. Dieser schlängelte sich in einem Art Zickzack einen Hügel hinab durch den Wald. Es war ganz still, denn zu dieser Jahreszeit zog es die Leute nicht so hinaus. Es war einer der wenigen schönen Novembertage. Schon seit einiger Zeit war es ziemlich kalt und wundervolle, blauweiss glitzernde Eisgebilde schmücktend den Bach. Die Bäume waren voll mit Reif, der aussah wie filigrame Spitzen an einem Gewand. Nathalie überquerte den Bach auf einer kleinen Brücke. Nachdenklich blieb sie in deren Mitte stehen, lehnte sich an das Geländer und beobachtete, wie das noch ungefrorene Wasser sich seinen Weg unter und zwischen der eisigen Pracht hindurch bahnte. Alles sah wunderbar verzaubert aus, wie aus einer andern Welt und Nathalie begann im Geiste einfach zu dem Wasser zu sprechen: „Du bahnst dir deinen Weg, trotz all des Eises, ich beneide deine Kraft. Ich habe diese Kraft nicht. Ich wünschte ich hätte sie...“ Und auf einmal erhielt sie eine Antwort: „Das hat nichts mit Kraft zu tun, sondern mit Stetigkeit. Ich weiss eines Tages werde ich das Eis besiegt haben. Es ist wie mit deinem Leben. Dein Leben ist voller kristallisierter Formen, doch der Geist fliesst überall, er bahnt sich auch seinen Weg früher oder später. So wird es die Erkenntnis bei dir tun.“ „Aber was soll ich machen? All das mit den Animal Ridern, ich kann es einfach nicht glauben.“ „Du allein musst das entscheiden, doch bedenke, dass  kristalliesierte Formen einst aufgelöst werden müssen. Wir sind alle Eins, alle. Doch du musst es auch glauben...“ Nathalie schreckte aus ihrem meditativen Zustand auf. Was machte sie da nur? Wie kam sie dazu mit diesem Bach zu reden? Sie wurde wohl wirklich langsam verrückt. Ruckartig wandte sie sich ab und verschloss ihr Herz erneut vor dem eigentlich Offensichtlichen. Bäche redeten nicht, Tiere redeten auch nicht...Nun ja letztere vielleicht noch eher, aber Bäche auf keinen Fall, auf gar keinen Fall!

„Ich lasse mich doch jetzt nicht verrückt machen!“ dachte sie bei sich. „Dieser Indianer hätte gar nicht in mein Leben treten sollen, er hat alles durcheinander gebracht. Mein Leben war doch immer in Ordnung, wie es war. Das ganze Geschwätz von den Animal Ridern, ein völliger Unsinn, absurd, einfach absurd...“ Sie wiederholte diese Worte mehrmals um ihnen noch mehr Kraft zu verleihen. Da trieb jemand einen Scherz mit ihr, ganz sicher. Ein grausamer Scherz. Sie wollte sich auf keinen Fall übertölpeln lassen. Sie wusste um die Realität. Warum aber...spürte sie dennoch diese tiefe Traurigkeit in ihrem Innern, diese seltsame Unsicherheit?

Besorgt blickte ich immer wieder hinaus ins Freie. Pechschwarze Regenwolken jagten über den Himmel. Es blitzte und donnerte. Der Regen war wie ein dichtgewobener Vorhang. Die Erde konnte die Wassermassen nicht mehr aufnehmen. Die wenigen Seen und Flüsse in der näheren Umgebung waren bereits über die Ufer getreten. Unsere Menschenbrüder und wir, trugen in wilder Hast Lebensmittel, Brennholz und andere wichtige Gegenstände zusammen.Wir befanden uns nun in der zweiten Hälfte des „Gras-grün-Mondes“(April) und mein Freund Alter Kojote und ich hatten heute beschlossen uns in der „Sonne-Mitte-nicht-mehr“ Zeit(Nachmittags) zu treffen, um die Boote zu begutachten, die man unter Aufsicht der Biber-der grossen Baumeister gefertigt hatte.

Es dauerte nicht lange und wir wateten durch das schon beängstigend hoch stehende Wasser. Das sonst hellbraun und weiss schattierte Fell von Alter Kojote, war vollkommen durchnässt und nun von schmutziger, dunkelbrauner Farbe. Von seinen spitzen, grossen Ohren tropfte der Regen. „Eine äusserst unangenehme Situation,“ murmelte er vor sich hin und wir beide blickten ängstlich hinauf in den Himmel, über den der gewaltige Donnervogel einmal mehr seine zuckenden Blitze schleuderte. Von weitem zeichneten sich nun die Umrisse der Boote langsam ab, die bereits auf dem Wasser hin und her schaukelten.

Auf einmal kam mir Kai entgegengelaufen. Soweit das jedenfalls ging, in dem für ihn bereits knietiefen Nass. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung, worüber ich im Anbetracht der ungemütlichen Situation nur staunen konnte.

„Kommt mit!“ rief mein Schüler. „Ich muss euch etwas zeigen.“

Wir folgten ihm und blieben auf einmal ungläubig stehen. Vor uns ragte ein etwas drei Mann hohes Schiff auf. Es war in seiner Form einer gewaltige Nussschale ähnlich und es musste aus mehreren Teilen bestehen, obwohl es wie eine Einheit wirkte. Es schien als wäre es aus einem einzigen Baum gefertigt worden. Das ist mein Werk!“ freute sich Kai. „Ich habe auch den andern einige Tips gegeben. Allerdings ist mein Boot besonders gross und schön. Ich dachte der Rat könnte es vielleicht benutzen. Es hat auch sonst viel Platz. Kommt herauf!“ Über eine Art Holzkonstruktion die man am Schiff angelehnt hatte, gelangten wir auf das Deck. Von dort aus führte ein Niedergang in dessen Bauch. Es hatte unglaublich viel Platz. Alter Kojote und ich kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Wie hast du das gemacht Kai?“ fragte ich fassungslos. „Sowas hab ich noch nie gesehen.“ „Das erzähle ich dir ein ander mal Vater Mato. Ich glaube wir müssen uns langsam beeilen, wenn die Flut uns nicht alle verschlingen soll.“ „Da hast du natürlich recht,“ erwiderte ich. „ Der Rest des Rates trifft bald ein. Ich glaube wir richten uns hier mal häuslich ein. Was meinst du Bruder Kojote?“ „Nun ja...“ sprach dieser etwas unsicher und schielte auf das seltsame Schiff. „Ich weiss nicht...ob ich diesem „Boot“ trauen kann... Du weisst es liegt etwas in der Natur der Dinge, dass ich mich ständig in unangenehme Situationen hinein manövriere. Wenn diese Schöpfung Kais nun unter meinen Pfoten entzweibricht?“ „Das geschieht bestimmt nicht!“ rief mein Schüler, entrüstet aus. „Es ist das sicherste Schiff aller Schiffe hier. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer!“ „Oh lieber nicht!“ sprach der Kojote, als hätte er Erfahrung mit derlei Dinge. „Das ist nicht nötig. Wenn Mato deinem „Boot“ vertraut, tu ich es auch.“ „Kai hat mein uneingeschränktes Vertrauen,“ erwiderte ich mit Nachdruck „und so auch seine Schöpfung, die mich wahrhaftig fasziniert. Die Sternkinder haben schon grosse Begabungen.“ „ich hoffe nur, dass diese Begabungen ihnen und uns nicht mal zum Verhängnis werden,“ murmelte Alter Kojote mehr zu sich selbst, als zu mir. Etwas ärgerlich sah ich ihn an. Doch mitlerweile kannte ich meine alten Freund. Durch seine Erfahrungen, war er vorsichtig geworden.

Bei mir dachte ich: „Eines Tages werden uns die Sternkinder sicher mit ihren Begabungen überholen. So ist wohl unser Schicksal...“

„Werden du und der Rat also mein Boot benutzen?“ fragte Kai aufgeregt. „Nun ja...“ erwiderte ich. „So weit es mich betrifft schon. Doch jeder muss das selbst entscheiden Cinksi(Sohn). Jedenfalls hast du Erstaunliches geleistet, ich gratuliere dir. So werde ich also alles für unsere lange Reise vorbereiten.“

Nathalie fühlte sich selbst wie auf einem Schiff, das auf den Wellen sich abwechselnder Emotionen hin und her geworfen wurde. Die ganze Zeit musste sie an das denken was sie erlebt, was sie erfahren hatte. Mehrmals griff sie nach dem Telefonhörer um Marc doch noch anzurufen, nur um mit jemandem zu sprechen. Doch immer wieder liess sie es sein. All das war einfach zu unglaublich.

Die ganze Zeit fühlte sie sich wie eine Schlafwandlerin. Sie funktionierte nur noch. Zum Glück hatte sie jetzt wenigstens Ferien, so stellte ihr niemand unangenehme Fragen. Tiefe Phasen der Unsicherheit wechselten sich mit jenen tiefer Sehnsucht ab, dass die alles doch wahr sein möge und sie eine viel wichtiger Aufgabe innehatte, als sie es bisher dachte. Sie litt sehr, weil sie einfach nicht wusste, was sie tun sollte. Was verlangte man von ihr wenn sie den Weg der Animal- Rider einschlug? Was würde sie überhaupt genau erwarten? Würde sie überhaupt etwas erwarten. Konnte sie, wollte sie alles dafür opfern? Oder bedeutete es doch kein so grosses Opfer?

Die Ungewissheit trieb die junge Frau beinahe in den Wahnsinn. Sie wurde richtig schwermütig, verlohr die Freude am Leben und zog sich immer weiter in ihr Innerstes zurück. Nichts schien mehr von Bedeutung, nur diese selsame Geschichte.

Es war diese Ratlosigkeit, die sie krank werden liess. Schliesslich reagierte ihr Körper und sie bekam eine schwere Grippe mit hohem Fieber.

Ihre besorgten Eltern brachten sie zum Arzt, doch trotz aller Medikamente, wurde Nathalie einfach nicht recht gesund. Sie war in der Seele krank.

Eines Nachts als sie sich wiedermal in Fieberträumen wand, kehrte auf einmal eine selsame Ruhe in sie ein. Es wurde ganz warm um sie und das Licht eines goldenen Feuers erschien vor ihren Augen. Sie trat näher an die Flammen heran und nahm deren wohlige Wärme und den sanften Schein ganz in sich auf.

Als sie sich erstaunt umsah, fand sie sich in einem indanischen Tipi wieder. Es bestand aus wetterfest gegerbten Tierhäuten, wurde gestützt von mehreren Kieferstäben und war bemalt mit selsamen Ornamenten. Der Rauch des Feuers zog durch eine Öffnung im Dach ab. Überall im Innern befanden sich selsame Gegenstände: Talismane aus Federn, Türkise, Tierknochen und Krallen. Es gab alle Arten von getrockneten Kräutern und Tinkturen in den verschiedensten Farben.

Biberfelle die wie Nussbutter glänzten hingen an einigen Querstangen unter dem Dach. Daneben befand sich tönernes Geschirr. Es gab eine Schlafstelle, gepolstert mit einem schwarzen Bärenfell.

Auf einmal entdeckte Nathalie neben dem Feuer eine knieende Frau. Sie war vorher noch nicht da gewesen. Ihr einst schwarzes, glänzendes Haar, zu zwei Zöpfen zusammengebunden, sah aus wie gewobenes Silber. Die Farbe ihrer bereits sehr runzligen, kupfernfarbenen Haut, wurde vom rotgoldenen Schein des Feuers erhellt. Sie bereitete gerade einen Sud von dunkelgrüner Farbe zu. In einem Mörser zerstiess sie, ein für Nathalie unbekanntes Kraut und warf es ebenfalls in den Topf. Weisser Dampf der einen intensiven Geruch verströmte stieg hinauf zum Zeltdach.

Die Alte, welche ein Hirschledergewand mit Fransen und perlenbestickte Mokassins trug, füllte nun den Sud in ein kleineres Gefäss vermutlich eine Tasse ab.

In diesem Augenblick sah sie auf und Nathalie direkt ins Gesicht. Ihre Augen, tiefgründig und geheimnisvoll, wie schwarzglänzende Höhlenseen, durchdrangen das Mädchen. Sie stiessen in die tiefsten Tiefen ihrer Seele vor. Nathalie glaubte, dass sie in ihr wie ein offenes Buch lesen konnten. Auf einmal wurde sie beschämt und Tränen kullerten ihr über die Wangen. Sie fühlte sich so traurig und entsetzlich verloren. Irgendwie erkannte sie plötzlich dass sie sich verirrt hatte. Alles woran sie bisehr geglaubt hatte, schien wie ein Kartenhaus zusammen zu stürzen. Sie glaubte sich nie wieder aufschwingen zu können und das löste in ihr unendlicher Kummer aus.

„Sei nich traurig takoza,“ sprach nun die Frau auf einmal mit sanfter, dunkler Stimme. „Es gibt immer wieder Zeiten in unserem Leben, wo wir uns ganz neu orientieren müssen. Oft erscheint es, als würden wir einen grossen Verlust erleiden, doch wenn du lernst loszulassen, wenn du lernst das anzunehmen was ist, ohne Angst und stets in der Zuversicht, das Wakan Tanka (Gott) dir den Weg weist, dann wirst du wunderbare Befreiung erfahren.“ „Aber es ist soviel Furcht in mir. Ich weiss nicht was mich erwartet, wenn ich diesen Weg der Animal- Riderin einschlage. Ich weiss nicht, ob ich dazu im Stande bin. Ich weiss nicht mal, ob das alles überhaupt wahr ist. Wenn ich mein altes Leben aufgeben soll, dann muss ich sicher sein, dass es stimmt. Was also kann ich tun Grossmutter?“(sie hatte dieses Wort einfach so dahin gesagt, ohne darüber nachzudenken). „Du weisst doch eigentlich die Antwort schon.“ „Nein, das stimmt nicht!“ rief Nathalie aus. „Ich weiss gar nichts, überhaupt nichts und das macht mich noch verrückt!“ „Weil du nicht wagst auf das zu hören was dein Herz dir sagt,“ antwortete die Indianerin mit einem etwas tadelnden Unterton in der Stimme. „Die Weissen sind manchmal so in ihrem Denken verhaftet. Versuche etwas mehr wie eine Indanerin zu denken, dann wirst du Vieles anders sehen lernen.“ „Aber ich bin nun mal keine Indianerin Grossmutter. Ich bin eine Weisse und ich mache mir über so manches einfach Gedanken.“ „Du bist nicht nur... eine Weisse takoza, in unseren Adern fliesst dasselbe Blut, auch wenn du davon nichts weisst. Du hast es vielleicht mal gespürt, aber nicht gewusst.“ „Was meinst du damit?“ fragte  Nathalie erstaunt. „Wer...bist du?“ „Was glaubst du denn?“ „Ich weiss es nicht.“ „Warum nennst du mich Grossmutter?“ Das Mädchen überlegte, dann meinte sie: „Nun ja...vielleicht weil ich schon oft gelesen habe, dass man diesen Ausdruck verwendet.“ „Wieder machst du dir selbst etwas vor. Verstehst du denn das Wort das ich für dich nehme?“ „Du meinst dieses...Takoza? Nein das verstehe ich nicht.“ Die alte Frau fixierte das Mädchen erneut intensiv mit ihren Augen und sprach dann: „Es bedeutet Enkelkind. Du bist meine Enkelin Nathalie, vielmehr meine Ur- Enkelin.“ „Waas!“ Nathalies Augen weiteten sich. „Aber...das kann unmöglich sein!“ Ich weiss nichts von einer indianischen Urgrossmutter. Ausserdem...müsstest du dann schon sehr alt sein.“ „Ich bin 89 Jahre alt, denn ich habe deine Grossmutter schon früh bekommen, etwa mit 16.“ „Davon habe ich nie etwas gehört, auch wenn ich mich schon mit dem Stammbaum unserer Familie befasst habe.“ „Man weiss offiziell nichts von mir takoza, aber ich habe deine Grossmutter geboren. Dein Ur- Grossvater nahm mir meine Tochter einst weg, um sie nach europäischen Massstäben zu erziehen. Er war Engländer wie du weisst. Natürlich wollte er auf keine Fall das jemand von unserer Affäre erfuhr. Damals wurden die Indianer noch viel weniger respektiert als heute. Meine Eltern haben noch die Zeiten erlebt, als mein Volk frei in den Plains (Ebenen) umherwanderte. Sie haben mir viel erzählt, auch über den Niedergang unseres Volkes. Ich wurde noch in die alten Traditionen eingeführt und schliesslich übernahm ich das Amt einer Medizinfrau der Lakota Sioux, die dann eine Zeit lang gar selbst ihre Kultur vergassen. Heute werden die alten Rituale wieder mehr gepflegt, aber es ist immer noch ein langer Weg bis zur wahren Freiheit.“ „Aber...das alles ist doch verrückt,“stotterte Nathalie. „Du bist nur ein Traum, vielleicht eine Wahnvorstellung von mir. Ich fühle mich so krank und schwach.“ „Darum habe ich Verbindung mit deiner Seele aufgenommen takoza, um dir beizustehen. Aber es gibt mich auch in der realen Welt, es wäre schön wenn du mich eines Tages besuchen würdest. Ich weiss, dass es dir sehr schlecht geht. Darum habe ich dir diesen Trank zubereitet. Trink ihn und es wird dir wieder besser gehen!“ Nathalie schaute etwas skeptisch auf das grünliche Gebräu. „Wenn ich das trinke...werde ich dann wieder alles was ich hier erlebte vergessen?“ „Nein, du wirst dich erinnern und vielleicht gibt dir das den nötigen Auftrieb deine wahre Bestimmung zu erfüllen. So denk immer daran, dass in deinen Adern auch indianisches Blut fliesst. Das wird dir zu tieferen Einsichten verhelfen. So trink nun und dann...schlaf...“

Die junge Frau nahm das Gefäss dass ihr ihre Urgrossmutter reichte. Der Trank schmeckte bitter und doch irgendwie süsslich. Er rann warm ihre Kehle hinunter und schien dann direkt in den Blutkreislauf hinein zu gelangen. Jedenfalls erfüllte Nathalie auf einmal eine wohlige Wärme und ein stiller, innerer Frieden.

Und dann schlief sie ein...und während sie schlief kehrten die Kräfte in ihren Körper zurück und die Krankheit entwich aus ihrem Organismus...